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Cardas Neutral Reference Phono

Der Goldene Schnitt

Text von: Heinz Gelking

Vor allem unter Analogfans gilt Cardas Audio als feine Adresse. Aus Oregon kommen nämlich neben Innenleitern für Tonarme und Head­shell-Käbelchen auch Phonokabel von gutem Ruf.

Von Anfang an stand für mich fest, dass ich mich in den hifi-tunes mit einem Phonokabel von Cardas Audio beschäftigen wollte. Ein Blick in die Preisliste brachte mich allerdings ins Grübeln. Das Golden Cross Phono und erst recht das Golden Reference Phono sind noch teurer als das ebenfalls schon auf meiner Themenliste befindliche Sun Wire Phono Reference. Ich wollte aber nicht nur Kabel für Millionäre vorstellen. René Trömner vom deutschen Cardas-Vertrieb schlug dann das Neutral Reference Phono vor. Dabei passte mir nicht nur der „irgendwie noch bezahlbare“ Preis ins Konzept, sondern auch die Aussicht auf einen „neutralen“ Klang, mit dem ich gewöhnlich sogar mehr als mit einem „goldenen“ Klang anfangen kann.

Wer sich mit einem Kabel von Cardas Audio beschäftigt, landet früher oder später beim Goldenen Schnitt. Die Idee vom Goldenen Schnitt erhebt eine Teilung von Strecken, Flächen und Körpern in ganz bestimmten Verhältnissen zum Ideal. Der Goldene Schnitt soll unter anderem aus den Formen von Blättern, Kristallen und dem Körper des Menschen abgeleitet worden sein. George Cardas hat aus dem ästhetischen Ideal ein Konstruktionsprinzip für Kabel gemacht. Im Neutral Reference Phono wird der Querschnitt der Leiterfasern vom Kern nach außen hin im Verhältnis des Goldenen Schnitts immer größer. Für diese Erfindung hatte der Ame­rikaner 1986 ein US-Patent (No. 4628151) erwerben können.

Nicht nur Goldener Schnitt, sondern auch sachliche Argumente: Cardas Neutral Reference Phono

Gegen eine Anwendung des Goldenen Schnitts bei der Konstruktion von Kabeln lässt sich nichts sagen. Vielleicht kommt morgen jemand und baut Kabel nach Feng Shui. Auch das ist nicht schlimm. Aber ich habe keine Lust, mich mit solchen Argumenten auseinanderzusetzen. Schließlich ist schon die Herleitung des Goldenen Schnitts aus der Natur umstritten. Ich halte ihn für ein interessantes kulturelles Phänomen, aber nicht für eine Art Naturgesetz. Das macht aber nichts. George Cardas hat nämlich auch sachliche Argumente für seine Konstruktion veröffentlicht – nüchterne Physik statt Mythen. Sogar die Patentschrift kann man im Internet einsehen.

Also ein paar Fakten: Das Cardas Neutral Reference Phono ist ein Kupferkabel. Seine Signalleiter bestehen aus vielen dünnen Einzeladern oder Fasern. Von der patentierten Anordnung der Adern mit von innen nach außen zunehmenden Querschnitten verspricht sich der Hersteller unter anderem eine Verringerung der Selbstinduktivität, eine Verkleinerung des Widerstands, eine Reduzierung elektromechanischer Resonanzen und die Vermeidung von Energiespeichereffekten innerhalb des Kabels. Als Dielektrikum kommen Teflon und Luft zum Einsatz. Gegen störende Umgebungseinflüsse ist das Neutral Phono Reference mit einer doppelten Schirmung gewappnet. Nach Herstellerangaben weist es eine relativ geringe Kapazität von 20 Pikofarad je Fuß (= 30,48 Zentimeter) auf.

Cardas Audio ist auch als Zulieferer für exklusive Audio-Bauteile tätig – vom Bananenstecker bis zum Kondensator. Natürlich kommt das Feinste aus dem eigenen Katalog zum Einsatz, beispielsweise ein Fünfpolstecker aus schwarz anodisiertem Aluminium, dessen Federkontakte eine perfekte Verbindung mit den Pins meines SME 3500 eingingen, und der für sich allein schon einen Listenpreis von 64 Euro hat. Die gesamte Verarbeitungsqualität des Phonokabels ist ausgezeichnet.

Von einem als neutral bezeichneten Kabel erwarte ich, dass es ein Audiosignal so weiterleitet, wie der Tonabnehmer es aus der Rille gelesen hat – ohne ihm einen eigenen Stempel aufzudrücken. Dieser Erwartung entspricht das Neutral Reference Phono vollkommen. Beim Fünften Klavierkonzert von Beethoven (Daniel Barenboim, New Philharmonia unter Otto Klemperer auf EMI ASD 2500) offenbart es mir mehr Details als das Zubehörkabel meines SME 3500; die Musik klingt gleichzeitig geordneter und entspannter. Der aufgespannte Raum hat mehr Tiefe – die Holzblasinstrumente im Orchester befinden sich nun deutlich hinter den Streichern. Selbst die Klangfarben erscheinen mir über das Neutral Phono Reference natürlicher präsentiert als über das etwas rauer klingende Originalkabel.

Darum macht es mit dem Cardas-Kabel auch mehr Spaß, eine Sängerin mit einer so heikel zu reproduzierenden Stimme wie Joan Baez zu hören. Deren Stimme ist hoch und bekommt schnell einen scharfen und weinerlichen Beigeschmack. Das Neutral Reference Phono dunkelt beim unbegleitet gesungenen Song „Wagoner’s Lad“ (Vanguard VSD 23004) die Stimme nicht künstlich ab, es ist eben kein Kabel mit dem Butzenscheibeneffekt künstlicher „Wärme“, doch übermittelt es feinere Schwingungen, feinere Lautstärkeübergänge und mehr glaubwürdige Beteiligung.

Dass ein Kabel für fast 500 Euro sich von der Standardlösung am SME 3500 absetzen kann, erwarte ich allerdings auch – und konfrontiere das Cardas vergleichend mit dem Sun Wire Phono Reference. Ich höre Alfred Brendel mit Beethovens Klaviersonate Nr. 15 (Philips 6514111). Hinsichtlich der Detailfülle und der Fähigkeit, die einzelnen „Stimmen“ im Kla­vier­satz transparent zu machen, nehmen sich die beiden Kabel nichts. Allerdings klingt der Flügel über das Sun Wire noch eine Spur mächtiger und energiereicher. Das Sun Wire profitiert allerdings davon, die Signale an den symmetrischen Eingang des SAC Entrata Disco leiten zu dürfen – ein unfairer Vorsprung, vor allem in Sachen Dynamik. Das Cardas-Kabel am Cinch-Eingang klingt eine Nuance verbindlicher – als sei es ein wenig besser erzogen. Noch schwerer fällt es mir, die Wiedergabe von Klangfarben zu beurteilen: Klingt das Sun Wire mit seinen Silberleitern farbintensiver oder greller? Klingt das Cardas-Kabel mit seinen Kupferleitern matter oder natürlicher? Ich lasse die Frage offen und das Cardas-Kabel in der Anlage.

Feierabend, ich lege eine Platte auf und die Beine hoch. Tanita Tikaram singt ihren „Cathedral Song“ von der LP Ancient Heart (WEA WX210). Ein paar Keyboard-Klänge machen einen riesigen Raum auf, ein Gitarre kommt dazu, schließlich erscheint eine dunkle, unverwechselbare Stimme in der Mitte: “I saw from the cathedral you were watching me …” Wieso gefällt mir dieses Lied auf einmal so gut? Warum finde ich es so toll aufgenommen? Weshalb fällt es mir so leicht, vom HiFi-Hören (Arbeit!) zum Musikhören (Vergnügen!) um­zuschalten? Es muss wohl an der transparenten und präzisen, energiereichen, aber niemals aggressiven Art und Weise liegen, mit der das Neutral Reference Phono von Cardas das Musiksignal überträgt.

Produktinfo

Phonokabel Cardas Neutral Reference Phono

Konfektionierung: Fünfpolstecker und Cinch (andere Konfektionierungen möglich)

Preis: 480 Euro (1,25 m), jeder weitere halbe Meter 140 Euro

Kontakt

www.taurus.net