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Vorwort

5000 Kilometer unter dem Meer

Text von: Roland Kraft

Wer waren wohl die ersten „Kabel-Highender“? Sie werden es kaum glauben: Es waren jene Ingenieure und Erfinder, die als Vorreiter in der weltumspannenden Telekommunikation Mitte des 19. Jahrhunderts absolutes technisches Neuland betraten. Galt es doch, Hunderte von Kilometern oberirdisch verlegte Telegrafenleitungen standfest zu machen oder, noch weit anspruchsvoller, Tausende von Kilometern lange Unterseekabel zu entwerfen, die sowohl den Bedingungen in mehreren tausend Metern Tiefe als auch der Problematik ihres Eigengewichts während der Verlegung durch spezielle Schiffe gewachsen waren. Zu dieser abenteuerlichen Zeit mussten große Erfinder, große Unternehmer und ihre wagemutigen Helfer eng zusammenarbeiten, um Riesenprojekte wie etwa die Verlegung des ersten Seekabels zwischen den Kontinenten zu realisieren. Trotz furchtbarer Rückschläge klappte 1858 die erste Verbindung, freilich nur für wenige Wochen – das Kabel war der Beanspruchung nicht gewachsen und versagte.

Erst eine weitere, ihrer Zeit weit vorauseilende technische Meisterleistung ermöglichte letztlich die dauerhafte Kommunikation zwischen alter und neuer Welt: Der geniale englische Konstrukteur Isambard Kingdom Brunel baute bis 1858 das damals mit Abstand größte Schiff der Welt, die „Great Eastern“ – ein technisches Glanzstück von 211 Metern Länge, mit Schaufelrad- plus Schraubenantrieb und einer Transportkapazität von 4000 Passagieren respektive einer Zuladung von fast 15 000 Tonnen. Ihrer Zeit weit voraus, war das zunächst „SS Leviathan“ getaufte Schiff eine überdies vom Pech verfolgte wirtschaftliche Katastrophe. Erst als es darum ging, das ungeheure Gewicht von 5100 Kilometern Seekabel im Rumpf aufzunehmen, erwies sich die glücklose „Great Eastern“ als einzig zur Verfügung stehendes, höchst willkommenes Werkzeug, dessen Laufbahn 1866 durch die erfolgreiche Inbetriebnahme der Seekabel-Telegrafenverbindung zwischen Europa und Amerika gekrönt wurde. Das zumeist traurige Schicksal des nur noch einmal als Kabelverleger eingesetzten Schiffes endete 1898 mit dem Abwracken in Liverpool.

Einer anderen großen Persönlichkeit ist es ebenfalls zu verdanken, dass das Seekabel überhaupt machbar wurde: Es war Werner von Siemens, der bahnbrechende Entwicklungen bei der Isolation und Fertigungstechnik von Kabeln machte und das so genannte Guttapercha, einen Pflanzensaft aus Südostasien, zu einem in Salzwasser haltbaren, nahtlos das Kabel umschließenden Isolator verarbeiten konnte. Zudem steuerte das Universalgenie sein „Bremsdynamometer“ bei, eine spezielle Kabelbremse, mit der das Abrollen des schweren Kabels selbst bei großen Wassertiefen gesteuert werden konnte. Haltbar wurden die Seekabel letztlich aber nur durch schwere Armierungen aus Stahl, die einen verdrillten Außenmantel bilden und die extremen Beanspruchungen aufnehmen können.

Aus der früher natürlich rein analogen Signalübertragung, die durch zwischengeschaltete, ebenfalls versenkte Verstärker verbessert werden konnte, wurde inzwischen High-End-Glasfasertechnik, die bekanntermaßen enorme Datendurchsätze ermöglicht. Heute ist die Welt nicht nur per Draht und Glasfaser, sondern natürlich auch drahtlos so dicht vernetzt, dass selbst Visionäre wie Werner von Siemens nur staunen könnten. Begonnen hat alles mit einem simplen Kupferstrang und dem Erzselber, dessen Name auf die Römer zurückgeht, die das begehrte Material aus zyprischen Erzgruben „aes cyprium” (Erz aus Zypern) nannten, was schließlich zu „cuprum” wurde – Kupfer.

Bei Kupfer, Silber, teils auch Gold und ein paar weniger gut leitenden exotischen Ausnahmen blieb es auch bis heute, wenn es noch um echte galvanisch leitende elektrische Verbindungen geht. Obwohl in der Unterhaltungselektronik zunehmend auch drahtlose Kommunikation auftaucht, hat die anderswo schon als antiquiert betrachtete Kabelverbindung in der HiFi-Technik einen Stellenwert erreicht, der noch vor 20 Jahren undenkbar schien. Die vermeintlich simple Schnittstelle zwischen Player und Verstärker oder zwischen Endstufe und Lautsprecher entwickelte sich vom Klingeldraht zur Komponente und, nicht wegzuleugnen, vom Zwo-Mark-Fuffzig-Drähtchen zum Multi-Euro-Schlauch.

Dass damit auch eines der umstrittensten (HiFi-)Sachgebiete entstand, ist ebenfalls Tatsache. Dabei sind die Standpunkte so polarisiert wie nur irgend möglich: Während eine Fraktion müde abwinkt und den „politischen“ Gegner als Hohepriester eines umsatzgeprägten Voodoo-Kultes beschimpft, ist die andere Seite willens und bereit, für einen Meter Kupfer-Glückseligkeit Hunderte von Euro zu berappen. Der Grund, welcher die Kabel-Protagonisten dazu bewegt zu investieren, ist nachvollziehbarer Natur: Es gibt natürlich hörbare Unterschiede zwischen verschiedenen Verbindungstechniken. Über die Größenordnungen lässt sich durchaus vehement streiten, ebenso über die Höhe des finanziellen Wagnisses. Aus den Kabeln fast eine Religion zu machen, sie als Universal-Problemlöser oder sogar als ausschließlich klangentscheidend hinzustellen, ist freilich genauso falsch wie der entgegengesetzte Standpunkt, der das ganze Thema als komplett überflüssig hinstellt.

Sich angesichts eines riesigen, kaum noch durchschaubaren Angebotes quer durch alle Preisklassen und – nicht zu vergessen – „Philosophien” mit dem Thema zu beschäftigen, war für die Redaktion eine höchst interessante und teils auch amüsante Erfahrung. Mit Letzterem werden wir Sie verschonen, weil uns gelegentlich weder die Hardware noch die Kosten einleuchteten, mit Ersterem haben wir unsere Website www.hifi-tunes.de und dieses Buch gefüllt. Dabei kommen verschiedenste Herangehensweisen und Techniken zur Sprache, die nur eines gemeinsam haben sollten: Sie mussten interessant genug sein, um einen unserer Autoren zum Hören und Schreiben anzustoßen. Darüber hinaus vertritt die nunmehr dritte Ausgabe von „hifi-tunes“ – wie immer – weder eine geschlossene redaktionelle Meinung noch erheben wir Anspruch auf Vollständigkeit. Eines können wir jedoch versprechen: Von „Tuning-Chips”, „Animatoren” und ähnlichen Dingen bleiben Sie, was uns angeht, auch in Zukunft verschont. Versprochen.