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Atlas Cables

Strippen für die audiophile Vernunft

Text von: Cai Brockmann

Atlas-Chef John S. Carrick diskutiert im Gespräch mit Cai Brockmann ­elementare Fragen – zum Beispiel, ob Single-Wiring besser ist als Single ­Malt.

Die Schotten sind ein stolzes Völkchen, gelten als traditionsbe­wusst, wetter- und trinkfest, aber auch als erfindungsreich. So gedeihen zwischen schroffen Highlands, sattem Grün und sturmumtosten Küsten nicht nur Dudelsäcke und prächtiger Whisky, sondern auch frische Ideen und feins­tes Audio-Equipment. In Kil­marnock zum Beispiel hat sich Atlas (Scotland) Ltd. auf erstklassige HiFi-Kabel spezialisiert.

Geschäftsführer und Entwickler bei Atlas Cables ist John S. Carrick. Der ruhige, im besten Sinne geerdet wirkende Schotte entpuppt sich im Gespräch als durchaus streitbares Urgestein, weiß um die audiophilen Sorgen und Nöte ­seiner anspruchsvollen Klientel, nimmt aber auch kein Blatt vor den Mund, wenn es in medias res geht.

2004 gehört John S. Carrick zu den Gründern von Atlas Cables. Zuvor hatte er mit Ariston Audio audiophile Plattenspielerfans erfreut, ein paar klangvolle Verstärker und Lautsprecher entwickelt und war schließlich als Europa-Manager für den japanischen Hightech-Kabelgiganten Furukawa tätig. Dieser Job darf als Initialzündung für Carricks heutige Tätigkeit gelten. Denn kaum hatte sich Furukawa aus der Audio-Szene komplett zurückgezogen, setzte John Carrick seine guten Connections für gute Interconnects ein, und zwar durchaus erfolgreich, gelang es dem frischgebackenen Atlas-Chef doch, für seine Firma unverändert vollen Zugriff auf exklusive Techniken und Verfahrensweisen auszuhandeln. Damit gehört Atlas zu den wenigen Unternehmen, die mit patentgeschützten OCC-Kupferprodukten beliefert werden, nach Maß, versteht sich. Gleichwohl zeigt Carrick größtes Interesse, auch bei erheblichem Material- und Fertigungsaufwand die Preise moderat zu halten. Nicht zuletzt deshalb entstehen die „kleineren“ Atlas-Serien vollständig im eigenen Haus.

John, woher kommt Ihr profundes Wissen um das Thema „Kabel und Verbindungen“?

Nun, ich bin ja schon längst kein unbeschriebenes Blatt mehr. Seit Jahrzehnten engagiere ich mich für gutes HiFi, bewege mich in allen möglichen Bereichen der High-End-Audio-Szene und bin dabei in den frühen Achtzigern auf das Kabelthema gestoßen. Allerdings war die Entdeckung, dass Kabel und deren Konstruktion einen hörbaren Einfluss auf den Klang einer Komponente haben, eher Zufall – ich war nämlich eigentlich damit beschäftigt, einen Verstärker zu entwickeln. Doch seither lässt mich die Kabelfrage nicht mehr los. All das zahlt sich jetzt aus: Ich steckte von Anfang an mitten im Thema drin, war stets motiviert und neugierig, und während der Zeit, die ich dann für Furukawa unterwegs war, erhielt ich tiefe, weiterführende Einblicke in alle möglichen Prozesse. Das schärft nicht nur den Verstand, sondern verschafft auch einen klaren Wissensvorsprung. Ich bin jedenfalls froh, für meine Entwicklungen bei Atlas weiterhin auf das enorme Know-how einer Weltfirma bauen zu können.

Warum sollte ich meine Anlage ausgerechnet „schottisch“ verkabeln? Was genau ist das Besondere an Atlas-Verbindern?

Es müssen ja nicht unbedingt Kabel von uns sein, die besonders gut mit Ihrer Anlage harmonieren; auch andere Hersteller bieten hervorragende Verbinder an. Zugegeben, das sind nicht viele. Denn tatsächlich gibt es weltweit nur wenige Unternehmen, die sich auf ein enorm hohes, dabei gleichbleibendes Qualitätsniveau seiner Zulieferer verlassen können. Meistens wird ja doch ein Kabel von der Stange eingekauft, eine mehr oder weniger auffällige Hülle darübergezogen, und das war’s dann schon. Und wenn dieser Kabelanbieter dabei auf einen weniger qualitätsversessenen Zulieferer angewiesen ist, dann wird er erstaunt, mitunter gar erschüttert sein, wie groß dessen Qualitätsschwankungen ausfallen können. Atlas hingegen ist in der vorteilhaften Lage, jeden Schritt der Produktion zu definieren und zu kontrollieren, von der Konstruktion bis zum fertigen Endprodukt. Daher können wir garantieren, dass jedes Atlas-Kabel mit dem Referenzmuster und natürlich auch mit vorherigen Chargen so identisch wie überhaupt möglich ist. Trotzdem verlangen wir selbst für aller­feinste Qualitäten keine absurden Preise, das ist einfach nicht der Stil unseres Hauses.

Die Qualität scheint tatsächlich erstklassig zu sein, auch und vor allem „unter der Haube“. Trotzdem bieten Sie zum Beispiel kein so genanntes 8N-Kupferkabel an, nicht für Geld und gute Worte. Warum?

Das Material als solches ist ja nur ein Baustein von vielen. Es müssen aber alle Faktoren stimmen, um ein herausragendes Produkt zu erhalten. Die Idee „8N“ (entspricht einer Reinheit von 99,999999Prozent) hat im richtigen Leben nicht nur mit der tatsächlichen Verfügbarkeit zu kämpfen, sondern auch mit der Umsetzung einer durchaus interessanten Theorie in die harte Praxis – zumindest zu einem noch irgendwie vernünftigen Preisrahmen. Sicher, es wird ja Kupfer mit nochmals gesteigerter Reinheit produziert, doch was ist mit dem ganzen Drumherum? Von den theoretischen Vorteilen des hochreinen Materials bleibt selbst nach dem penibelsten Verarbeitungsprozess wo-möglich nur ein Bruchteil übrig. Das ist uns zu riskant. Atlas verlässt sich lieber auf Materialien, die ihre Qualitäten dauerhaft behalten. Nicht nur unter diesem Gesichtspunkt ist das patentierte sauerstoffarme OCC-Kupfer, wie wir es nach unseren Vorstellungen aus Japan beziehen, das höchste der Gefühle.

Made in Scotland: John Carrick (rechts) und sein leichtes, aber kupferhaltiges Gepäck, das er selbst entwickelt

Weil OCC eine extrem langkristalline Struktur besitzt?

Genau. Professor Ohno – das „O“ in „OCC“ – schaffte es, die Materialübergänge im Kupfer drastisch zu minimieren. Sein patentiertes Verfahren streckt die monokristalline Struktur des OCC-Kupfers („Ohno Continuous Casting“) auf sagenhafte 125 Meter aus. Zum Vergleich: Normales OFC („Oxygen Free Copper“), das für Audiokabel gerne verwendet wird, kommt typischerweise gerade mal auf zwei Zentimeter. Im übrigen haben wir Kabel im Programm, bei denen auch die Stecker aus OCC-Kupfer gefertigt werden. Ein weiterer Schritt nach vorn ist das niederschmelzende Teflon als Isolator­material …

Niederschmelzendes Teflon?

Ja, wir haben zusammen mit einem Zulieferer eine Methode entwickelt, um den Schmelzpunkt von Teflon zu senken. Normalerweise schmilzt Teflon, dieser vorzügliche Isolator, bei ziemlich genau 327° Celsius. Das ist prima, wenn Sie eine Bratpfanne beschichten wollen, aber ein Desaster, wenn’s um Audio-Kabel geht. Denn bei dieser Temperatur wird die schöne langkristalline Struktur des veredelten Kupfers wieder zerstört, jeder vorangegangene Fertigungsprozess ist praktisch für die Katz. Unser „Fluorinated Ethylene Propylene“ (FEP) hingegen schmilzt bereits bei 275° ­Celsius, zudem kühlen wir während des Beschichtungsvorgangs den Kupferstrang. So bleibt die kostbare Materialstruktur un­verletzt.

Ist Kupfer eigentlich das beste Material zur Signalübertragung? Wie schätzen Sie das so häufig hochgelobte Silber ein?

Das einzige, was unter bestimmten Bedingungen das OCC-Kupfer schlagen kann, ist tatsächlich Reinsilber. Allerdings müssen dann auch Aufbau und Stecker perfekt aufeinander abgestimmt sein, ist ja klar. Außerdem darf man nicht vergessen, dass Silber erheblich teurer ist als Kupfer und die Verarbeitung noch ein bisschen anspruchsvoller – Silber ist und bleibt eine überaus kostspielige Angelegenheit.

Und wie stehen Sie zur Doppelverkabelung (Bi-Wiring) von Lautsprechern? Besser oder schlechter als Single-Wiring?

Das hängt vom Lautsprecher ab. Ist er von vornherein für Doppelverkabelung vorgesehen, macht es auch Sinn, bei den Strippen entsprechend zu investieren. Atlas hat nicht umsonst be­stimmte Modelle im Programm, die gezielt auf die unterschiedlichen Anforderungen von hohen und tiefen Audio-Frequenzen optimiert wurden. Für besonders klare, unverschmierte Höhen kommt dann Massivdraht mit moderatem Querschnitt zum Einsatz, der Bass bekommt einen ordentlichen Querschnitt, den wir mit Litzen erreichen. Gleichwohl gibt es Lautsprecher mit Doppelterminals, die „normale“, dafür höchstwertige Kabel bevorzugen. Eindeutiger fällt meine Antwort beim Whisky aus: Etwas Besseres als einen guten Single Malt aus Schottland gibt’s nicht …

Voodoo-Talk in Gröbenzell: „Lässt sich das Signal noch beschleunigen, wenn es bergab läuft? Und was ist mit den Klangfarben, wenn mein Hemd dem Kabel ähnlich sieht?“ – „Well, Cai, let me explain …“

Einverstanden. Und das beste Kabel ist …

… dasjenige, das am wenigsten verschweigt. Alle Kabel schlucken Informationen, und die besten Kabel schlucken am wenigsten Informationen. Also ist grundsätzlich das perfekte Zusammenspiel von Top-Materialien, Top-Konstruktion und Top-Verarbeitung gefragt. Ein „optimales“ Kabel – das es in der Praxis nicht geben kann – lässt die maximale Menge an Information durch, ohne jemals künstlich oder überbetont zu wirken.

Lässt sich das messen? Und bedeutet „Optimum“ in jedem Fall auch „mehr Details“?

Sicher, elementare Parameter eines Kabels ­lassen sich messtechnisch erfassen. Doch das menschliche Gehör ist viel sensibler, als die allermeisten glauben; es ist und bleibt das beste Testinstrument, um die Performance einer Anlage zu beurteilen. Da können Maschinen nicht mithalten, zählen Erfahrungen und Probeläufe mehr als alles andere. Und wie immer kommt es auf eine ausgewogene Gesamtkomposition an, das gilt insbesondere auch für die Verkabelung. Ein besonders „helles“, vermeintlich „durchsichtiges“ Kabel wird auf Dauer genauso auf die Nerven gehen wie ein ausgesprochen „fettes“ Konstrukt mit einer Bass­betonung. Kurzum, wir suchen ein harmonisches Klangerlebnis, das weder ermüdet noch ins Grelle kippt, das genug „Slam“ im Bass bietet, ohne dadurch andere Lagen zu übertönen. Das alles erinnert ein biss­chen an einen Restaurantbesuch: Alle Küchenchefs kochen mit Wasser und guten Zutaten, doch das heißt noch lange nicht, dass in jedem Fall eine harmonische Leckerei serviert wird. Der Koch muss das Abschmecken beherrschen, dabei minutiöse Details beachten und manchmal eben doch auf exklusive Zutaten zurückgreifen.

Ein Wort noch zu „Kästchenkabeln“?

Von denen halte ich ehrlich gesagt nicht allzu viel. In den Kästchen steckt häufig nur ein simples Zobelglied, um Störungen durch hochfrequente Einstrahlungen zu unterdrücken. Doch wenn zum Beispiel auch der Verstärker damit ausgestattet ist, kann es schnell zu viel werden und der gut gemeinte Schuss geht nach hinten los. Mir ist schon klar, dass „black boxes“ in letzter Zeit ziemlich in Mode gekommen sind, aber das macht sie für Atlas nur noch uninteressanter, weil wir generell nichts für Modetrends oder Budenzauber übrig haben.

Apropos Budenzauber: Kabel einspielen oder nicht? Laufrichtung beachten oder nicht?

Ich gebe gerne zu, dass Kabel eine gewisse Zeit brauchen, bis sie das klangliche Optimum liefern, nach meiner Erfahrung etwa drei Tage. Auch respektiere ich, wenn jemand behauptet, die bevorzugte „Laufrichtung“ heraushören zu können. Doch eine Begründung für diese Phänomene kann ich leider nicht liefern.

John, vielen Dank für das Gespräch.

Basiswissen aus erster Hand: „Am besten ist es natürlich, beim Musikhören die Flaggenfarben Schottlands zu tragen, also Dunkelblau und Weiß. Ein Besuch beim Friseur ist auch eine gute Idee – die Höhen, you know, die Höhen …“