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Über kurz oder lang

Ein paar Erfahrungen aus dem Kabelalltag

Text von: Heinz Gelking

Für einige Hörer sind Kabel ein lästiges Übel, das sie am liebsten „unter den Teppich kehren“ würden. Anderen eröffnet sich mit ihnen ein spannendes Experimentierfeld: Wie lang? Wie konfektioniert? Wie verlegt? Single-Wiring? Bi-Wiring?

Als ich um 1990 herum begann, mich ernsthaft für HiFi zu interessieren, war das Verkabeln einer Anlage noch einfach. Meine Kompaktlautsprecher vom Typ Castle Durham hatten ein einfaches Schraubterminal mit einer roten und einer schwarzen Buchse. Auf der Rückseite des Vollverstärkers das korres­pondierende Bild: Einfach vorhandene An­schlüsse, ein rechter und ein linker Kanal, jeweils eine rote und eine schwarze Buchse. Rot war Plus und Schwarz war Minus – mehr brauchte man nicht zu wissen. Nur wer schon schwer mit dem High-End-Bazillus infiziert war, hatte sich darüber hinaus zwei Grundregeln angelesen: Erstens alle Geräte „phasenrichtig“ anzuschließen und zweitens auf möglichst kurze Verbindungen zwischen den Quellengeräten und dem Verstärker sowie dem Verstärker und den Lautsprechern zu achten.

Weitere Fragen, um die ich mir heute einen Kopf mache, stellten sich erst gar nicht. Mein Vollverstärker Creek 4040S3 besaß einen guten Phonozweig „on board“. Um den Anschluss einer externen Phonostufe musste ich mir also keine Gedanken machen. Und weder mein Philips CD380 noch mein Pro-Ject II luden zu Experimenten mit Netzkabeln ein; die waren nämlich noch fest mit den Geräten verbunden. Alle Kabel so kurz wie möglich und die Netzstecker „richtig rum“ in eine gute Netzleiste ohne Schalter gesteckt – diese einfachen Regeln sind auch heute noch die Grundlage jeder ordentlichen Verkabelung.

Aber schon damals kam in der HiFi-Presse das Thema Bi-Wiring auf. Es ging nicht von der Kabelindustrie aus, sondern von enthusiastischen und experimentierfreudigen Fans britischer Kleinlautsprecher. Sie hatten entdeckt, dass ihre BBC-Monitore vom Typ LS3/5a und artverwandte Boxen besser klangen, wenn der Hochtöner und der Mittel-tieftöner über jeweils eine separate Lautsprecherleitung angesteuert wurden. Auch wenn Bi-Wiring mittlerweile wieder etwas aus der Mode zu kommen scheint, findet es immer noch Befürworter. Sie verteidigen die teure und aufwendige Verkabelungsmethode so: Lautsprecher und Verstärker bildeten ein komplexes, schwingfähiges System. Dieses System sei leider nicht allein darauf be­schränkt, dass der Verstärker den Membranen des Lautsprechers definierte Bewegungen aufzwinge – was allein wünschenswert wäre. Vielmehr hätten die Membranen aufgrund ihrer elastischen Aufhängung per Gummisicken das Bestreben, stets in ihre Ausgangs­lage zurückzukehren – der Treiber funktioniere dabei wie ein Generator. Lautsprecher- und Verstärkerentwickler sprechen von der so genannten Gegen-EMK, die als Strom über die Lautsprecherleitungen zurück in den ­Verstärker fließt. Das Lautsprecherkabel müsse also nicht nur ein Signal zwischen Verstärker und Lautsprecher transportieren, sondern auch Strom in den Verstärker zurück­leiten. Das könne den Sig­naltransport stören und zu Verzerrungen führen. Allerdings unterscheide sich die Gegen-EMK unterschiedlicher Treiber er­heblich. Diejenige von Basstreibern sei natürlich erheblich größer als diejenige von Mitteltönern und Hochtonkalotten.

Wenn man nun die Basstreiber eines Lautsprechers mit einem separaten Kabel ansteuert, argumentieren die Befürworter des Bi-Wirings, dann schütze man die Mittel- und Hochton-Wiedergabe vor einer Klangbe­einträchtigung durch die Gegen-EMK der Tieftöner, selbst wenn die einzelnen Chassis über die Frequenzweiche verbunden sind und auch im Verstärker alle Signale wieder zusammenfließen.

Für die beim Bi-Wiring im Vergleich zur einfachen Verkabelung wahrgenommenen Klangverbesserungen werden also elektrisch-physikalische Gründe vorgetragen. Man kann es nicht von vornherein als besonders gerissene Methode zum Verkauf von Lautsprecherkabeln abqualifizieren. Wie auch immer man die komplexe Argumentation der Bi-Wiring-Vertreter bewertet: Auf jeden Fall hat Bi-Wiring den simplen Vorteil einer Verdoppelung des Leiterquerschnitts. Das jedenfalls lässt sich nicht in Abrede stellen.

Die britischen Minimonitor-Fans hatten sich die Verbesserungen nicht eingebildet. Innerhalb weniger Jahre rüsteten fast alle Hersteller ihre Lautsprecher mit Bi-Wiring-Terminals aus, und damit wurde Bi-Wiring endgültig zum Selbstläufer. Bei jedem Vergleich zwischen Bi- und Single-Wiring, der ja nur an Bi-Wiring-Lautsprechern möglich war, musste die Einfach-Verkabelung wäh­rend der nächsten Jahre nämlich mit dem Handicap aufspielen, dass ihre Terminals mit billigen Blechen gebrückt waren. Inzwischen weiß man, dass ein fairer Vergleich nur möglich ist, wenn an diesem neuralgischen Punkt auf Qualität geachtet wird.

Viele Kabelhersteller bieten darum kurze Jumper aus demselben Material wie ihre Lautsprecherkabel an. Meiner Meinung nach müsste man wegen der trotzdem vorhan­denen zusätzlichen Übergangswiderstände am Bi-Wiring-Terminal im Single-Wiring-Betrieb sogar zwei Lautsprecher gleichen Typs nebeneinander hören – einmal mit einfachen und einmal mit doppelten Anschlüssen. Das können eigentlich nur Lautsprecherhersteller während der Entwicklungsarbeit leisten. Interessanterweise kommen in den letzten Jahren gerade die Hersteller extrem ambitionierter Lautsprecher vom Bi-Wiring wieder ab.

Ich habe vor allem an meiner damaligen Chario Academy Millennium 1 gute Erfahrungen mit Bi-Wiring gemacht und sie monatelang mit entsprechenden Kabelsätzen betrieben, anfangs bestehend aus dem Rega SC42, später aus dem Rasta-3 von SAC. Ich war so lange vollkommen zufrieden, bis ich mit dem TMR Ramses ein Kabel kennen,lernte, das besser klang, aber zu teuer war, um für eine Verwendung im Bi-Wiring-Modus infrage zu kommen. Die Arbeit mit dem TMR Ramses führte zu folgender Einschätzung: Bei einem begrenzten Budget fährt man mit einem richtig guten Kabel offenbar besser als mit einem im Bi-Wiring-Modus, also doppelt verlegten mittelprächtigen Kabel, auch wenn man am Ende eine ähnliche Summe beim Händler lassen muss.

Ich kann diese Aussage noch zuspitzen: Während der letzten Jahre ist es keinem Bi-Wiring-Kabelsatz gelungen, am TMR Ramses in meiner Anlage vorbeizuziehen, allerfeinste Single-Wiring-Verkabelungen von Harmonix, Shunyata, Nordost, Magnan oder HMS konnten der vertrauten Berliner Leitung da­ge­gen nahekommen oder sie übertreffen. Das bessere Kabel scheint sich stets gegen

das bessere Prinzip durchzusetzen, und ich würde heute erst dann wieder einen Gedanken an Bi-Wiring verschwenden, wenn Kosten keine Rolle spielten, und ich – wenn schon, denn schon! – mein Traumkabel doppelt verlegen könnte. Übrigens lässt sich die Diskussion um Bi- und Single-Wiring und Blechbrücken und Kabeljumper hervorragend mit der Lösung umgehen, die man an unserem Test­exemplar des HMS Gran Finale Jubilee sieht: Im Prinzip handelt es sich um einen Single-Wiring-Kabelstrang, der allerdings laut­sprecherseitig in vier Enden aufgespleißt ist.

Wer mit einem Vollverstärker hört, hat es einfach. Es entfällt das bei getrennten Kombinationen notwendige Kabel zwischen Vorstufe und Endstufe oder Monoblöcken und damit auch eine weitere Diskussion: Soll man lieber auf kurze NF-Verbindungen und lange Lautsprecherkabel setzen oder auf lange Kabel zwischen Vor- und Endstufe und kurze Verbindungen zu den Lautsprechern? Die letzten von mir über längere Zeiträume genutzten Vorstufen, eine SAC Alpha und eine Audionet Pre I G2, hatten jeweils eine Ausgangsimpedanz von 22 Ohm. Mit beiden Vorstufen war es darum problemlos möglich, auch lange Kabelwege zu meinen Monoblöcken zu treiben. Ich habe regelmäßig ein fünf Meter langes NF-Kabel vom Typ TMR Ramses eingesetzt und meine Monoblöcke (SAC il Piccolo) tatsächlich unmittelbar jeweils neben den Lautsprecher gestellt.

Weil es bei der Verbindung zwischen Vorstufe und Endstufe (fast nur) darum geht, das Spannungssignal zu übertragen, zwischen Endstufen und Lautsprechern aber darum, Leistung zu übertragen, hat die Kombination langer NF-Kabel und kurzer Lautsprecherkabel theoretische Vorteile. Die Endstufen können die Membranbewegungen am Lautsprecher noch unmittelbarer regeln. In kritischen Umgebungen mit vielen potenziellen Quellen für Einstreuungen in die Verkabelung einer HiFi-Anlage sollte man aber bedenken, dass Lautsprecherleitungen sich in der Regel wegen ihres höheren Signal-/Störabstandes unproblematischer verhalten, will sagen: Wo Einstreuungen drohen, sind kurze (weil einstreuempfindliche) NF-Kabel und lange (weil dagegen unempfindlichere) Lautsprecherkabel die bessere Wahl.

Irgendetwas stimmt bei dieser Argumentation ganz und gar nicht. Was? Ich bin den Argumenten der Verfechter langer NF-Kabel und kurzer Lautsprecherkabel lange Zeit guten Glaubens gefolgt. Der „normale“ Ort für Monoblöcke wie die Piccolos ist eben neben den Lautsprechern. Aber dann habe ich mir ein Rack gekauft, und zwar ein sehr gutes. Nachdem ich gemerkt hatte, wie viel die Musikwiedergabe dadurch gewonnen hatte, dass CD-Player, Phonostufe und Vorverstärker nun im Rack Of Silence von Solid Tech residierten, fragte ich mich, ob es nicht sinnvoll sein könnte, trotz elektrotechnischer Gegenargumente (und obwohl es etwas seltsam aussieht) die Monoblöcke wieder nah an den Rest der Anlage zu holen und in dem Rack zu platzieren. Gesagt, getan und – es ist wahr: Zumindest unter den Bedingungen in meinem Hörraum (mit einem übel schwingenden Laminatboden) spielen die Piccolos auf der untersten Ebene des Racks, drei Meter von den Lautsprechern entfernt und über ein langes Kabel mit diesen verbunden, deutlich besser als unmittelbar neben den Lautsprechern.

Ich vermute zwei Gründe: Erstens sind die Bauteile in den Monos wegen des größeren Abstandes zu den Lautsprechern als Schallquelle in geringerem Maße Mikrofonieeffekten ausgesetzt, also dem negativen Einfluss von Schalldrücken auf die Arbeit der Bauteile, zweitens übertragen sich Vibrationen, die der Lautsprecher an den Fußboden weitergibt, in geringerem Maße auf die Monoblöcke, wenn sie im Rack statt mit ihren Gummifüßen auf dem Laminat stehen.

Es gibt also gute Gründe, die Kabellängen nicht allein danach festzulegen, was im Hinblick auf die Übertragung von elektrischer Spannung oder Leistung sinnvoll ist (was immer heißt: möglichst kurz), sondern auch danach, die Geräte so aufzustellen, dass sie unbeeinträchtigt von Mikrofonie und Vibrationen arbeiten können. Solange ich keine Endstufen-Stands besitze, werden die Monos da bleiben, wo sie jetzt sind – im Rack. Nebenbei: Wussten Sie schon, dass ich kurze Zeit später meine Netzleiste mit Gummi­füßen, nämlich drei einfachen Transrotor-Pucks, vom Boden entkoppelt habe? Man hört’s, ob Sie’s glauben oder nicht! HiFi ist eben nicht nur eine Sache der Elektrik, sondern auch eine der Mechanik und überhaupt ein wunderbar komplexes System, bei dem man mit monokausaler Denkweise nicht weit kommt.

Die Expertenwahrheiten gelten eben nur so lange, wie sie im eigenen Hörraum nicht widerlegt sind. Viel Spaß dabei!