Accuphase PS-1210
Auf dem Weg zum eigenen Kraftwerk
Text von: Dirk Sommer

Auf den ersten Blick könnte man den PS-1210 für einen leistungsstarken Netzsynthesizer halten. Ist er aber nicht, sondern vielmehr eine gelungene Kombination aus Trenntrafo, Filter und Spannungskonstanter.
Auf hochwertige Wandsteckdosen, entsprechende Netzleisten und vor allem gute Netzkabel wollte auch ich bisher nicht verzichten. Aber offen gestanden habe ich um Filter, Trafos et cetera, wann immer es möglich war, einen großen Bogen gemacht. Und das, obwohl besagte Kabel und Verteilerleisten sich ausgeprochen positiv auf die Gesamtleistung meiner Anlage ausgewirkt haben. Einen rationalen Grund für die eher ablehnende Haltung gegenüber einer konsequenten Optimierung der Stromversorgung gibt es also nicht. Diese Einstellung resultiert eher aus einer gewissen Phobie vor Kabeltests im Allgemeinen. Aber in diese wohl unterbewusst furchteinflößende Kategorie fällt der Accuphase mit seinen beinahe 40 Kilogramm ganz sicher nicht, auch wenn die Kollegen und ich uns schon das ein oder andere Mal haben hinreißen lassen, Kabeln Komponentenstatus zuzugestehen …
Die größte Fläche im Inneren des PS-1210 nehmen ein mächtiger, gekapselter Ringkerntransformator und vier ebenfalls nicht gerade zierliche Elkos ein. Links davon befindet sich eine Kleinsignal-Platine, die einen hoch präzisen, nahezu verzerrungsfrei arbeitenden Signalgenerator beherbergt. Der wird aus einer eigenen Sekundärwicklung des Trafos gespeist und liefert ein 50- respektive 60-Hertz-Sinussignal, dessen Phase mit der der Netzspannung völlig identisch, dessen Form und Amplitude von der Höhe der Netzspannung jedoch gänzlich unabhängig ist. Die linke Gehäuseseite nehmen zwei gegeneinander versetzt montierte Kühlkörper ein, die jeweils 20 parallelgeschalteten Leistungstransistoren Platz und stabile thermische Verhältnisse bieten. Die beiden Halbleitergruppen arbeiten im Push-Pull-Betrieb und können einen Dauerstrom von 5,2 Ampere liefern. Im Millisekundenbereich sind gar Ströme bis zu 60 Ampere möglich.

Verstecken völlig überflüssig: Der PS-1210 präsentiert sich, wie von Accuphase gewohnt, ganz und gar edel
Die 40 Endstufentransistoren verstärken aber nicht, wie das bei den bekannten Netzsynthesizern üblich wäre, das Sinussignal des Frequenzgenerators auf 230 Volt und die benötigte Stromstärke. Die Leistungsstufe des Accuphase addiert respektive subtrahiert vielmehr zwei Wechselströme. Der eine, deutlich stärkere kommt direkt aus einer Sekundärwicklung des Trafos, ist also im Grunde nichts anderes als der schon primärseitig von einem Filter und dann durch die Transformation gereinigte Strom aus dem Netz. Diesen mischt der Accuphase mit einem Wechselstrom, den man als Korrektursignal bezeichnen kann. Es wird durch den Vergleich der Wellenform des Stroms auf der Sekundärseite des Trafos mit der Referenz vom Frequenzgenerator gewonnen. Aber das Korrektursignal stellt nicht nur die angestrebte Sinusform wieder her. Es sorgt zudem dafür, dass auch die Amplitude dem gewünschten Ideal nahekommt. Solange die Spannung aus der Wandsteckdose 200 Volt nicht unter- oder 253 Volt nicht überschreitet, schafft es der Accuphase, die an ihn angeschlossenen Geräte mit 230 Volt zu versorgen, wobei die Abweichung von diesem Wert maximal zwei Prozent betragen soll.
Die Restaurierung der ursprünglichen Wellenform des Wechselstroms nennt Accuphase übrigens „waveform shaping technology“.
Sie wurde analog zur bewährten Klangregelung der Vorstufen entwickelt, bei der Anhebungen oder Abschwächungen ausgewählter Frequenzbereiche durch das Zumischen bestimmter Signalanteile bewerkstelligt werden, das Musiksignal selbst aber keine Filter durchlaufen muss. Für den Einsatz dieser Technik bei der Netzaufbereitung spricht ihr hoher Wirkungsgrad, der ab einer Leistungsabgabe von mehr als 300 Watt bis zu 70 Prozent erreicht. Auch ist das Verhältnis von Dauer- zu kurzzeitigem Spitzenstrom hier deutlich günstiger als bei üblichen Endstufen.

Dominierend im wie üblich höchst stabilen Accuphase-Gehäuse sind der mächtige Ringkerntrafo und die vier großen Siebkapazitäten
Die Bedienung des PS-1210 ist denkbar unkompliziert: Er wird einfach zwischen Wandsteckdose und Audiokomponente respektive Verteilerleiste eingeschleift. Dann ist nur noch der frontseitig montierte Schalter zu betätigen, mit dem sich mittels eines Relais alle angeschlossenen Komponenten zentral ein- und ausschalten lassen. Die übrigen fünf Knöpfchen bestimmen lediglich, was das dezent illuminierte Rundinstrument anzeigt: die Eingang- oder Ausgangsspannung, den Verzerrungsanteil im Ein- oder Ausgangsstrom oder aber die momentan abgegebene Leistung. Dass kurz nach dem Einschalten vom riesigen Ringkerntrafo nicht das geringste mechanische Brummen zu hören ist und die gesamte Verarbeitungsqualität höchsten Ansprüchen genügt, braucht man bei einer Komponente aus dem Hause Accuphase ja eigentlich gar nicht mehr zu erwähnen.
Bevor ich etwaige Wirkungen des PS-1210 schildere, hier kurz der Ist-Zustand meiner Kette in puncto Netzanschluss: Vorstufe, Entzerrer und Plattenspieler sind ebenso wie die Studer-A80-Bandmaschine über einen Audioplan Powerstar mit einer von drei HMS-Wandsteckdosen verbunden. Die zweite steht in Kontakt mit einem ziemlich betagten Netzfilter von Sonic Line, der dem Alesis Masterlink, etwaigen digitalen Testgeräten, einer Plattenwaschmaschine, einer Halogenlampe und einem Rack mit Studioequipment Anschluss bietet. Die dritte Steckdose speist über eine kleine Sun Leiste mit einer satt dimensionierten, relativ langen Zuleitung die in der Nähe der Lautsprecher positionierten Endstufen. Der Filter kommt nicht etwa deshalb zum Einsatz, weil er den Klang des Festplattenrecorders oder anderer Digitalgerätschaften gravierend verbesserte, sondern nur, um den Rest der Kette vor etwaigen Beeinträchtigungen durch „Schmutz“ verursachende Komponenten zu schützen. Seine Wirksamkeit habe ich zwar vor Jahren mal überprüft, seitdem aber als gegeben hingenommen.
Bei meinen wie gesagt eher spärlichen Experimenten mit Netzfiltern musste ich erfahren, dass eine größere Ruhe im Klangbild fast immer mit mehr oder weniger starken Dynamikeinbußen einherging. Da eine intensivere Beschäftigung mit dem Accuphase in meinen Augen aber nur dann sinnvoll ist, wenn er in dieser Diziplin eine rühmliche Ausnahme darstellen sollte, habe ich zuerst die in puncto Strombedarf anspruchsvollsten Komponenten, die Brinkmann-Monos, mit einer Steckdose des PS-1210 verbunden. Laut dessen Anzeige beanspruchen die Endverstärker selbst bei derberen Pegeln nicht einmal 300 Watt. Und die stellt der Accuphase locker bereit. Selbst bei impulsgespickten Bass-Scheiben wie Dean Peers Ucross wird die Dynamik nicht im mindesten eingeschränkt. Die Tieftonattacken wirken sogar noch eindrucksvoller, weil sie dank des PS-1210 vor einem ruhigeren, weniger nervösen Hintergrund stattfinden. Die Durchhörbarkeit des Saitenfeuerwerks nimmt auch noch ein wenig zu und die wohl auf elektronischem Wege erzeugten feinsten Rauminformationen treten ebenfalls plastischer hervor, wenn die Endverstärker mit „sauberem“ Strom versorgt werden. Dabei sind die geschilderten Verbesserungen so deutlich, dass es keines mehrmaligen Umsteckens bedarf, um ihrer gewahr zu werden.

Auf der Rückseite des Multitalents stehen insgesamt sechs Steckdosen zur Verfügung
Mit der zutiefst beruhigenden Gewissheit, dass der Accuphase die Spontaneität und die Spielfreude der Kette auch nicht ansatzweise einschränkt, sie vielmehr noch minimal befördert, lassen sich dann völlig unbeschwert ein wenig in Vergessenheit geratene Plattenschätze wie Ralph Towners Solo Concert (ECM 1173) genießen: Nie zuvor hoben sich die unterschiedlichen Klangfarben beim Wechsel zwischen klassischer Gitarre und der Zwölfsaitigen stärker voneinander ab, nie zuvor konnte man den verschlungenen Melodielinien einfacher folgen, ja nie war es verlockender, sich ohne jeglichen Gedanken an die beteiligte Technik in den Kompositionen zu verlieren. Mit dem Accuphase bereitet mir Schallplattenhören schlicht wieder mehr Spaß – und sei es nur als Untermalung beim Schreiben.
Dabei ist es recht schwer zu benennen, wo der PS-1210 den Unterschied macht. Vergleicht man beispielsweise gute schwarze Scheiben mit Tonbändern, wirken Erstere oft minimal technischer, ja man glaubt, Spuren des mechanischen Abtastvorgangs wahrnehmen zu können, während die Musik vom Band fließender, homogener, letztlich natürlicher daherkommt. Und einen guten Teil dieser Freiheit von technischen Beimengungen erlebt man plötzlich auch bei Platten, wenn die Endstufen ihren Strom vom PS-1210 geliefert bekommen.

Kernstück im Accuphase ist ein höchst präziser Signalgenerator, der eine eigene Stromversorgung besitzt

Accuphase-Endstufe? Nicht ganz – ein Teil der Leistungstransistorbank an den Kühlrippen des 1210
Nachdem ich dann auch den Audioplan Powerstar und damit Vorstufe, Entzerrer und Plattenspieler mit dem Accuphase verbunden habe, stellt sich erst einmal eine leichte Enttäuschung ein. Die Durchzeichnung gelingt zwar noch einmal ein klein wenig besser und die imaginäre Bühne scheint ein paar Zentimeter weiter in die Tiefe zu reichen, aber irgendwie will der Funke nicht überspringen. Sollte das am Röhrennetzteil des Plattenspielers, den fast fünfzig Spannungsstabilisatoren des Phonoteils oder allgemeiner formuliert an der im Vergleich zu den Endstufen insgesamt aufwendigeren Stromversorgung der nur wenig Leistung beanspruchenden Komponenten liegen? Nein, Ursache ist allein das kurzzeitige Ausschalten besagter Geräte. Schon beim zweiten Song beginnt die Musik wieder, mich in ihren Bann zu ziehen. Und am Ende der ersten Plattenseite spielt die Kette einfach unwiderstehlich: Tiefe Impulse kommen geradezu spielerisch und dennoch mit selten gehörter Macht, das Orchester scheint vor Spielfreude überzuschäumen, ohne deshalb auch nur einen Deut seiner rhythmischen Präzision einzubüßen. Plötzlich gibt es sogar bei wohlbekannten Scheiben noch neue Details zu entdecken: Hier schwingt der Teppich einer Snare leise mit, dort dauert ein Ausschwingvorgang minimal länger, und auch ein paar Griffgeräusche treten deutlicher hervor. Und trotz dieser famosen Auflösung verliert die Darbietung nichts von ihrem Drive. Einfach fantastisch!
Der PS-1210 erfordert zwar eine nicht unbeträchtliche Investition, bietet in einer adäquaten Kette dafür aber einen hohen klanglichen Gegenwert. Bevor man also mit dem Gedanken spielt, womöglich eine entsprechende Summe in Netzkabel zu stecken, sollte man unbedingt ausprobieren, ob der PS-1210 in der eigenen Anlage eine ebenso segensreiche Wirkung zeitigt wie in der meinen. Gute Stromzuleitungen wären dann der zweite Schritt …
Produktinfo
Netzstrom-Aufbereiter Accuphase PS-1210
Ausgänge: 3 x Schutzkontakt-Steckdose, 3 x Zweipol-Steckdose
Leistung: 1200 Watt
Besonderheit: Anzeige für Leistung, Spannung oder Verzerrung
Maße (B/H/T): 47/25/50 cm
Gewicht: 39 kg
Garantiezeit: 3 Jahre
Preis: 8000 Euro
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