Nordost Komplettverkabelung
Göttliche Signalboten
Text von: Michael Vrzal

Die Amerikaner benennen ihre Verbinder „Heimdall“ und „Shiva“ und versprechen dazu ein himmlisches Hörvergnügen.
Jetzt weiß er auch nicht weiter. Da ist ein herzliches Lachen allemal die sympathischste Antwort. Nein, selbst Lars Christensen wird das Rätsel nicht lösen, warum zwei Meter audiophiles Netzkabel zwischen Steckdose und Gerät noch für Klanggewinne gut sein sollen. So hilflos, dass es nicht einmal mehr für das Nordost-Kabelmantra reichen würde, ist der Däne in Diensten der US-Kabelschmiede dann aber doch nicht: „Egal, an welcher Stelle im System man die Geschwindigkeit erhöht: Es wird hörbar.“
Geschwindigkeit also. Und, damit untrennbar verbunden: Bandbreite. Um diese Ziele dreht sich alles bei Nordost. Darum das Silber, das Teflon, die Oberflächenbehandlung, die viele Luft. Um der Lichtgeschwindigkeit auf die Pelle zu rücken. Und am Ende das beste, weil schnellste Audiokabel in Händen zu halten.
Nordost ist eine der wenigen Kabelfirmen mit industriellem Hintergrund. Nordost-Technologie schlängelt sich kilometerweise durch das Space Shuttle der NASA. Auch der Chiphersteller Intel bezieht die Verkabelung seiner Prozessorprüfstände in Massachusetts.
Bei den Audio-Verbindern sind die gemeinsamen Gene mit Computerleitungen nirgends offensichtlicher als bei den flachen Nordost-Lautsprecherkabeln. Nicht unbedingt ein Vorteil, mussten sich die Amerikaner doch immer wieder Fragen nach dem exorbitanten Preisunterschied zwischen den eigenen Flachleitungen (besonders früherer Generationen) und den kilometerweise in Rechnern verbauten, äußerlich auch nicht nach Ramsch aussehenden Flachbandkabeln gefallen lassen. Das Geheimnis, so Lars Christensen, lag von Anfang an in den besonderen technischen Vorgaben und dem in der Folge ebenso aufwendigen wie verlangsamten Herstellungsvorgang.

Denn gut Ding will Weile haben. Das Spitzenmodell Valhalla kriecht mit maximal sieben Metern pro Stunde aus der Maschine. Das entspricht zwei Millimetern pro Sekunde! Mitschuldig soll die besondere, aus Japan bezogene Teflonsorte für das Spitzenmodell sein, deren Handling Lars mit nicht druckreifen Worten bedenkt. Die Heimdall-Fertigung geht fixer voran, allein schon weil es nur
die halbe Anzahl an Bearbeitungsschritten benötigt; Geschwindigkeitsrekorde sind aber auch da nicht zu erwarten.
„We don’t like filtering“ – „Wir mögen keine Filter“: Aus diesem Satz folgt eine Reihe teurer Konsequenzen. Kabel ohne Filtereffekte, das bedeutet bei Nordost: breitbandige Übertragung. Ein Heimdall erreicht ein Megahertz, ein Valhalla kommt auf deren acht. Eigentlich immer noch zu wenig, findet Lars …
Breitbandigkeit, das heißt gleichzeitig: Schnelligkeit. Signalflanken müssen fix erobert werden, sollen Millionen von Schwingungen pro Sekunde unverzerrt den Leiter passieren. Darum die Silberauflage. Eigentlich mögen die Nordostler keinen Silberklang. Als Oberflächenvergütung des hochreinen Kupferdrahts ist das Edelmetall aber höchst willkommen. Denn Silber ermöglicht eine glattere Oberfläche, und diese fördert die Geschwindigkeit der Signalausbreitung. Nun ist eine Silberschicht nicht von sich aus der Babypopo unter den Metallen. Deswegen durchlaufen alle Drähte, bevor sie zu Kabeln weiterverarbeitet werden, einen Reinigungs- und Glättungsprozess. Das Verfahren ist patentiert, im Mittelpunkt steht ein Ultraschallbad in einer Spezialflüssigkeit.
Wegen seines Einflusses auf die elektrischen Eigenschaften des fertigen Kabels kommt dem Dielektrikum eine kaum geringere Aufmerksamkeit zu. Wenn sich ohnehin alle Materialien, selbst das beliebte Teflon, messtechnisch von Luft deklassieren lassen müssen, warum dann nicht gleich Luft einsetzen? So dachte man bei Nordost vor einigen Jahren und stattete das Top-Lautsprecherkabel Valhalla mit einer Isolation aus, die mit minimalem physischem Kontakt zum Leiter auskommt. Das Prinzip, das mit seinem Einsatz in der Heimdall-Serie erstmals in erschwingliche Regionen gelangt, ist so einfach wie genial: Ein Faden aus dem „Edel-Teflon“ FEP (Fluorethylenpolymer), ein „Micro Mono Filament“, wird spiralförmig um den Leiter gewickelt. Er sorgt dafür, dass die im nächsten Arbeitsschritt aufextrudierte FEP-Isolation über die gesamte Länge einen definierten Abstand zum Metall einhält. Das Resultat ist eine überragend niedrige Dielektrizitätskonstante von 1,12 – was den Wert 2 von Teflon weit übertrifft.
Die Machart der Heimdall-Kabel erschließt sich auf einen Blick – ein praktischer Nebeneffekt der transparenten Isolierung. Das Lautsprecherkabel bilden 24 Massivleiter. Je zwei nebeneinanderliegende Sechsergruppen transportieren das positive und das negative Signal, der effektive Querschnitt erreicht so etwa die gängigen 2 x 2,5 Quadratmillimeter. Im runden Kleinsignalverbinder finden sich vier 0,4 Millimeter dünne „Micro Mono Filament“-Leiter, im passenden Netzkabel aus der Shiva-Serie sind drei dickere Solid-Core-Leiter gleicher Bauart verdrillt. Einzig das NF-Kabel verfügt über eine Abschirmung, was bei den dort anzutreffenden Signalpegeln aber auch dringend angeraten ist.
Dass Nordost-Kabel ansonsten auf eine Abschirmung verzichten, erklären die Amerikaner mit dem Kapazitätsanstieg von geschirmten Leitern. Dieser führt zu einer Hochtondämpfung, und so etwas kommt bei einem Produkt, das sich eine „magical sonic performance“ auf die Fahnen geschrieben hat, gar nicht in die Tüte.
In ihrer Handhabung sind die Kabel tadellos, besonders das flache Lautsprecher-Kabel Heimdall erweist sich rasch als weit robuster als befürchtet. Der NF-Verbinder gehört gar zu den flexibelsten Vertretern seiner Gattung, eine Tugend, die gar nicht genug gelobt werden kann, wie jeder bestätigen wird, dessen leichtgewichtige Phonostufe schon einmal von steifen Strippen der Bodenhaftung beraubt wurde. Nur die aus dicken Massivleitern bestehenden Netzkabel bewahrten sich über den Testzeitraum eine gewisse Halsstarrigkeit, was die bevorzugte Schlängelrichtung angeht.

Steckerseitig setzt Nordost auf geringe Masse. Eingesetzt werden vergoldete Hohlbananas sowie die angesagten Nextgen-Cinchstecker von WBT. Ebenso wenig sonderangebotsverdächtig: vergoldete Kaltgerätestecker von Wattgate mit wahrlich brachialen Kontaktkräften.
Was erwartet man von Kabeln mit dem Namen eines nordischen Gottes, über den das Lexikon weiß, er könne selbst die Wolle auf den Schafen und das Gras auf der Weide wachsen hören? Ich muss gewisse anfängliche Vorbehalte gegenüber den im transparenten Look auftretenden Verbindern einräumen. Würden hier nicht Analytik und Detailfitzelei allzusehr im Vordergrund stehen?
Zum Kennenlernen von Nordost empfiehlt sich der Besuch einer Kabelvorführung mit Lars Christensen. Der stets gut gelaunte blonde Hüne legt gerne Musik der rhythmischeren Sorte auf und scheut konsequenterweise auch die entsprechenden Pegel nicht. Der launige Trommel-Techno von Safri Duo etwa, der vor Jahren in Frankfurt gänzlich unhighendig Stimmung in die Hotelflure brachte, wird mir als eine der unterhaltsamsten Demoscheiben aller Zeiten in Erinnerung bleiben. Lars kann sich seine Discopegel erlauben, weil die Kabel auch bei ausgesprochener Spaß-Lautstärke nicht den tonalen Zusammenhang sprengen. Einfacher ausgedrückt: Sie können laut, ohne zu nerven.
Aber sie können auch, und das ganz besonders gut: leise.
Wenn es den einen Moment gibt, mit dem man einer Komponente klanglich auf die Schliche kommt, dann war es in diesem Fall ein Huster aus dem Publikum. Er findet sich kurz vor Ende der Ballade „She has gone“, gespielt von Oscar Peterson und Quartett, auf dem Live-Mitschnitt Oscar in Paris (Telarc 2CD-83414). Man möchte es kaum glauben, wie so ein plastisch durchzeichnetes Störgeräusch einem Konzertdokument das letzte Quäntchen Realismus verschaffen kann.
Der lebensechte Halskranke bestätigt, was die von Anbeginn außergewöhnlich glaubwürdige Raumdarstellung schon ahnen ließ: Die Nordosts sind Spezialisten für Allerfeinstes. Gleichzeitig ist von effekthascherischer Helligkeit nicht das Geringste zu spüren. Ganz im Gegenteil: Das Spektrum ist vorbildlich ausgewogen, von Equalisierung nicht die geringste Spur. Hier wird nur durchgereicht.
Die Shiva-Netzkabel – auf 230-V-Gebiet bedient sich Nordost indischer Götternamen – schaffen das Fundament. Sie räumen das Klangbild auf, sorgen für Erdung und Griffigkeit. Damit bereiten sie die Bühne für den Auftritt der Heimdalls.
Der Begriff, der mir beim Hören der Nordost-Kabel am häufigsten in den Sinn kam, war „Zartheit“. Doch, ich finde, dass sich die US-Verbinder ausnehmend hingebungsvoll und sensibel um die Tonschwingungen bemühen. Und damit ist nicht nur das Aufdröseln von feinem Detailgespinst gemeint: Diese Wirkung entsteht auf der Grundlage eines homogenen Spiels, das keinen Frequenzbereich bevorzugt. Damit wirken die Heimdalls im ersten Moment unerwartet rund, ja weich. Allerdings nur so lange, ehe das Ohr realisiert, welche Detailflut hier mit zartestem Pinselstrich skizziert wird.

Nehmen wir das NF-Kabel. Mit ihm meint man im ersten Moment, der Energieschwerpunkt verlagere sich in Richtung der Höhen. Tatsächlich aber ist es die entschlackende Wirkung im Tief- und Grundtonbereich, die als Aufhellung missverstanden werden kann. So bewahrt das Heimdall bei der Wiedergabe einer Klaviersonate locker den inneren Zusammenhang, und das selbst dort, wo der Mangel an Transparenz durchaus auch der Aufnahmetechnik anzulasten wäre. Die vermeintliche Aufhellung erweist sich als Zugewinn an Luft zwischen den einzelnen Schallereignissen.
Hand in Hand damit geht eine unüberhörbare Lust am leichtfüßigen Spiel. Davon profitieren Jazztitel immens, deren Swing ungebremst seine Wirkung entfalten darf. Zudem profiliert sich das dünne Käbelchen mit sensibler Klangfarbenwiedergabe, lässt das Instrumentenarsenal des Schlagzeugers ebenso überzeugend zu Wort kommen wie Gitarre, Bass und Klavier. Keine Frage, dass dieses strahlend offene Spiel auch großorchestralem Material mehr als nur gerecht wird.
Um das Lautsprecherkabel aus der Heimdall-Serie angemessen zu würdigen, müssen Tonträger mit natürlicher Akustik, besser noch Live-Aufnahmen ran. Das rosarote Flachkabel verführt den Hörer zum Eintauchen in die Tiefen von Konzertsälen, es zelebriert das mehr spür- denn hörbare Leben von Aufnahmeorten in einzigartiger Weise. Ich möchte ihm absolut keinen Klangcharakter unterstellen. Wenn es aber sein müsste, würde ich auf die ausgeprägte Räumlichkeit und den damit verbundenen Sinn für – genau: zarteste – Schwingungen hinweisen.
Der „Majestic Dance“ der Gitarristin Emily Remler vom Sampler des allzu früh vom Markt verschwundenen US-Jazzlabels Justice Records beginnt mit nichts als Verstärkerrauschen, bevor die E-Gitarre mit coolem „däng däng däng“ einsetzt. Ich höre das feine Räuscheln tief hinter der Boxenbasis so deutlich und punktgenau wie nie zuvor. Die Gitarrentöne, obwohl noch leise gespielt, lassen schon Kraft und Angriffslust spüren, haben durchaus Attacke. Dann setzt die Band ein. Links bearbeitet ein Percussionist die Conga-Felle, und ganz deutlich bespielen hier menschliche Hände die Membranen, ist das typische Aufklatschen vom Conga-Ton zu unterscheiden. Jeder Schlag regt den Aufnahmeraum an, jeder Ton ist ein Klangereignis, dem gleichermaßen Bedeutung zukommt.
Derart differenziert zu reproduzieren und gleichzeitig noch den Swing, den Musikfluss zu befördern, das ist ein Merkmal überragender Kabel. Es gibt unter den ambitionierten günstigen Fabrikaten einige fantastische Groover oder erstaunliche Auflösungswunder. Auch sie bringen den Hörer, auf ihre Weise, ganz nah an die Musik. Beides in einem Produkt allerdings ist die hohe Schule, deswegen selten – und teuer. Zu Recht?
Aus der Sicht von unsereins, die wir prinzipiell bereit sind, proportional zum Klangfortschritt Geld auszugeben: ja. Diese Komplettverkabelung im Wert eines, zum Beispiel, CD-Players der highendigen Aufsteigerklasse, zeitigt keinen geringeren Genusszuwachs als die Elektronikkomponente. Noch wichtiger aber ist: Ohne Kabel-Flaschenhals werden zukünftige Geräteupgrades zur Gänze erlebbar. Welcher Schritt ist also sinnvoller?
Das entscheide jeder selbst. So oder so gilt: Die Nordost-Kabel sind gut. Richtig, richtig gut.
Produktinfo
Netzkabel Nordost Shiva
Garantiezeit: 2 Jahre
Preis: 360 Euro (2 m)
Netzkabel Nordost Heimdall
Konfektionierung: WBT-Nextgen-Cinchstecker
Garantiezeit: 2 Jahre
Preis: 560 Euro (2 x 1 m)
Lautsprecherkabel Nordost Heimdall
Konfektionierung: Hohlbanana oder Kabelschuh
Garantiezeit: 2 Jahre
Preis: 1800 Euro (2 x 3 m)
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