Der Verbindungsmann
Zu Besuch bei WBT
Text von: Dr. Petra Kirsch
Sie revolutionierten das Image einer ganzen Branche: Wolfgang B. Thörner und seine Firma WBT. Aus Frust und mit Pioniergeist. „hifi-tunes“ hat beide in Essen-Kettwig besucht, den Marktführer und seinen Schrittmacher.
Es gibt wohlhabende Audiophile und begeisterte Audiophile. Das ist nicht unbedingt dasselbe. Die einen haben alles und reden nicht darüber. Die anderen, die mit der limitierten Wirtschaftskraft, müssen damit leben, dass es für das Gute vom highfidelen Besten finanziell einfach nicht reicht. Umso intensiver setzen sie sich in der Theorie mit diesem Thema auseinander. Andächtig studieren sie die Fachzeitschriften, die sie natürlich alle abonniert haben. Mit einer Ernsthaftigkeit, die an Besessenheit grenzt, trainieren sie ihr Trommelfell – am liebsten in exklusiven High-End-Studios, wo sie ausgiebig die Neuerscheinungen im A-B-Verfahren vergleichend testen und dabei auch mit kritischen Kommentaren dem Fachpersonal gegenüber nicht geizen. Überhaupt zeichnet sich diese Spezies Audiophile durch ein lebhaftes und der jeweiligen Situation nicht immer adäquates Mitteilungsbedürfnis aus. Solche Leute tun ihre highfidelen Erkenntnisse sowie ihren augenblicklichen Informationsstand auf diesem Sektor zu jeder Tages- und Nachtzeit, sommers wie winters, egal ob beim Galadiner oder im Schützenverein, kund. Ungefragt und ungebeten. Das bekommt ihrer gesellschaftlichen Reputation im Freundes- und Bekanntenkreis nicht immer gut.
Auch ich kenne einen solchen Audio-Philosophen. Jürgen heißt er, und er ist noch in der Phase, in der man seine Lautsprecher streichelt und an den Anschlussbuchsen des Verstärkers Staub wischt.

Residieren auf weitläufigen 6000 Quadratmetern Grund: Wolfgang B. Thörner und seine Firma WBT
In jener Phase also, in der man die unüberbrückbare Kluft zwischen haben und haben wollen (noch) nicht akzeptiert. Neuerdings kann ich an ihm einen Hang zu Justage-Sets, Netzleisten, Test-CDs, Kabeln, Steckern beobachten. Immer wenn das Gespräch auf highfideles Zubehör kommt, und dafür sorgt Jürgen jetzt rund um die Uhr, erfahre ich von ihm, das sei das einzig Wahre. High End in Reinkultur! Wenn man mal so wie er Einblick in die Materie genommen habe, könne man den normalen Kabelschrott und die ganzen Billigstecker nicht mehr ertragen. Am Schluss seiner Ausführungen murmelt er dann immer etwas von den unglaublich niedrigen Kosten, und sein Blick sagt: Arm ist gar nicht schlimm, wenn man einen Disc-Demagnetizer hat.
Seit einiger Zeit gibt es unter Audiophilen diesen Trend zum highfidelen Zubehör. Das war nicht immer so. Bis in die späten achtziger Jahre hatte hochwertiges Zubehör bei Highendern, und nicht nur dort, keinen besonders guten Ruf. Es galt als Ausgeburt übler Geschäftemacherei, hilfloser Versuch von Esoterikern, die minderwertige Anlage durch obskure Accessoires aufzuwerten, als überflüssiger und schwer verkäuflicher Schnickschnack. Das Bild hat sich in den letzten Jahren gewandelt. Heute können Kabel ein wichtiges Feature für Luxus-HiFi sein, heute weiß man, dass auf dem Weg vom Kraftwerk bis zum Lautsprecher unzählige Störquellen den Klanggenuss trüben können, die man mit entsprechend hochwertigem Zubehör besser in den Griff bekommt. Und doch, dachte ich, als ich in den Zug stieg, der mich zur uneingeschränkten Weltmacht im Bereich der Qualitätsstecker mit den wohl besten Lautsprecherbuchsen aller Zeiten bringen sollte, sind solche Features nicht ein wenig überschätzt? Vor allem von Audiophilen wie Jürgen, die damit nur von ihrem Image-Problem, das sie mit ihrer im besten Fall mittelmäßigen Anlage haben, ablenken wollen.
Essen-Kettwig. Eine kuschelige Kleinstadt mitten im Pott. Schiefe Fachwerkhäuschen mit schwarzen Schieferdächern, in der Ruhr baden schnatternd Gänse, in den Schrebergärten blühen Hortensien und Zierkirschen. Auf dem Wasserbahnhof kommt mir eine zierliche Brünette mit einem herzlichen Lächeln entgegen – Gabriele Hofmann, die Marketing-Leiterin von WBT. Im silbergrauen Audi fahren wir in das aufgeräumte Industriegebiet Im Teelbruch. Mehr Gebiet als Industrie: Die Steckermanufaktur logiert auf 6000 Quadratmeter Grund und hält auch zu ihren Nachbarn, das sind Axel Springer West und ein Baumarkt-Center, großzügig Distanz. Hinter dem viergeschossigen roten Klinkergebäude mit den tiefblauen Fensterrahmen liegen die Opfer von Kyrill: 30 Meter hohe Laubbäume kreuz und quer, wie bei einem frisch aufgeworfenen Mikadospiel. Früher, merkt die Marketing-Leiterin mit einem bitteren Unterton an, hatte sie einen herrlichen Wald vor ihrem Fenster, jetzt diesen desolaten Anblick.
Auch innen zeigten sich die Architekten beim Verteilen von Platz und Raum sehr freigiebig. Ein breiter, heller Mittelgang, der gar nicht aufzuhören scheint. Großraumbüros mit dunkelgrauen Schreibtischen und weißen Schränken für zwei Mitarbeiter. Und ein Chefzimmer, das sich mit seiner Riesenpalme und dem mannsgroßen Kaktus auch als Gewächshaus eignen würde. Hier, umgeben von zwei ausladenden Sitzgruppen und moderner Kunst in Orange, residiert Wolfgang B. Thörner. Anthrazitfarbiger Anzug und ein dezent weiß-blau gestreiftes Hemd, ein offener, freundlicher Blick und tiefe Ringe unter den blauen Augen, die von zu wenig Schlaf künden. Mit seinen glatten, straff nach hinten gekämmten Haaren, der leisen Stimme und der Art, wie er seine Worte sorgfältig wägt, wirkt er wie eine Erscheinung aus einer anderen Welt, eine Kreuzung aus besorgtem Sozialarbeiter und grübelndem Wissenschaftler. Lange Jahre war Thörner auf der Suche, auf der Suche nach dem für ihn passenden Wirkungsfeld. Zunächst erlernt der gebürtige Osnabrücker den Beruf des Industriekaufmanns, diplomiert später zum Betriebswirt, verdingt sich dann als Einkäufer in der Automobilindustrie, studiert schließlich, weil ihm dieser Job zu hart und zu brutal erschien, Psychologie und gründet erst mit 39 Jahren, im Jahr 1985, seine GmbH, die er auf die Initialen seines Namens tauft – WBT.

Zwei mit einem gemeinsamen Hobby im Fachgespräch: die Autorin und der Verbindungsmann

Hinter Glas: die nächste Generation als Anschauungsund Demonstrationsobjekt

Darauf basiert WBTs rasanter Anfangserfolg: der CinchStecker zum Crimpen als Großmodell

Effizient und engagiert von Anbeginn dabei: Marketing-Chefin Gabriele Hofmann

Auch diese Innenkontakte werden im Schwarzwald hergestellt, mit WBT-eigenen Werkzeugen

Noch fehlt diesen Packschachteln das Entscheidende: der Stecker und – die Bedienungsanleitung
Eine Firma, die aus Frust und Ärger geboren wurde. Aus der Unzufriedenheit des HiFi-Hobbyisten (Thörner über Thörner) mit den damals handelsüblichen Steckern. Während nämlich die Geräte der Unterhaltungselektronik, sagt der 60-Jährige rückblickend, immer besser wurden, entwickelten sich die Schnittstellen, die Steckverbindungen eher zurück. Die deutsche Industrie hatte mit dem DIN-Stecker ihren letzten großen Auftritt, sich dann übergangslos aus dem Geschäft zurückgezogen und eine große Leere hinterlassen. Nicht lange, dann traten die Asiaten auf den Plan und füllten behände dieses Vakuum. Zu Thörners Leidwesen mit durchwegs schlechter Qualität. Er globalisierte nämlich damals schon den Wahlspruch eines jeden HiFi-Verkäufers. Dass die Kette nur so stark wie ihr schwächstes Glied ist, war zwar jedem halbwegs an der Audio-Materie Interessierten geläufig, doch bis dahin kamen Kabel oder Stecker als Kettenkomponenten nicht vor. Sie existierten einfach nicht. Und dabei sind sie doch, wirbt der Firmenherr um die Anerkennung eines übersehenen Genies, so wichtig wie jeder Lautsprecher oder Verstärker. Das sei genau wie beim Computer. Wenn die Schnittstelle (der Stecker) ein bestimmtes Qualitätslevel unterschreitet, entwickelt sie sich zum Nadelöhr, das nur noch kleine Datenmengen (eine deutlich verminderte Klangfülle) passieren lässt. Und dann hatten die Cinch-Stecker seinerzeit, wegen der Eigenklemmung in Tateinheit mit dem Fehlen jeglicher Norm, die hässliche Angewohnheit, sich selbstständig in ihre Einzelteile aufzulösen, was sie vor Thörners erschreckten Augen oft genug auch taten.
Da hatte der Hobbyist, der am liebsten spanische Gitarrenmusik und Frauenstimmen wie die von Norah Jones und Kate Smith hört, dann endgültig die Nase voll. Aus seinem Unmut erwuchs eine Vision und daraus wieder eine Idee: Dieses Problem der Selbstdemontage würde er, Wolfgang B. Thörner, ein für allemal lösen. Und zwar mit einem Stecker, der in seinem Außendurchmesser anpassbar ist. Genau wie die Spannbacken im Futter einer Bohrmaschine. Er greift in seine Sakkotasche und zieht ein golden glänzendes kompaktes Etwas – WBTs Erstgeburt – hervor. Zerlegt es wortlos in seine Einzelteile und deutet, noch immer stumm, auf das kleine Kettwiger Wunder, das Thörners Wende seiner Lebensplanung markiert: einen Lamellenkranz aus Messing, der von einem Ring zusammengedrückt wird. Damit war der flexible Cinch-Stecker geboren, der das Image einer ganzen Branche revolutionieren sollte. Mit seinem Spannzangenmechanismus passte sich der 0100 allen marktgängigen Buchsen, großen wie kleinen gleichermaßen, mühelos an. Ein maßgeschneiderter Anzug für die verschiedensten Konfektionsgrößen, von XXS bis XXL.
Thörner hatte sich viel vorgenommen, gleich von Anfang an. Zum einen sagte er als Missionar in Diensten der Kompatibilität dem unerhörten Wildwuchs auf diesem Sektor den Kampf an. Die Schnittstellen des Klang erzeugenden Funktionsmöbels, als das er den Lautsprecher sieht, sollten endlich berechenbar, mussten standardisiert, genormt werden. Zum andern wollte er seine Produkte in Eigenregie vertreiben und sie hier in einem Hochlohnland bauen lassen: „Ich glaube an die Fähigkeiten vieler Menschen hier – es gibt kein einziges Teil bei WBT, und sei es noch so klein, das nicht in Deutschland gefertigt wurde.“ Hinzu kam seine begrenzte finanzielle Situation und die Tatsache, dass er eine neue Marke auf dem Markt platzieren musste. Er hatte also immerhin vier schwere Handicaps zu überwinden bei seinem Vorhaben, Deutschlands erster (und bislang einziger) Hersteller von Audiosteckern zu werden. Dennoch trat er seinen Marsch durch die Wüste an, obwohl er zu diesem Zeitpunkt nicht abschätzen konnte, ob ihn dieser in eine blühende Oase oder zu einem vergifteten Wasserloch führen würde. Dass er geradewegs auf die Oase zumarschiert ist und nicht in den Ruin, verdankt er zum Beispiel Frau Hofmann, die seine Ideen und seinen Anspruch nach außen trug. Oder der 160 Jahre alten Feindreherei im Schwarzwald mit dem Riesen-Know-how, in der die Mitarbeiter bereits in der vierten und fünften Generation in Lohn und Brot stehen. Aber auch seiner eigenen Genügsamkeit: Es war immer genügend Geld da für den Erhalt der Arbeitsplätze und die zum Teil happigen Entwicklungskosten inklusive Patentschutzgebühren.

Jochen Schwarz an der Kniehebelpresse bei der Vormontage von Signalleitern

Auch die optische Kontrolle gehört zu den Aufgaben des stellvertretenden Fertigungsleiters

Ein qualitätssicherndes Duo: Frau Kötter und ihr drehmomentkontrollierter Schrauber …

… drehen mit stets gleichbleibender Kraft Kabelschuhschrauben in das Gewinde

WBT hat sich bewusst für das Hochlohnland Deutschland entschieden, für qualifizierte Mitarbeiter …

… wie zum Beispiel für Frau Arlt, die hier Koax-Buchsen mit Innenkontakten bestückt
Und so liest sich die Geschichte der Drei-Buchstaben-Firma wie eine Bedienungsanleitung für Jungunternehmer „Wie mache ich alles richtig?“. Schon zu Beginn, 1985, konnten die Kettwiger den Achtungserfolg von 180000 DM als Jahresumsatz verbuchen – 2006 war es mehr als das 60-Fache, nämlich 5500000 Euro. Das klingt viel, wird aber noch mehr, wenn man sich ihre Preisliste anschaut. Die beginnt bei der 0721-Platinenklemme für 4,50 Euro, also weniger als für zwei Kilo Waschpulver fällig wäre, und ist bei 48,50 Euro, so viel kostet eine WBT-0702-Lautsprecherklemme, bereits an ihrem absoluten Limit. Trotz dieser relativ moderaten Preise fanden Thörners Stecker vorerst nur Zugang in die Privathaushalte. Die Industriekunden lobten zwar seine Erfindung – Ja, das macht Sinn, durchaus! – und rühmten die präzise und stabile Verarbeitungsqualität, sagten ihm aber auch klipp und klar: Wir sind erst interessiert, wenn Ihr Markenname unserem Markennamen nützt. Stichwort Co-Branding. Das heißt: Sie mussten den Markt allein überzeugen, sich ein Image aufbauen. Das war mühsam, aber lohnend.
Heute machen sie immerhin 50 Prozent Umsatz mit ihren insgesamt 335 Industriekunden. Mit Acapella, B&W, Burmester, Cabasse, Dynaudio, Einstein, Esoteric, Infinity, Klipsch, Krell, Linn, NAD, Naim, Pioneer, Restek, Sonus Faber, Tannoy, Transrotor undundund. Diese klangvollen Namen arbeiten mit WBT zusammen, um ihre Geräte audiophil aufzurüsten. Also nur in der obersten Schiene, was geringe Stückzahlen zur Folge hat, bedauert Thörner, wir sind das Krönchen, der Imageträger, das ist unser Schicksal. Daneben versorgen autorisierte Distributoren ihre Endkunden in fast allen Ländern dieser Welt. WBT-Stecker findet man in den Niederlanden und Neuseeland, in Korea wie in Kanada, in Singapur, Serbien und Südafrika, in Ungarn und in den USA. England gilt als gutes Lieferland, die Amerikaner sind ihre fleißigsten Abnehmer. Und wie darf man sich den typischen WBT-Endkunden vorstellen? Als männlichen Hobbyisten, der sich auch mit den Details beschäftigt, antwortet Thörner. Technisch sehr interessiert, sehr informiert. (Der Typ kommt mir irgendwie bekannt vor, der ist bestimmt auch extrem gesprächig.) Kein Yuppie mit Lifestyle-Gedanken, denn unsere Produkte sieht man ja nicht. Wir sind nicht der Mercedes im Vorgarten, kommt der Stecker-Guru zum Ende seines Kurzreferats, wir sind der Mercedes für Eingeweihte.
Im Landhaus Rutherbach von Kettwig. Herr Thörner hat sich für die klassische Variante entschieden, für ein saftiges und butterweiches Steak, ich war schon etwas mutiger und habe Hühnchenbrust mit Holunderblütensauce bestellt. Doch am verwegensten ist Frau Hofmann. Sie hat ein signalrotes Paprika-Carpaccio und eine ins Gräuliche changierende Thunfisch-Mousse auf ihrem Teller. Couragiertes Draufgängertum legt die Marketing-Chefin auch an den Tag, wenn sie auf Plagiate trifft. Vor allem wenn sie, der dreisteste aller Tricks eines Fälschers, in Verbindung mit Raubkopien des Logos und der WBT-Plakate auftreten. Da wird schon mal ein nagelneuer Aufsteller demoliert oder auch gern ein ganzer Messestand attackiert. Die klauen nicht nur unsere Produkte gnadenlos, sondern auch unser Marketing, das ist Diebstahl, und zwar im doppelten Sinne, entrüstet sich Gabriele Hofmann, dagegen gehen wir rigoros vor. Und so einen Hals kriege ich, spreizt sie die Hände weit ab und blickt wie ein Flammenwerfer auf ihre Thunfisch-Mousse, die unter dieser Feuersbrunst langsam dahinschmilzt, wenn Reklamationen ins Haus kommen. Wenn Stecker mit unserem Logo beanstandet werden, zum Beispiel weil ein Zacken aus dem Lamellenkranz herausgebrochen ist. Beim Original geht das gar nicht, denn bei WBT ist das ein massives Drehteil. Dagegen sieht Wolfgang B. Thörner das Thema Produktpiraterie gelassener, mehr unter dem Aspekt der Wirtschaftlichkeit: „Wenn ich mir die Mühe mache, alles, jedes Detail zu kopieren, dann kann ich es doch gleich selber machen. Oder?“

Kunterbunte Stecker-Mischung mit neun verschiedenen Surround-Codierungen

Der Mercedes für Eingeweihte: links vergoldet, dann mit Platinbeschichtung und auf Hochglanz poliert

Im Halbfertigteilelager: Fertigungsleiter Horst Cramer ist u. a. für die Eingangskontrolle zuständig

Dieser modifizierte Verstärker von Symphonic Line wird nur für Vergleichsmessungen benützt
Dieser Gedanke beruht auf einer Überschätzung seiner ungeliebten Epigonen. Raubkopierer wollen sich das ja gerade ersparen. Den geistigen Aufwand, den Innovationen erfordern, die Mühe, die eine rein auf Handarbeit basierende Fertigung macht. Die bittere Wahrheit ist doch, dass jede Neuheit auch ein neues, in der Regel sehr aufwendiges Tooling verlangt. Ein gutes Beispiel ist dafür das Crimpen, eine weitere kleine Perle in der großen Kettwiger Schatzkammer. Thörner hat diese Quetschtechnik des Kaltverschweißens, die aus dem Flugzeugbau kommt und bei der das Kabel im Stecker mit Schrauben befestigt wird, als Erster eingeführt. Vorteil: Es muss nicht mehr gelötet werden, das Kabel sitzt bombenfest. Ein noch besseres Beispiel sind die 300000 Euro, die ihn allein Entwicklung und Werkzeuge seiner 0710-Polklemme, das i-Tüpfelchen der Nextgen-Reihe, kosteten. Während seine Cinchs sich noch mit der traditionellen Drehteilfertigung zufriedengaben, brauchte man für die Wortzwitter-Baureihe ein komplett andersartiges Herstellungsverfahren. Für diese Technologie musste er erst einmal das Kunststück fertigbringen, die Buttermaterialien Reinkupfer und Massivsilber formbar zu machen. Mit simplem Drehen war es da nicht getan, das ging nur mit einer ausgefuchsten Stanzbiegetechnik und einer 200 Tonnen schweren, begehbaren Spezialmaschine. Die zwar im Schwarzwald steht, ihm aber gehört.
Thörner hat seine nächste Generation 2003 auf den Markt gebracht, zu einer Zeit also, als ihm sein guter Ruf bereits in alle Erdteile vorauseilte. Warum dann also dieser Paradigmenwechsel, denn die Nachfolger unterscheiden sich von ihren Vorgängern nicht nur in Form und Material, sondern auch in der Technologie? WBTs Ideengeber denkt nach. Pause, dann: „Man kann sich als Entwickler gegen das Entwickeln nicht wehren.“ Erneute Pause. Luftholen. Der beste Stecker ist natürlich – überhaupt kein Stecker. Weil elektrischer Strom dann ohne jeden Widerstand fließen würde. Das ist aber (noch) nicht möglich. Ein zumindest guter Stecker, der seinem Ideal ziemlich nahe kommt, lässt den Strom relativ ungehindert durchflutschen. Die besten Voraussetzungen hierfür schaffen da die Stars unter den Signaltransporteuren Silber und Reinkupfer mit ihrer Leitfähigkeit von 100 und 95 Prozent. Zum Vergleich: Messing bringt es nur auf mickrige 30. Bei der Kupferlegierung muss der Hürdenläufer Strom nämlich nicht nur von Molekül zu Molekül springen, sondern auch noch unterschiedlich hohe Hindernisse überwinden. Leider haben Silber und hochreines Kupfer auch einen Nachteil, einen gravierenden: Sie sind äußerst labil, nicht so belastbar wie die Konkurrenz aus Messing. Deshalb brauchen die nicht einmal fingernagelgroßen Wunderleiter in Thörners massearmem Konzept zusätzlichen Halt, eine feste Stütze. WBT spendierte jedem seiner Nextgens also einen dicken Panzer aus knochenhartem Ultramid. Und dem 0710 Cu eine 24-Karat-Vergoldung extra. Eine dermaßen sinnvolle, pfiffige und in ihrem Materialangebot hochwertige Konstruktion verspricht ein langes Leben.
Ich würde jetzt gerne das gedanklich sich erst mal setzen lassen. Langsam finde ich nämlich Geschmack an diesen bezahlbaren Posten auf der highfidelen Ausstattungsliste. So ein Stecker hat doch was Urdemokratisches, Egalitäres, daraus könnte ein neues Hobby von mir werden: Er taugt nicht zum Angeben, ist bezahlbar und trotzdem kostbar. Ein Prestigeobjekt in De-luxe-Ausführung für Eingeweihte. Wo gibt’s denn so was noch? Doch der – so Frau Hofmann: – Minimalist Thörner ist mir in seinen Ausführungen bereits vorausgeeilt, hat die Laufzeitverluste und Vorteile des Einpunkt-Minuskontakts weit hinter sich gelassen und nähert sich nun zügig der Übertragung hochfrequenter Digitalsignale im Megahertzbereich. Bei den Wirbelströmen und der Wellenwiderstandsanpassung reißt meine Verbindung zum Verbindungsmann dann endgültig. Ich weiß nur noch, dass Ohm und die Zahl 75 eine wichtige Rolle in seinem Steckverbindungsleben spielen. Und dass ich so aufgewühlt von meinen frisch erworbenen, zugegeben: fragmentarischen Erkenntnissen bin, dass ich deswegen sogar meine Lieblingsbeschäftigung vernachlässige. Als mich Gabriele Hofmann freundlich fragt, ob ich noch ein Dessert möchte, höre ich mich zu meiner eigenen Verwunderung antworten: „Nein, danke. Für so was habe ich jetzt keine Zeit.“
Am nächsten Morgen. Vergnügt stehe ich neben Herrn Thörner in der Fertigungshalle. Grauer Steinboden, weiße Wände und ein unverstellter Blick auf Kyrills Opfer. Der Umgangston zwischen Chef und Belegschaft ist von Wärme und gegenseitigem Respekt gekennzeichnet. Während auf der mittig platzierten Tischreihe Packschachteln für den Endkunden mit Bedienungsanleitungen bestückt werden, hantiert Jochen Schwarz an der Kniehebelpresse. Ein feinmechanischer Tausendsassa, der, sagt der stellvertretende Fertigungsleiter, zwei Vorteile hat. Man kann ihn wie hier bei der Vormontage der Polklemmen-Leitteile exakt einstellen und nicht überdrücken. Das garantiert gleichbleibende Qualität. Auch Frau Kötter, die von Hand Kabelschuhschrauben befestigt, hat bei ihrer Tätigkeit einen qualitätssichernden Mechanismus zwischengeschaltet. In Form eines drehmomentkontrollierten Schraubers, der jedes Risiko vermeidet, indem er dafür sorgt, dass die Facharbeiterin die Schrauben stets mit der gleichen Kraft in das Gewinde dreht. Nebenan konzentriert sich Frau Arlt auf die Innenkontakte ihrer Koax-Buchsen. Und hinter ihrem Rücken warten halbfertige Steckhülsen zu Tausenden auf ihre Endmontage, in offenen Kartons fein säuberlich in Styropor-Ampullenverpackungen deponiert.
Es geht weiter, direkt in das Paradies eines jeden Stecker-Hobbyisten: in das Fertigteilelager. Die grauen Regale sind bis unter die Decke gut gefüllt. Mit einem Gegenwert von einer dreiviertel Million Euro. Ja, sagt Thörner, das hat was mit unserer Lieferfähigkeit zu tun, das muss einfach klappen. Und so geben sich hier die große Polklemme, vergoldet und das Lötzinn, mit und ohne Blei ein stummes Stelldichein, leisten Midrange-Stecker in neun verschiedenen Farben Schwarzwälder Innenkontakten Gesellschaft, treffen sich Safety-Pin und Puzzlescheibe. Bevor wir in Lager II, das Magazin der Halbfertigteile, wechseln, wird nach dem Firmenherrn gerufen. Ab da übernimmt Fertigungsleiter Horst Cramer die Führung. Ich folge dem Mülheimer Bartträger zu den kleinen Maulschüsseln. Lasse mir auch die anderen Teile in rohem Zustand zeigen, erfahre, dass diese von hier aus in die verschiedenen Galvaniken zum Platinieren, Vergolden oder Chromatieren verschickt werden, und werde darüber informiert, dass WBT seine Eingangskontrolle vor Ort, hier im Souterrain, durchführt. Neben der reinen Sichtkontrolle nehmen sie auch Stichproben ihrer Halbfertigteile und testen sie mechanisch mit der Prüflehre. Fix und fertige WBTs müssen sich zusätzlichen Prüfungen stellen, wie den Messkontrollen und dem Hörtest. Diese Sorgfalt wird belohnt, nämlich mit einem Ausschuss im galvanischen Bereich von nicht einmal zwei Prozent und mit Rückläufen, die gegen null tendieren. Ich will ganz ehrlich sein, genauso hatte ich mir das auch vorgestellt.
P.S.: Ich habe ein neues Hobby. Audio-Stecker. Ich verbringe viel Zeit damit und habe großen Spaß dabei. Ich berausche mich an Explosionszeichnungen von Kabelschuhen, kann schon ganz ordentlich SSSintch-SSSStecker lispeln, doch am liebsten lese ich Zubehör-Kataloge. Das ist so was Herrliches, die reinste Poesie! Von den Aderendhülsen über die Niederpegel-Analogverbindungen bis hin zu den Zylinderkopfdehnschrauben – worauf es im Leben ankommt, hier wird es schonungslos und doch sehr verinnerlicht, nie platt an- und ausgesprochen, meist in dichterischer Spontaneität. Man trifft auf Alliterationen wie den Velours-Chromium-Finish, lernt moderne Hexameter wie die antimagnetische Edelstahlstrebe kennen und erfährt an sich selbst, welche Freude das Finden gesellschaftskritischer Reime machen kann, selbst wenn ihr Strophencharakter nicht sehr ausgeprägt ist: Kabelschuhe können gegen Bananen ausgetauscht werden – und umgekehrt.
P.P.S.: Freunde schauen mich jetzt manchmal schräg an, wenn ich über mein neues Hobby rede. Noch werde ich von ihnen eingeladen. Oft genug mit der unverhüllten Drohung: „Ein Wort über Stecker und du kannst dich gleich wieder trollen!“ Mein Gott, was bin ich froh, dass nicht alle so kleinkariert und intolerant sind! Dass es da wenigstens noch einen vernünftigen, intelligenten Menschen gibt, mit dem man sich richtig gut, sachlich und trotzdem witzig, unterhalten kann. Jürgen heißt er, und er hat eine ganz tolle Zubehör-Sammlung.