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Tonarm VPI JMW 12.5

Segler sagen: Länge läuft

Text von: Heinz Gelking

Vor rund einem Jahr habe ich Harry Weisfeld interviewt. Damals schrieb ich über den VPI JMW 10.5 und hatte eine Menge ­Fragen. Am Rande kamen wir auch auf den ­längeren VPI JMW 12.5 zu ­spre­chen. Und was mir Harry Weisfeld über sein Spitzenmodell erzählte, machte mich nervös …

Der Entwickler bemühte sich nicht um Diplomatie. Sein Urteil war eindeutig: „Der JMW 12.5 spielt mit beinahe jedem Ton­abnehmer noch einmal besser. Er ist länger, hat einen geringeren Spurfehlwinkel, be­nö­tigt eine geringere Antiskating-Kraft und ist wegen der größeren Seitengewichte noch ­stabiler. Es ist der am besten klingende Arm, den wir machen“ (image hifi 3/2005). Damals war ich ziemlich konsterniert. Ich hatte nämlich gerade beschlossen, den Zehneinhalbzöller, mit dem ich mich seit ein paar Wochen beschäftigte, in den Himmel zu heben und mutig vorpreschend im Fazit gefordert: „Ruhig mit den besten Armen der Welt vergleichen!“ Das würde ich übrigens immer noch so schreiben; es war ehrlich empfunden.

Seitdem habe ich mit dem Brinkmann 10.5 und dem Rossner & Sohn SI 1.2 zwei weitere Tonarme kennengelernt und meinen eigenen SME 3500 mit einer Dämpfungswanne ausgerüstet. Mein analoger Horizont ist dadurch ein bisschen weiter geworden, und zugleich ist die Erinnerung an den JMW 10.5 noch ziemlich frisch. Eigentlich der richtige Mo­ment, einer interessanten Frage nachzugehen: Was bringen fünf Zentimeter mehr?

Der JMW 12.5 steht in den Startlöchern. Sieht man von der imposanteren Länge von 301 Millimetern und einer geringfügig höheren effektiven Masse von 11,3 Gramm ab, gleicht er seinem kleineren Bruder (251 Millimeter; 9,5 Gramm) aufs Haar.

Darum geht die Montage auch schnell von der Hand. Ich weiß ja, was mich erwartet: eine hilfreiche Bedienungsanleitung, eine praktische Montageschablone aus Metall, eine Tonarmwaage vom Typ Shure SFG-2 und gutes Werkzeug. Nur die Standbohrmaschine fürs Bohren der Montagelöcher haben sie nicht mit reingepackt.

Auf dem Transrotor Orfeo Doppio lässt sich jeder Drehtonarm montieren, weil die Tonarmbasen verschwenkt werden können. Nur das Höhenverhältnis zwischen Telleroberfläche und Basis muss ich manchmal anpassen. So war es auch beim JMW 12.5, der auf meiner „Arbeitsbasis“ zum Einsatz kam. Sie ist löchrig wie ein Schweizer Käse, weil sie schon viele Arme getragen hat. Immerhin, die für den JMW 12.5 erforderlichen Fünf-Millimeter-Löcher passten noch rein, und innerhalb einer Stunde war der Tonarm montiert.

Während der Testphase liefen vier verschiedene Tonabnehmer im JMW 12.5, nämlich ein DL-103 im Rosenholz-Body von Stereolab, ein Volpe im Ebenholz-Body, ein Ortofon Kontrapunkt B und ein Transrotor Merlo Reference. Wer daraus auf eine gewisse Bedienungsfreundlichkeit des Armes schließt, liegt richtig. Die Tonabnehmer-Justage am JMW 12.5 macht Freude – sonst hätte ich sicher auf den einen oder anderen Probanden verzichtet. Einmal habe ich mitten in einer schlaflosen Nacht einen Tonabnehmer getauscht. Das ist nämlich eine wunderbar konzentrierte und darum beruhigende Tätigkeit. Es hat etwas Kontemplatives.

Charakteristisch für VPI-Tonarme: Die Antiskating-Kraft wird durch das verdrillte Tonarmkabel erzeugt

Die Lagerglocke bringt Gewicht und damit Stabilität unterhalb des Lagerpunktes. Mithilfe der beiden Außengewichte lässt sich der Azimut justieren. Die Lagerpfanne wird über den Lagerdorn gestülpt. Dabei definiert sich die Position des Arms durch die tiefste Stelle des spitz zulaufenden Trichters

Wer häufig mit verschiedenen Tonabnehmern arbeitet, kann bei VPI Tonarmrohre einzeln erwerben und – bis auf den VTA – perfekt vorjustierte Systeme gegeneinander austauschen. So was geht bei keinem kardanisch gelagerten Arm der Welt und nur bei wenigen anderen Einpunktgelagerten, beispielsweise den Armen von H. H. Mørch. Es eröffnen sich tolle Möglichkeiten – zuerst mit dem Merlo Reference in die Oper und an­schließend mit einem DL-103 im Rosenholz-Body durch alte Party-Scheiben surfen, und das im Handumdrehen. Vom Vorführbetrieb in HiFi-Läden oder von Anwendungsmöglichkeiten in Tester-Haushalten ganz zu schweigen. Die gute Idee ist aber nicht billig: Das zusätzliche Armrohr für den Zwölfzöller kostet 1700 Euro.

Ich erinnere mich, beim JMW 10.5 immer etwas Zeit gebraucht zu haben, bis ich mir sicher war, das richtige Maß an Verdrillung für die Erzeugung der Antiskating-Kraft durch das Tonarmkabel gefunden zu haben. Damals habe ich bei jedem Systemeinbau mit zwei, drei Plattenseiten und mit zwei, drei „Umdrehungen“ beim Verdrillen experimentiert. Der lange JMW 12.5 ist in dem Punkt tatsächlich unproblematischer. Ich habe zwar wieder ab und an ausprobiert, wie sich Veränderungen bemerkbar machen, kam aber jedes Mal auf dasselbe nur ganz geringe Maß an Verdrillung zurück. Fünf Zentimeter mehr Tonarmlänge ermöglichen es tatsächlich, ­dieselben Systeme mit weniger Antiskating-Kraft zu fahren. Die Erzeugung der Antiskating-Kraft durch Verdrillen überzeugt mich übrigens nach wie vor: Wo keine gespannten Federn oder aufgehängten Gewichte sind, können solche auch nicht resonieren. Nur Antiskating-Vorrichtungen mit berührungsfreien und geschirmten Magneten finde ich noch cleverer.

Unser Testobjekt war „nur“ mit der Standardverkabelung sowie einem zusätzlichen NF-Kabel identischen Leitermaterials ausgerüstet. Man kann den Arm auch mit einer Nordost-Valhalla-Verkabelung erwerben. Ich hatte den JMW 10.5 damals aber mit der Standardverkabelung getestet, und der Zweck meiner erneuten Beschäftigung mit einem VPI-Arm bestand für mich nicht darin, verschiedene Innenverkabelungen miteinander zu vergleichen. Mir ging es um den Tonarm selbst und um die Auswirkung verschiedener Längen. Außerdem kann man ohnehin nicht jede Eventualität ausprobieren, gerade im Zusammenspiel zwischen verschiedenen Tonabnehmern und Kabeln passiert viel. Das Standardkabel klingt sowieso klasse – nie kam bei mir ein Tauschwunsch auf.

Wie beim JMW 10.5, so habe ich auch beim JMW 12.5 mit der Bedämpfung experimentiert. Die Wanne um den Lagerdorn lässt sich dazu mit Silikonöl befüllen. Die Unterschiede schienen mir allerdings geringer als beim JMW 10.5 zu sein. Vielleicht hat der längere und schwerere JMW 12.5 Eigenschaften, die der kürzere Arm durch eine Bedämpfung erst bekommt. Außerdem habe ich am langen Arm von vornherein Tonabnehmer-Isolatoren vom Cartridgeman eingesetzt. Auch diese wirken sich ja dämpfend aus. Möglicherweise macht ihr Einsatz eine Ölbedämpfung überflüssig. Beim langen Arm kann meiner Meinung nach das Öl auch draußen bleiben.

Dem JMW 10.5 hatte ich eine enorme Differenzierungsfähigkeit attestiert – tonal, dynamisch und räumlich. Sein offener, unangestrengter und großzügiger Klang ließ mich meinen Text mit der Feststellung abschlie­ßen: „Dies ist ein genialer Arm.“ Er bleibt es auch in der Konkurrenz mit dem Zwölfzöller. Die Unterschiede sind klein. Für mich klingt der Zwölfer unspektakulärer und ruhiger als der Zehneinhalber. Mir gefällt er darum noch besser. Aber ich kann mir vorstellen, dass der JMW 10.5 manche Hörer mehr in den Bann zieht. Ich lasse mich nämlich gerne auf eine Diskussion darüber ein, ob der Mittellange nicht eine Nuance mitreißender und lebendiger spielt. Ich lege Paul Simons LP Graceland auf; die habe ich damals auch gehört. Ja, tatsächlich, der lange Arm ist ein Stoiker. Wem jemals das Vorurteil im Hinterkopf schwebte, dass Einpunktler nervöser klängen als kardanische Tonarme, der sollte sich das mal anhören: Vor tintenschwarzem Hintergrund baut sich der Chor in „Homeless“ auf. Jede Stimme bekommt ein akustisches Gesicht und Individualität. Ähnlich perfekt einem Punkt zugeordnet stehen auch Paul Simon und Linda Ronstadt in „Under African Skies“ nebeneinander. Konturenscharf, plas­tisch und dreidimensional kommen die energiereichen Bass-Impulse in „You Can Call Me Al“ über die Lautsprecher, ja in meinem Kopf entsteht das Bild flotter Finger auf dicken Saiten. Sicher, der JMW 10.5 konnte das alles auch. Aber der JMW 12.5 lässt sich gewis­sermaßen einen subjektiven Wimpernschlag mehr Zeit, das alles in einem noch etwas größeren Raum noch sorgfältiger an seinen Platz zu stellen. Sein Klang hat noch weniger Schleier, Verzerrungen, Artefakte und eine Nuance weniger vordergründigen Drive. Vielleicht klingt er darum so schwarz, so drei­dimensional, so griffig.

Die VTA-Justage erfolgt mit diesem skalierten Drehknopf über ein Feingewinde äußerst komfortabel, sehr präzise und sogar während des Betriebs

Durchgehende Tonarmverkabelung? Im Prinzip ja – aber nur bis zu diesen vergoldeten Cinchbuchsen als Übergabepunkt

Der spitze Lagerdorn steht im Zentrum einer Wanne, die zur Bedämpfung mit Silikonöl befüllt werden kann

Das Zubehör? Absolut komplett! Mit einer wirklich guten Schablone – zum Beispiel dieser hier! – klappt’s auch mit der Tonarm-Geometrie bei der Montage. Und die Tonarm-Waage: von wegen „Schätz-Eisen“! Wer die gute alte Shure SFG-2 frei pendeln lässt, kommt zu verlässlichen Ergebnissen

Empfehlenswert: Das laufrichtungsgebundene und mit einer Masse-Leitung ausgestattete Cinchkabel zur Weiterleitung der feinen Tonabnehmersignale an die Phonostufe

Klassik? Oh ja! Für mich ist der JMW 12.5 der amtliche Arm für Bruckner. Er hat Ordnung und Übersicht, Luft und Energie, Größe und Weite für Eugen Jochum und die Staatskapelle Dresden mit dem ersten Satz der Siebten Sinfonie. Wer eine Kathedrale bauen will, kann einen Kran kaufen oder eine Platte auflegen und den JMW 12.5 absenken. Diese Großzügigkeit beim Aufspannen klingender Architektur habe ich bisher nur beim ebenfalls zwölfzölligen Tonarm SI 1.2 von Rossner & Sohn auf dem eindrucksvollen GML 30 erlebt.

Janet Baker singt Mahlers Kindertotenlieder, begleitet vom Hallé Orchestra und John Barbirolli – eine Aufnahme (EMI-LP), wie sie in dieser Intensität und berührenden Kraft sonst nur Christa Ludwig und Dietrich Fischer-Dieskau auf LP dokumentiert haben. Und wie sie da akustisch vor mir steht und singt, merke ich, dass der JMW 12.5 Informationen über die Interpretation aus dem Klangbild schält, die anderswo verborgen bleiben. Der Stoiker erweist sich als Detektiv mit der Fähigkeit, Details perfekt in das Erlebnis eines Ganzen zu integrieren. Ich höre, mit welcher Sicherheit Janet Baker sich den deutschen Text angeeignet hat und wie viel er ihr bedeutet, wie sensibel abgestuft sie die Dynamik innerhalb der melodischen Bögen behandelt, mit welchem Feinsinn sie Vokale färbt und mit welchem Klangsinn sie Konsonanten zwischen die Vokale fügt. Der JMW 12.5 bringt mir die Musik ganz nah. Er spielt nicht oberflächlich oder vordergründig, sondern lotet die Tiefe aus, sucht den Kern und findet das Wesentliche. Vielleicht liegt das daran, dass er selbst sich so zurücknimmt. Er hat keinen Eigenklang und entfaltet darum ganz und gar, was auf der Platte ist. Der JMW 12.5 ist der beste Tonarm, den mein Orfeo Doppio jemals tragen durfte.

Produktinfo

Tonarm VPI JMW 12.5

Funktionsprinzip: Einpunkt-Lager

Besonderheiten: VTA während des Betriebs regulierbar, Tonarmrohre auswechselbar, Dämpfungswanne für Silikonöl-Füllung

Optionen: Valhalla-Innenverkabelung von Nordost (350 Euro), zusätzliches Tonarmrohr (1700 Euro), NF-Kabel mit Leitermaterial wie Standard-Innenverkabelung (300 Euro)

Effektive Länge: 301 mm

Effektive Masse: 11,3 g

Garantiezeit: 2 Jahre

Preis: 3300 Euro

Kontakt

www.www.h-e-a-r.de