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Drei, zwo, eins – Überraschung!

Kabel aus Sicht der Profis

Text von: Cai Brockmann

Für berufsmäßige Musikmenschen sind Kabel nüchternes Arbeitsmaterial, bisweilen auch nur notwendiges Übel. Oder steckt mehr dahinter?

Diskussionspunkte für Profis:

  • Für viele Highender besitzen Kabel (inklusive Stecker,Buchsen) vollwertigen Komponentenstatus. Würden Sie dieser Aussage – in Ihrem Arbeitsumfeld – zustimmen?
  • Auf wie hoch schätzen Sie den Anteil der Verkabelung an der Gesamt-Performance eines Musiksystems ein?
  • Ist Ihr Arbeitsumfeld mit Kabeln, Steckern und Buchsen von namhaften Herstellern ausgestattet?
  • Hegen Sie persönliche Vorlieben für bestimmte Hersteller oder Marken? Falls ja, würden Sie diese auch benennen?
  • Was meinen Sie: Gibt es bei Kabeln Dinge oder Phänomene, die man zwar nicht messen, dafür aber hören oder wahrnehmen kann?
  • Über Dinge wie „bevorzugte Flussrichtung” oder „Einspielprozesse” bei Kabeln wird in der High-End-Szene gerne diskutiert – Wahrheit oder Voodoo?
  • Ihr Ausblick in die Zukunft: Wäre die Audiowelt ohne Kabel eine bessere?

Drei, zwei, eins – Überraschung! Dritte ­Dienstreise nach London. Zweiter Besuch in den legendären Abbey Road Studios. Erste Präsentation des legendären Albums The Dark Side Of The Moon von Pink Floyd im offiziellen Mehrkanalmix. Mischpultlegende Alan Parsons kommentiert höchstpersönlich die neueste Version des immergrünen Rockklassikers. Der Autor dieser Zeilen ist begeistert: Im frisch eingerichteten Tageslichtstudio unterm Dach klingt es beeindruckend und mitreißend. Aber für etliche der anwesenden HiFi-Kollegen soll dieser Termin zum schwarzen Tag werden …

Alan Parsons beantwortet geduldig alle Fragen, diskutiert selbst beim anschließenden gemeinsamen Dinner noch über Gott und die Audiowelt. Dann aber, man ist mittlerweile beim beliebten High-End-Thema „Kabel“ angelangt, bringt der Soundvirtuose und Equipment-Guru die Runde mit einer einzigen Bemerkung zum Kochen. Nein, er sei absolut nicht der Meinung, dass Kabel eine entscheidende Rolle bei der Aufnahme spielen. Überhaupt könne er den ganzen Hype um die Signalverbindungen nicht nachvollziehen. Es fallen noch ein paar Begriffe, die nur unscharf ins Deutsche übersetzbar sind, aber völlig ausreichen, um einigen besonders engagierten Kollegen die Gesichtszüge entgleisen zu lassen. Andere finden schneller zur englischen Sprache zurück und reden nun gleichzeitig auf den von der heftigen Reaktion überraschten (und leicht amüsierten) High-End-Ketzer ein. Urplötzlich ist wieder Schwung im allzu gemütlichen Abend, hat die Elfenbeinturm-Diskussionsrunde wieder Erdkontakt. Später präzisiert Parsons sein Statement und will es vor allem auf den Aufnahmeprozess bezogen wissen. Selbstverständlich spiele etwa beim Abhören über die Studiomonitore der Querschnitt eines Lautsprecherkabels eine Rolle, und auch die Patchcables im Studio sollten eine ordentliche Qualität aufweisen, und überhaupt …

Christian Feldgen – Tonmeister, Produzent, Inhaber des Tonstudios Schalloran, Berlin

Günter Pauler – Tonmeister, Produzent, Inhaber von Stockfisch-Records, Northeim

Es wird trotzdem spürbar, dass Alan Parsons wohl nie zum Kabelfetischisten mutieren wird. Damit steht er innerhalb seines Berufsstandes keineswegs allein. Alle Musik(re)produktions-Profis, die ich bisher kennengelernt habe, begegnen dem Thema mit ausgesprochener Nüchternheit, im besten Fall mit professionellem Interesse. Ein kleines Grüppchen, durchaus nicht repräsentativ (wie denn auch?), habe ich zum Thema näher befragt, siehe links. Denn nirgendwo scheint der Abstand zwischen Hobbyismus und Profession größer als bei der Verkabelung. Ein Erklärungsversuch für diese Tatsache dreht sich um den schnöden Mammon: Während die einen in schier endlosen Vergleichen versuchen (können), immer noch ein winziges – vielleicht diesmal das entscheidende – Quäntchen „mehr“ zu entdecken, müssen professionelle Musikmenschen mit den Strippen ihr Geld verdienen. Hier der nicht enden wollende Enthusiasmus der Amateure, dort das hart verdiente, trockene Berufsbrötchen?

Immerhin: So unterschiedlich die Arbeitsweisen und klangphilosophischen Prinzipien der Herren (Damen spielen hier eine noch kleinere Rolle als bei High-End-Audio) auch sein mögen, so gibt es doch einen Konsens über gewisse Standards. Damit sind nicht zuletzt auch die technischen Vorgaben ge­meint, nach denen Studio-Equipment in der Regel entwickelt, gebaut und eingesetzt wird, also definierte Ein- und Ausgangsimpedanzen, Bezugspegel und Kontaktbelegungen. Die genormten Parameter erleichtern den Audio-Job ganz erheblich – inklusive Auswahl der jeweils „richtigen“ Strippe. Und dass vor einer Installation (fix oder mobil) überhaupt einmal die Erdungsfrage sowie der Verlauf aller Kabel geklärt sein sollte, ist sowieso selbstverständlich. Die Profis sind sich darüber hinaus aber auch einig, dass jede Kabelage grundsätzlich „ordentlich gemacht“ sein muss; hand-, stand- und einstrahlfester Aufbau bevorzugt. Dieser Punkt zählt bei denjenigen, die häufig auf- und abbauen müssen, natürlich mehrfach. Einige von ihnen schwingen zudem gerne selbst den Lötkolben, wissen daher nicht nur bestes Material zu schätzen, sondern auch ein verbittertes Liedchen über jüngere EU-Verordnungen anzustimmen.

Willem Makkee – Sound Engineer, Klangberater und (Vinyl-)Mastering-Spezialist, Hannover

Manfred Görgen – Vertriebsleiter bei Musikproduktion Dabringhaus & Grimm (MDG), Detmold

Es stehen bei den Potentiometer-Virtuosen ganz andere Dinge ganz oben im Kabelpflichtenheft als beim Sofadirigenten, zum Beispiel unbedingte Zuverlässigkeit auch unter Ex­trem­bedingungen – man denke an Live-­Mitschnitte oder Open-Air-Gigs – und absolut verwechslungssichere Verbindungen. Denn was nützt im Ü-Wagen das womöglich letzte (und trotzdem diskutable) Klangpromille, wenn die Verbindungen unberechenbare technische Macken haben? Merke: Ein voll besetztes, hoch konzentriertes Orchester mitsamt vorgespanntem Dirigenten zeigt nur begrenztes Verständnis für zickige Kabel …

Eine „anständige“ Mechanik ist also das A und O, was ganz besonders für die Schnittstellen Kabel/Stecker und Stecker/Buchse gilt, jedenfalls den technischen Aufbau des Kabels etwas verblassen lässt. Ernüchternderweise findet (wieder einmal) keiner der berufsmäßigen Experten freiwillig lobende Worte für die Quasi-Norm der HiFi-Neuzeit, den Cinch-Anschluss. Die simple unsymmetrische Verbindung wird höchstens geduldet. Und wenn man sich schon damit arrangieren muss, dann gönnt man sich meis­tens Cinch-Stecker von Neutrik (mit federndem Massekontakt), die Favoriten dieser Disziplin. Was wiederum damit zu tun haben könnte, dass Neutrik bei den symmetrischen XLR-Steckern und -Buchsen eine so herausragende Stellung einnimmt, dass der große Bühnenname auch auf die kleinen Geschwister abstrahlt. Andererseits ist auch die etablierte Studio-Norm XLR noch mühelos zu toppen. Besonders engagierte Tüftler liebäugeln mit Spezial-Verbindungslösungen – etwa von Lemosa, Tuchel oder dem Cost-no-Object-Anbieter Souriau – zu Preisen, bei denen auch völlig enthemmte Wohnzimmer-Gourmets verzückt mit der Zunge schnalzen. Studio-High-End, sozusagen.

Ludwig Zausinger – Elektroniker, Planer und Konstrukteur für Rundfunk- und Fernsehanlagen bei VTS, Eglhausen

Persönliche Lieblingskabel stammen – wenn überhaupt benannt – fast ausschließlich von industriellen Studioausrüstern, etwa von Belden, Leoni, Mogami oder Sommercable. Kein Wunder, wird im Studio oder Bühnenumfeld doch nicht selten in Kilometern gerechnet und mit ganzen Rollen hantiert. Was sind da schon die High-End-Musterpröbchen …

Wichtiger als das Kabel an sich – und hier sind sich wirklich alle einig – ist dessen tadellose Verarbeitung(smöglichkeit). Womit wir schon wieder bei der Mechanik landen. Der „Klang“ eines Kabels kann sich weiter hinten einreihen, sofern er nicht grundsätzlich abgestritten wird. Credo: Technische Parameter sind wichtig und müssen grundsätzlich über jeden Zweifel erhaben sein. Es mag sogar gewisse Dinge geben, die nicht (oder nur mit unverhältnismäßigem Aufwand) nachmess­bar sind, die aber spielen klanglich keine ­relevante Rolle – zumindest nicht bei der Entstehung/Gestaltung von Klängen. In diesem Punkt scheint es einen erstaunlichen Unterschied zwischen Musikerzeugern und Musik­aufzeichnern zu geben: Abgesehen von den hoch empfindlichen (und in den technischen Parametern stark unterschiedlichen) Mikrofonsignalen werde der „Klangcharakter“ eines Signals durch alles bestimmt, nur nicht durchs Kabel. Raumakustik, Mikrofon­auswahl/-position und natürlich das Instrument selbst definieren den Ton, so fast alle Profis, aber doch nicht die Strippe!

Gleichwohl beziffern die meisten der Befragten den Anteil eines lecker angerichteten Kabelsalats am klanglichen Gesamtmenü mit erstaunlichen Zahlen, üblich sind 5, 10 oder 20 Prozent. Zwei der glorreichen Sieben wagen sich sogar auf 40 Prozent und höher hinaus, das sind allerdings diejenigen, die auch privat einen, nun ja: „dicken Draht“ zur High-End-Audio-Szene pflegen.

Michael Lau – Fachbau-Ingenieur für Veranstaltungstechnik, Geschäftsführer bei Analog Audio, Dozent für Sound Design und Studiotechnik an der Filmakademie Baden Württemberg in Ludwigsburg

Ulrich Reuter – Filmmusik-Komponist und -Produzent, Professor für Filmmusik-Komposition an der Hochschule für Film & Fernsehen „Konrad Wolf“, Potsdam

Sei’s drum: Bei „bevorzugter Laufrichtung“ oder „Einspielprozess“ muss der einzige bejahende Profi noch stärker auf den Unterschied zwischen privatem Vergnügen und Arbeits­umfeld pochen. Ansonsten herrscht kollektiver Voodoo-Verdacht. Ernsthaft „Kabel hören“ will ohnehin kaum jemand aus dem Berufslager. Man verweist stattdessen gern auf Kabel­his­torisches, auf längst formulierte Grundlagen von Siemens & Halske, die technischen Standards von BPO (British Post Office) oder TT (Tiny Telephone). Vielleicht sollte man sich gelegentlich vor Augen halten, dass High-End-Audio ein direkter Cousin des Telefons ist. Was uns direkt in die kabellose Zukunft transportiert. Ja, das wäre super, bringt es Michael Lau auf den Punkt – sofern irgendjemand einen Weg findet, die Informationen des Datenträgers mediumfrei in die Psyche des Hörers einzuspielen!

Fazit: Während mancher High­ender zur Verkabelung ein neu- oder gar erotisches Verhältnis pflegt, können die Profis aus Tonstudio, ­Ü-Wagen oder Beschallung über so viel Intimität nur milde lächeln. Für sie zählen andere Dinge. Übrigens: Ich schätze textilummanteltes Gitarrenkabel auf der Bühne sehr – es verknubbelt sich weniger als gummierte Strippen. Ob es auch besser klingt? Na, Sie stellen vielleicht Fragen …