Tonabnehmer Van den Hul MC-10 Special
Feine Farben
Text von: Heinz Gelking

Eine tierisch fantasievolle Sammlung an Tonabnehmern bei Van den Hul: Colibri, Condor, Grasshopper, Frog. Nur die preiswerten Systeme müssen mit profanen Namen auskommen. MC-10 Special, das klingt nach nichts, oder?
Mein Interesse an Tonabnehmern von A. J. van den Hul wurde vor anderthalb Jahren geweckt. Damals beschäftigte ich mich mit einer von Walter Fuchs entwickelten Variante des Denon DL-103 namens „Volpe“. Als Volpe hatte der japanische MC-Klassiker nicht nur eine Tiefkühlbehandlung hinter sich, sondern auch eine neue Nadel implementiert bekommen – eben von A. J. van den Hul. Ich empfand den Zugewinn an Auflösungsvermögen oder, um präziser zu formulieren, an feinen dynamischen, räumlichen und tonalen Informationen enorm. Und das allein durch den Tausch des Alu-Nadelträgers und des konisch geschliffenen Diamanten. Wie gut müsste dann erst ein „richtiges“ Van-den-Hul-System klingen?
Grundsätzlich gehört A. J. van den Hul unter den Tonabnehmer-Entwicklern eher zu den Neugierigen als zu den Traditionalisten. Er hat mit Nadelschliffen, Spulenmaterialien und der Kunst des Weglassens, nämlich dem Verzicht auf geschlossene Tonabnehmergehäuse, experimentiert. Und weil ab der Grasshopper-Serie aufwärts alle möglichen Sonderanfertigungen im Hinblick auf beim Kunden vorhandene Tonarme, Phonostufen und Geschmäcker möglich sind, entstehen immer wieder Unikate. Das MC-10 Special zählt dagegen zur „classic cartridge range“ von Van den Hul, die preislich deutlich unterhalb dieser Top-Systeme liegt. Es sieht konventioneller aus als diese und ist auch konventioneller gebaut.

Persönlicher Ausdruck: technische Daten und die Seriennummer in Handschrift, die Unterschrift des „Meisters“ sowieso. Auch im chaotischsten HiFi-Zimmer geht die so verewigte „Bedienungsanleitung“ nicht verloren
So verfügt es im Gegensatz zu den „gestrippten“ Tonabnehmern über ein normales Gehäuse aus Aluminium. Es sieht so aufregend aus wie ein Kassengestell. Mir ist allerdings lange, genau genommen seit der letzten Montage eines Ortofon Kontrapunkt B, kein Tonabnehmer mehr in die Finger gekommen, der sich so problemlos justieren ließ – dank rechter Winkel und hilfreicher Orientierungslinien am Korpus. Auf die beim MC-10 Special besonders kritische Azimut- und VTA-Justage komme ich noch zu sprechen.
Das MC-10 Special besitzt Spulen aus Silberdraht und einen Nadelträger aus Bor – A. J. van den Hul betrachtet Bor als besten Kompromiss zwischen hoher Steifigkeit und geringem Gewicht. Der Abtastdiamant hat einen VDH-1-Schliff. Er wurde bereits 1976 entwickelt, als der Holländer sich noch gar nicht mit dem Bau eigener Abtaster, sondern nur mit Modifikationen und Reparaturen beschäftigte. Die Form des Schliffs beruht auf der Idee einer möglichst großen Annäherung des Abtastdiamanten an das Schneidwerkzeug bei der Plattenherstellung. Damals wurde das von Analogfans heiß diskutiert. Der Entwickler fühlt sich durch inzwischen 1,4 Millionen (inoffiziell und offiziell) nach seinem Vorschlag geformte Abtaster bestätigt.

Sauber verarbeitet, sauber zu justieren: Aluminiumkorpus des MC-10 Special mit Hilfslinien und rechten Winkeln
Zu den VDH-1-Fakten: Der Diamant hat Abmessungen von 3 x 85 Mikron. Von vorne betrachtet wirkt der Schliff ungewöhnlich breit und rund. Dabei schmiegt sich der Diamant über eine relativ große vertikale Kontaktfläche an die Rillenflanken an. Von der Seite betrachtet ist der Schliff dagegen ungewöhnlich scharf, die horizontale Kontaktfläche ist also klein. Dadurch soll es in den Biegungen der Plattenrillen nicht zu Situationen kommen, in denen auf beiden Seiten des Diamanten unterschiedlich große Kontaktflächen entstehen. Um dieses Argument zu verstehen, muss man sich vergegenwärtigen, dass sich in einer Rechtskurve der Plattenrille die rechte Flanke vom Abtaster wegbiegt und die linke Flanke der Plattenrille um den Abtaster herum. Davon sind elliptisch geschliffene Diamanten stärker betroffen als VDH-1-Schliffe (aufschlussreiche Mikroskop-Fotografien findet man unter Nr. 42 der FAQ auf www.vandenhul.com).
Allerdings erfordert ein VDH-1-Schliff eine sorgfältigere Justage als ein elliptischer Schliff. Ein Denon DL-103 mit seiner verrundeten Nadel hat eine viel größere Toleranz gegenüber Justagefehlern als ein MC-10 Special. Dessen Diamant muss genau senkrecht in der Rille stehen, der Azimut also hundertprozentig stimmen. Auch auf VTA-Veränderungen reagiert das MC-10 Special deutlich – hundertprozentig waagerecht ist genau richtig! Der zum Test verwendete VPI JMW 12.5 erlaubt ja eine VTA-Justage „on the fly“, und man kann auch mal mit Werten außerhalb der Waagerechten experimentieren. Doch die quittiert das MC-10 Special mit einer deutlichen Klangverschlechterung.
Wie das Transrotor Merlo Reference, so fasziniert mich auch das MC-10 Special nicht, weil es alles besser macht als Alternativen. Ein Transrotor Merlo Reference taucht die Musik in noch schönere (nicht: glaubwürdigere) Altweibersommer-Farben. Ein Lyra Argo vermittelt bei Musik der härteren Gangart, beispielsweise von Nine Inch Nails, mehr Druck und Dampf. Der Klang des MC-10 Special hat eher den Charakter von fein perlendem Champagner als von überschäumender Energie. Bei einem wuchtigen Tutti-Akkord scheint es sich gewissermaßen weniger für den großen Rumms zu interessieren als dafür, durch welche Schichtung von Instrumenten er zustande kommt. Gegenüber schlecht aufgenommenen LPs verhält sich das MC-10 Special andererseits nicht so unversöhnlich und frostig wie ein Ortofon Kontrapunkt B. Schlampig produzierte Mehrspur-Aufnahmen von Pop-Musik (nicht nötig, hier Namen zu nennen) bleiben flach und eindimensional – das MC-10 Special ist kein Schönfärber.
Andererseits halte ich seine Fähigkeit zur Staffelung von Musikern in der Tiefe für eine absolute Schokoladenseite dieses MCs, vorausgesetzt die Aufnahme bringt schon eine überzeugende Anordnung der Musiker im Raum mit. Bei Kammermusik, Orchesteraufnahmen und Opern stellen sich imaginäre Bilder von wunderbarer Dreidimensionalität ein. Man kann förmlich hörend „sehen“, wie Musiker oder Sänger zueinander im Raum stehen. Das MC-10 Special fokussiert sie präziser als das Merlo Reference und lässt sie nur wenig kleiner erscheinen.
Die Stimmenwiedergabe des MC-10 Special begeistert! Selbst bei Roswitha Trexlers hoher Stimme mit heikel-durchsichtiger Begleitung eines Klaviers bei ihrer Aufnahme der Sieben frühen Lieder von Alban Berg (Eterna-LP) mischt der Tonabnehmer niemals auch nur den kleinsten Hauch von Schärfe in den Klang. Stattdessen verzaubert das MC-10 Special mit einer Fülle von Nuancen und Schattierungen und überzeugt mit hervorragender Textverständlichkeit. Bis zum Schluss habe ich mir die allerschönste Eigenschaft dieses Abtasters aufgehoben – er malt die ehrlichsten und darum schönsten Farben. Frans Brüggen hat Musik mit 17 verschiedenen historischen Blockflöten einspielt (Telefunken-Box mit drei LPs). Nicht alle unterscheiden sich durch ihre Tonhöhe. Man hört Flöten gleicher Art, aber unterschiedlicher Erbauer: Sopranflöten, Altflöten und Tenorflöten. Ich habe die Platten schon mit vielen Abtastern gehört. Aber so deutlich wie das MC-10 Special hat noch keiner für jede Flöte ein charakteristisches Timbre ertastet. Es klingt, als wäre es auf die Klangfarben natürlicher Instrumente speziell kalibriert. Die Flöten bekommen individuelle Züge, so etwas wie ein charakteristisches Klanggesicht.
Das MC-10 Special zählt für mich tonal zu den stimmigsten, unverfärbtesten Systemen, die mir begegnet sind, ja, ich habe viel teurere Systeme in Erinnerung, die im Vergleich zu ihm wie künstlich eingedunkelt oder fahl und farblos klangen.
Produktinfo
Tonabnehmer Van den Hul MC-10 Special
Funktionsprinzip: Moving Coil (MC)
Nadelschliff: VDH-1
Nadelnachgiebigkeit: 28 µm/mN
Ausgangsspannung (1 kHz, 5,7 cm/sec): 0,65 mV
Impedanz: 9 Ω
Empfohlener Abschlusswiderstand: 200 Ω
Empfohlene Auflagekraft: 13,5–15 mN
Gewicht: 8,2 g
Garantiezeit: 2 Jahre
Preis: 1100 Euro
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