Phonosophie Komplettverkabelung
Eine starke Familie
Text von: Michael Vrzal

Was Kabel können, können nur Kabel. Eine Anlage „abschmecken“ zum Beispiel, die trotz erstklassiger Zutaten fade und ausdruckslos dahinklimpert. Man nehme: Phonosophie.
Was „live“ ist, weiß jeder. Einen Künstler live erlebt zu haben, bedeutet: dagewesen sein; Einmaligkeit gespürt; Huster zum Teufel gewünscht; vielleicht, wenn alles passte, den Augenblick anzuhalten gewollt. Das prickelnde Ungewisse auch einer Live-Fernseh- oder
-Rundfunkübertragung – das ist „live“.
Dagegen grenzen Live-Aufnahmen an Etikettenschwindel. Wir erleben, zeitlich vollkommen entkoppelt, wie es war. Wenn wir Glück haben. Wenn nicht, erleben wir, wie es hätte sein können, wären die nach Ansicht der Produzenten besten Momente aus Mikrofonprobe, Generalprobe und eigentlichem Konzert an einem einzigen Abend passiert.
Daheim Musik hören „wie live“ – hmm, naja. Sie haben eine perfekt eingestellte Surroundanlage und können ungestört mit Durchschnittspegeln von gut über 90 Dezibel hören? Glückwunsch, dann könnte es klappen.
Realistischer ist da schon das Streben nach „mehr live“. Das hat sich Ingo Hansen auf die Fahnen geschrieben. Der Chef von Phonosophie hat somit das große Ganze im Visier. Und als ob es nicht genug wäre, dass seine Verstärker, Lautsprecher und CD-Player den Live-Funken in sich tragen, attestiert Hansen selbst Zubehör wie Racks, Kabeln, ja sogar Steckdosen livehaftige Klangeinflüsse. Ein verwegener Anspruch …
Ingo Hansen lässt sich die Live-Demonstration nicht nehmen und reist eigens von
Hamburg zum Autor nach Berlin. Im Gepäck: eine Phonosophie-Komplettverkabelung für meine Kette. Netzleiste, Netzkabel, Lautsprecher- und NF-Kabel, als Goodies dazu noch Gerätebasen, CD-Spray und, jawohl, den Aufreger der letzten Jahre, den Audio Animator, den er in Deutschland vertreibt. Spielzeug für neun Stunden. Und so viel sei schon verraten: Es wird ein audiophiler Tag von selten erlebter Intensität.
Hansens Live-Gedanken einmal beiseite, liegen den Phonosophie-Verbindern einige absolut einleuchtende Ausgangsideen zugrunde. Das Material etwa: allerbestes sauerstofffreies Kupfer. Unter den unauffälligen schwarzen Außenmänteln steckt laut Hansen Topqualität made in Germany, von der Drahtzieherei selbstverständlich mit definierter Laufrichtung geliefert. Die Stecker sind von massearmer Bauweise und sollen die Entstehung von Wirbelströmen unterdrücken. Abschirmungen sucht der Audiophile (außer an den NF-Strippen) vergebens, da ihnen die Phonosophen „energieraubende“ Eigenschaften zuschreiben. Als zusätzliche Entstörmaßnahme wird Verdrillung praktiziert, ein probates Mittel gegen hochfrequente Einstreuungen. Wie wichtig mechanische Festigkeit und üppige Leiterquerschnitte sind, ist beim Anfassen besonders der Lautsprecher- und Netzkabel zu spüren. Ansonsten ist ein sparsamer Umgang mit Material die Regel, Hinweise auf zusätzliche mechanische Bedämpfung finden sich an keiner Stelle.
Bei den NF-Verbindern muss ich nachhaken. Ingo Hansen, der lange Jahre beruflich mit der englischen Marke Naim verbandelt war, setzt auch bei seinen Geräten auf Steckverbindungen nach DIN-Standard: fünf im Halbkreis angeordnete Pins, beschaltet mit Links und Rechts hin, Links und Rechts zurück (zu Aufnahmezwecken) und einer gemeinsamen Masse. Letztere stellt wegen ihrer Eindeutigkeit das technische Hauptargument pro DIN und contra Cinch (wo ein Recorder vier separate Massebezüge hätte!) dar.

Die BNC-Cinch-Adapter sind versilbert. Da Silberoxid eine ausgezeichnete Leitfähigkeit aufweist, sind Sorgen wegen Korrosion unbegründet
So weit, so einleuchtend. Natürlich gibt es das hauseigene Kabel auch ein- oder gar beidseitig mit Cinch-Steckern versehen. Die eigentliche Konfektionierung erfolgt dann aber mit BNC-Steckern. Und erst auf diesen finden, da BNC noch exotischer ist als DIN, Cinch-Adapter Platz.
Aber Herr Hansen, sind Adapter nicht des Teufels?
Im Prinzip ja, lautet die Antwort, aber weit wichtiger noch sei die korrekte Terminierung eines Kabels. Im Gegensatz zu Cinch, das faktisch keiner elektrischen Normierung unterliegt, ist BNC mit 50 bzw. 75 Ohm spezifizierter HF-Standard. In einem sauber abgeschlossenen BNC-Kabel kommt es nicht zu Signalreflexionen an den Enden. Und dieser Vorteil, so schließt Hansen, wiege klanglich weit schwerer als das bisschen Übergangswiderstand.
Bin ich im Vorteil, weil ich die Phonosophie-Kabel an Naim teste? Ich glaube nicht. Die englische Elektronik ist spätestens mit der Einführung der aktuellen „Reference“-Generation klanglich und elektrisch ohne Einschränkung konsensfähig geworden. Einzig die Endstufe dürfte das querschnittstarke deutsche Lautsprecherkabel bauartbedingt lieber mögen als eine ultradünne niederkapazitive Strippe. Aber das trifft ebenso für nicht wenige Mitbewerberprodukte zu, und überhaupt heißt es im Ernstfall ausnahmslos: Probe hören.

Da das Netzkabel aus klanglichen Gründen nicht geschirmt ist, sollte bei der Installation die Nähe zu signalführenden Leitern vermieden werden

Was man der unscheinbaren Leiste nicht ansieht: Alle inneren Kontakte sind auf höchste Kontaktkräfte und minimale Übergangswiderstände optimiert
Ich habe mit der Phonosophie-Vollausstattung ausgiebig Musik gehört. Grund: das synergetische Gesamtkonzept. Während Ingo Hansens Besuch tauschten wir sukzessive meine Verkabelung gegen Phonosophie-Produkte aus. An den klanglichen Fortschritten gab es von meiner Seite nichts auszusetzen. Wenn ich mich zwischendurch aber doch mal zu Wort meldete, hieß es: Abwarten, kommt noch, das hol’ ich mir von woanders her. Und so war es dann auch. Wir haben es hier also mit einem Satz penibel aufeinander abgestimmter Klangmaßnahmen zu tun. Da das Endergebnis tatsächlich ungemein schlüssig ist, hat eine buchhaltermäßig isolierte Bewertung der einzelnen Puzzleteile im Grunde wenig Sinn.
Die gewaltsame Aufspaltung der Kabelfamilie kann sogar dramatische Folgen nach sich ziehen. Das lehrte mich ausgerechnet ein Lautsprechertest. Meine Ayon Seagulls hatten eben wieder ihren angestammten Platz eingenommen – und ich war am Verzweifeln. Spielten die eben weggeräumten, wesentlich günstigeren Testkandidaten doch deutlich sinnlicher, homogener, kurz: musikalischer. Nun schien das ganze Klangbild aus dem Gleichgewicht, Details, zuvor weich und doch plastisch eingebettet, drängten sich plötzlich rotzig in den Vordergrund, die Atmosphäre war dahin. Bis mir einfiel, dass ich in der komplett Phonosophie-verkabelten Kette die NF-Verbindung gegen eine markenfremde ausgetauscht hatte. Und siehe da: Als fände das entscheidende, sinngebende Puzzleteilchen seinen Platz, fügte sich mit dem Rücktausch alles zu einem schlüssigen Gesamtbild. Eine Familie ist eben im Verbund am stärksten. So haben sich meine Ayons als Klanglupe bewährt.
Nach dieser überraschenden Erfahrung erfolgte die nächste Störmaßnahme mit voller Absicht. Die Lautsprecherkabel mussten dran glauben. Das Resultat bringt einen schon ins Grübeln: Merkt die Kette, dass eine Strippe fremd ist?
In einer phonosophisch durchverbundenen Umgebung stellt der Austausch des Lautsprecherkabels einen schweren Fauxpas dar. Selbst wenn als Ersatz anerkannt integre Signalleiter eingeschleift werden, mag das Klangbild nie so recht einrasten. Ein NACA5 von Naim etwa, das Kabel der Wahl bei Naim-Verstärkern und mir schon lange ein zuverlässig musikalisches Arbeitsgerät: Im Phonosophie-Kontext bleibt es merkwürdig blass, ganz ungewohnt lustlos – ein Fremdkörper eben. Zurück zur deutschen Zweimal-Siebenquadrat-Leitung: Sofort stimmt die Energiebilanz, Klänge strahlen vor innerer Kraft, Einzeltöne erzählen wieder Geschichten. Die Reproduktion nimmt Kontakt zum Hörer auf.

Hier gibt es reellen Materialwert fürs Geld: Auch im Netzkabel wird nicht an Kupfer gespart

Beim NF-Koaxkabel verdrillt Hansen die Stränge beider Kanäle

Im Vergleich zum Vorgängermodell gut zu sehen: Das Lautsprecherkabel hat mächtig an Querschnitt zugelegt
Spielen wir das Stör-Spielchen weiter. Nächster Kandidat: die Netzleiste.
Ein leichter Kunststoffkorpus, sechs Steckplätze, durchgehende kontaktstarke Stromschienen aus verkupfertem oder, wie bei meinem Testexemplar, versilbertem Messing, ein dickes, ungeschirmtes Netzkabel – die Phonosophie-Leiste ist unprätentiös bis ins Mark. Warum Ingo Hansen, anders als praktisch die gesamte Konkurrenz, nicht auf sternförmige interne Verdrahtung setzt? Weil seiner Ansicht nach zwischen den auseinanderlaufenden Leitern einer Sterntopologie klangschädliche elektromagnetische Einflüsse stattfinden.
Meine namenlose Arbeitsleiste unterscheidet sich gar nicht so sehr von dem Stromriegel aus Hamburg. Ihre acht Steckermodule umgibt auch ein Kunststoffgehäuse, die Zuleitung ist schirmlos, nur der Innenaufbau setzt auf Sternverdrahtung. Der klangliche Unterschied aber ist deutlich.
Die Phonosophie-Leiste spielt straight, geradeheraus, der Melodie auf der Spur. Achtung: nicht unsensibel! Ein Piano-Anschlag klingt sinnlich – aber nicht übersinnlich, nicht ätherisch, sondern wohlbalanciert. Energie ist zur Genüge vorhanden, und sie verteilt sich stets harmonisch, unabhängig vom Pegel.
Im direkten Vergleich scheint bei meiner Leiste mehr zu passieren. Räume wirken größer, Töne wuchtiger, irgendwie ist mehr los. Wirklich? Geht das Plus an Opulenz nicht auf Kosten der inneren Ruhe? Verschleiert das facettenreichere Geschehen nicht die musikalische Aussage? Das könnte auf ein Patt hinauslaufen – auf der einen Seite die auratischer wirkende „Sternleiste“, auf der anderen der entschlossener auf den Punkt spielende Phonosophie-Verteiler. Eine spannende Erfahrung.
Und damit zu den Netzkabeln. Die Hansen-Lösung wirft mächtig Querschnitt in den Ring, kann zudem mit ausgezeichneter Verarbeitung punkten, die auf beste Kontakte und bodenständig-hochwertiges Steckermaterial setzt. Die schwarzen Strippen kommen ohne Abschirmung aus – wir erinnern uns: Dynamikkiller! – und verzichten vollständig auf Filtermaßnahmen. Ihr Beitrag zum großen phonosophischen Ganzen: Sie geben die klangliche Grundierung vor. Vollmundig und von souveräner Übersicht geprägt ist die Präsentation, auf dem Tonträger gespeicherter Swing kann sich mühelos entfalten, wird aber nicht zusätzlich angekurbelt.
Die naheliegenderweise zum Vergleich herangezogenen originalen Naim-Kabel sind da aus ganz anderem Holz geschnitzt. Mit ihnen kommt ordentlich Schwung ins Spiel, die Anlage wirkt leichtfüßiger, auch die tonale Balance scheint heller. In der Bilanz vermittelt das den Eindruck höherer Präzision. Im direkten Vergleich offenbaren sich unterschiedliche Philosophien: Die auf rhythmischen Drive und zackiges Timing optimierten Naim-Kabel könnten bei dynamischen Spitzen, etwa lauten Klavieranschlägen, manchem versöhnlich gestimmten Hörer zu heftig wirken. Dagegen geht die deutsche Konkurrenz für ein wärmer fließendes Klangbild einen Kompromiss bei der Attacke ein, was ihr gleichzeitig den Vorteil verschafft, selbst heftigste Impulse souverän und ohne unangenehme Anschärfungen aus dem Ärmel schütteln zu können.

Das Phonosophie-NF-Kabel überzeugt mit klanglicher Ausgewogenheit und robuster Mechanik bis in die Stecker

Die steife, aber durchaus noch biegsame Konstruktion verhindert eine Beschädigung des Lautsprecherkabels durch scharfe Knicke
Endlich sind wir durch. Jetzt heißt es wieder: genießen. Denn eine voll phonosophisierte Anlage, die hat was. Nicht anmachend, eher ansprechend, wenn Sie verstehen. Lustvoll laut lässt sich hören, ohne dass es wehtut – Pegel macht Spaß. Lustvoll leise hören lässt sich aber auch, dann betören facettenreiche, fast röhrig warme Klangfarben das Ohr. Schien mir Hansens „Das hol’ ich mir von woanders her“ anfangs reichlich rätselhaft, habe ich jetzt das System begriffen.
Tatsächlich würde ich jedem Interessenten raten, den Phonosophie-Weg möglichst ganz zu gehen. Die Kabel aus Hamburg sind in jeder Hinsicht eine Familie, ihr synergetisches Wirken ist fester Bestandteil des Gesamtkonzepts.
Zum Abschluss die Nagelprobe: Phonosophie raus, und zwar komplett. Die gleiche CD – Oscar Peterson live in Paris, veröffentlicht auf Telarc (Oscar in Paris) – und doch fundamental andere Musik. Die Instrumente, allen voran Petersons Flügel, wirken nun kleiner, sogar leiser, dafür schärfer im Raum umrissen. Locker tänzelnd und insgesamt heller timbriert swingt sich das Quartett voran, die Soli scheinen plötzlich viel kürzer, um nicht zu sagen: kurzweiliger. Der energetische Schwerpunkt hat sich verschoben und damit die Wirkung der Anlage, die nun offensiver Aufmerksamkeit fordert.
Hut ab, Herr Hansen. Ihre Phonosophie-Kabel verbünden sich in selten erlebter Schlüssigkeit zu einem musikalisch tief berührenden Ganzen. Damit empfehlen sie sich als Heilmittel insbesondere für von diffusem audiophilen Unwohlsein, vulgo chronischer Upgradeitis, geplagte Musiksüchtige. Wessen Anlage bislang Ganzheitlichkeit und Ausdrucksstärke vermissen ließ, der kommt um ein Probehören der Hamburger Strippen ohnehin nicht herum. Sehr fein.
Produktinfo
Netzleiste Phonosophie PH Dose 6 Ag
Garantiezeit: 2 Jahre
Preis: 310 Euro (Kupferausführung 240 Euro, Messing 120 Euro)
Netzkabel Phonosophie Power Cord 1 Mk 2 Ag
Länge: 1,5 m
Garantiezeit: 2 Jahre
Preis: 260 Euro (Kupfer 200 Euro)
Netzkabel Phonosophie PK2
Garantiezeit: 2 Jahre
Preis: 180 bis 244 Euro je nach Konfektionierung (BNC mit Cinch-Adapter oder DIN)
Lautsprecherkabel Phonosophie LS2
Garantiezeit: 2 Jahre
Preis: 43 Euro (1 m), mit Silbersteckern konfektionierter 4-Meter-Satz 530 Euro
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