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Tonabnehmer Transrotor Merlo Reference

Goldrings bestes MC segelt unter falschem Namen

Text von: Heinz Gelking

Vor rund einem Jahr testete ich den Transrotor Woody. Jochen Räke ­hatte das Gerät mit einem Merlo Reference ausgestattet. Damit hört der Plattenspieler-Entwickler selbst gerne. Der Klang des Woody gefiel mir gut, doch während der gesamten Testphase hatte ich einen Verdacht …

Und als der Artikel geschrieben war, montierte ich das MC „nur mal so“ in den damals bei mir befindlichen VPI JMW 10.5. Dann hat sich mein Verdacht bestätigt, und ich habe mich ein wenig geärgert. Weil ein MC, dessen Korpus aus einem schwarzen Kunststoff namens Pocan besteht und dessen Preis, wenn auch knapp, diesseits von vierstellig liegt, nie denselben Status bekommt wie gewisse legendäre Abtaster aus Edelmetall oder Edelstein. Da kann es noch so schön spielen. Und das Merlo Reference spielte traumhaft!

Wie aus dem Merlo Reference etwas werden könnte? Überlegungen eines imaginären Tonabnehmer-Vermarkters: Statt Kunststoff nehmen wir Topas oder Malachit. Dann kommt ein klangvoller fremdsprachiger Name dazu, Oistrakh oder Pikaisen oder Shaf­ran. Und zum Schluss drehen wir noch ein bisschen an der Preisschraube. Was nehmen die anderen? Fünf große Scheine fürs Topmodell? Gut, dann nehmen wir sechs. Und – psst! – natürlich darf niemand erfahren, dass Goldring es baut.

Dem Merlo Reference fehlt es an Image, ­Glamour, Geheimnis. Jedenfalls im Vergleich zu – ja, genau, dazu zum Beispiel. Seine Exis­tenz resultiert aus der schlichten Bitte von Jochen Räke an die Goldring-Entwickler: „Baut uns mal was Schönes.“ Daraufhin schlug man ihm die Verwendung einer anderen Nadel und eines anderen Nadelschliffes vor. Im Grunde, und das darf wirklich jeder wissen, beruht das Merlo Reference nämlich auf der Modifikation eines Goldring Elite. Statt eines Gyger-Schliffes kommt hier aber ein japanischer Nadelträgerimport mit einem Schliff zum Einsatz, der die nichts­sagende Bezeichnung „Harmonic“ trägt.

Es gibt, das muss man in dem Zusammenhang einfach konstatieren, sehr viel aufregender aussehende Tonabnehmer als das Merlo Reference, denn es wirkt ungefähr so wertig wie ein Denon DL-103 und gleicht den Top-MCs von Goldring aufs Haar. Ob es deshalb bei kaum einer Tonabnehmer-­Diskussion eine Rolle spielt? Okay, kürzlich war es irgendwo in einem Vergleichstest – mehr oder weniger unter „ferner liefen“.

Gibt es denn sachliche statt ästhetischer ­Einwände gegen den schwarzen Kunststoff? Nein, denn Pocan hat durchweg positive Eigenschaften, die es für eine Verwendung als Tonabnehmergehäuse prädestinieren. Dazu gehören eine hohe Wärmeformbeständigkeit, hohe Festigkeit und hohe Härte sowie ausgezeichnete Gleiteigenschaften, hohe Abrieb­fes­tigkeit, gute Chemikalienbeständigkeit, geringe Spannungsrissanfälligkeit und geringe Feuchtigkeitsaufnahme. Die technischen Da­ten des Merlo Reference stellen eine universelle Einsetzbarkeit in Aussicht, was meine Erfahrungen während der Testphase bestätigen: An vier verschiedenen „mittelschweren“ Tonarmen spielte es hervorragend, ohne die „Hierarchie“ zwischen den Armen zu verschleiern.

Es gibt durchaus Abtaster, die das eine oder andere besser machen als das Merlo Refe­rence. So bleibt das Ortofon Kontrapunkt B für mich weiterhin ein Muster an Verlässlichkeit, dem ich so blind vertrauen würde wie einem vereidigten Buchprüfer. Ebenso kenne ich keinen Tonabnehmer in dieser Preisklasse, der so druckvoll und dynamisch spielt wie ein Lyra Argo, das ungeheure Kraft entfalten kann. Was ich mit diesen Vergleichen andeuten möchte? Das Merlo Reference fasziniert mich nicht, weil es alles besser macht als denkbare Alternativen. Es hat mich vielmehr durch die Summe seiner Eigenschaften für sich eingenommen. Es packt enorm viele Informationen und Details in einen harmonischen Gesamtklang, der eher auf der feinsinnigen denn auf der grobdynamisch überrumpelnden Seite liegt.

Das Merlo (die Schreibweise finde ich übrigens ganz seltsam …) klingt, als hätte es vor der Lese noch einmal ein paar Sonnenstunden mehr abbekommen als die anderen Systeme auf den Rebstöcken. Diese Sonnenstunden geben ihm eine winzige, angenehme Nuance von Süße und Wärme. Je besser der Tonarm (am besten klang es im Zwölfzöller von Ross­ner & Sohn, faszinierend aber auch im JMW 10.5, sehr gut im SME 3500), desto mehr brilliert es aber auch bei Kriterien, die wir eher zu den „HiFi-Eigenschaften“ zählen, obwohl diese Aufteilung etwas unsinnig ist: Attacke, Dynamik, Schnelligkeit. Da kann es richtig zeigen, dass es nicht nur „schön singen“ kann, sondern auch Präzision besitzt – doch niemals Nüchternheit. Es spielt nicht zu schön, um wahr zu sein, sondern einfach wunderbar natürlich.

Ich glaube weder, dass es spezielle Klassik-Boxen, noch dass es Rock-Lautsprecher gibt, und erst recht weigere ich mich, dem Gedanken zu folgen, dass es speziell angefertigte Tonabnehmer beispielsweise für Opernfreunde geben sollte. Ein guter Abtaster überzeugt bei jeder Musik. Im Widerspruch dazu habe ich während der Beschäftigung mit dem Merlo Reference aber trotzdem Präferenzen entwickelt und festgestellt, dass es Genres gibt, die ich besonders gerne mit ihm höre. Dazu zählen auf jeden Fall Opern- und Orchesteraufnahmen, aber auch Kammermusik-LPs. Dabei begeistern mich vor allem die außergewöhnlich weit aufgespannten Räume, die das Merlo mit Stimmen füllt, die mit kräftigem Atem singen, sowie mit Instrumenten, die besonders engagiert spielen. Es fokussiert nämlich einerseits recht randscharf, doch erkauft es sich diese Schärfe andererseits nicht durch eine Verkleinerung. Sängerinnen und Sänger wirken gesund, selbstbewusst und groß. Ihre Stimmen entfalten sich schlackenlos und blühend.

Bei Kammermusik, beispielsweise einem Streichquartett, wird die Individualität der Musiker, Instrumente und Stimmen nicht mit dicker, homogener Soße untergebuttert, aber das Ziel, einen harmonischen Ensembleklang zu schaffen, scheint für den Abtaster im Vordergrund zu stehen. Die Quersumme der idealen Eigenschaften? – Das Merlo Reference klingt offen, feinsinnig, plastisch, sinnlich und detailreich. Wer explosive Dynamik und brutalen Bassdruck wünscht, sucht besser anderswo weiter. Das Merlo Reference ist ein Fall für Connaisseurs – auch wenn der Systemkörper aus schnödem Kunststoff ist. Ein Traum für Tiefstapler!

Produktinfo

Tonabnehmer Transrotor Merlo Reference

Funktionsprinzip: Moving Coil (MC)

Nadelschliff: Harmonic

Ausgangsspannung: 0,5 mV

Empfohlener Abschlusswiderstand: 100 Ω (ruhig auch mit höheren Werten experimentieren!)

Empfohlene Auflagekraft: 1,8 mN

Gewicht: 5,7 g

Garantiezeit: 2 Jahre

Preis: 1000 Euro

Kontakt

www.transrotor.de