Tonarm SME 3012 R
Ein Klassiker geht endgültig
Text von: Roland Kraft

Dies ist eine Einladung. Zu einer kleinen Trauerfeier. Wer kommt, der erhält ein Bildchen und alle wichtigen Informationen, Tipps und Tricks zu dem Verstorbenen. Und der würde sich, wenn er könnte, sogar mit uns freuen. Gilt er doch in Zukunft nicht nur als einer, der seiner Zunft Ehre machte, sondern auch als vielversprechende Geldanlage.
Da haben wir den Salat. Eingestellt! Nicht mehr gebaut, mangelnder Nachfrage aufgrund eines gesättigten Markts zum Opfer gefallen. Oder: Werkzeuge verschlissen, Neubau lohnt wegen geringer Stückzahlen nicht mehr. Oder: Irgendeine Schlipsheuschrecke befand, dass die Marge zu gering ist und Tonarme überhaupt ein blödes Thema darstellen. Also, inzwischen ist es ja allseits bekannt: SME baut den berühmten 3012er-Arm nicht mehr. Quasi als Ersatz scheinen die Engländer an ihre M2-Modelle, insbesondere den „langen“ M2-12, gedacht zu haben. Was den Fans des 3012 aber nicht wirklich weiterhilft, handelt es sich bei den neuen Tonarmen ja nicht um die Fortschreibung des alten Edelstahl-Dauerbrenners, sondern um eigenständige, neue technische Konzepte mit geringerer effektiver Masse, außerdem gibt es hier natürlich keinen SME-Bajonettanschluss mehr. Läuft die 3012-R-Story aber so ab wie bei den Vorläufermodellen des erstmals 1959 erschienenen Tonarms, dann dürfte der SME 3012 binnen kürzester Frist astronomische Gebrauchtpreise erzielen. Zählen die Uralt-3012er – das Urmodell 3012, der 1962 erschienene 3012-2 und schließlich der ab 1982 gefertigte 3012 R – doch zu den gesuchten Tonarm-Raritäten, sei es nun, um ihrem eigentlichen Zweck zu dienen oder um in einer Vitrine aufgebaut zu werden. So weit wie jetzt war es übrigens schon einmal: Bereits 1972 hatte SME die Produktion des schweren, angesichts von Ein-Pond-Tonabnehmern natürlich als unmodern geltenden Tonarms eingestellt. Erst acht Jahre später kam der 3012 dann in sinnvoll geänderter Form wieder auf den Markt, weil es eben doch ausreichend Nachfrage gab.

Wie Sie rechts unten im Bild sehen, besitzt der SME Cinchanschlüsse. Die serienmäßig mitgelieferten Kabel sind viel besser, als man glaubt, was auch für die ebenfalls serienmäßige schwarze Headshell gilt
Dass sich dieses Spiel noch einmal wiederholen wird, ist heutzutage allerdings höchst unwahrscheinlich. Trotz einer inzwischen allseits zitierten – oder herbeigebeteten? – „Analog-Renaissance“, die immerhin das nicht wegzuleugnende Weiterleben des Plattenspielers bestätigt, scheint mir, als würden sich in dieser Marktnische ungesund viele Anbieter tummeln. Ob der zu verteilende (Umsatz-)Kuchen das alles noch hergibt, wage selbst ich als glühender Analog-Fan zu bezweifeln. Hinzu kommt ein ganz anderer Effekt, an den womöglich noch nicht jeder gedacht hat. Denn nicht jeder „Analogi“ ist über die Jahre auch ein solcher geblieben. Viele sind vom Glauben abgefallen, wodurch sich mittlerweile eine hübsche Menge Gebraucht-Equipment, vorwiegend freilich Mittelklasse-Geräte, in der Umlaufbahn angehäuft hat. Das jetzt fröhlich über die diversen Online-Handelsmöglichkeiten neue glückliche Besitzer sucht und diese in der Regel auch findet. Allerdings: Je teurer eine Komponente einst war, umso seltener ist der Besitzer völlig der Digitalitis verfallen. Anders formuliert: Echte Edellaufwerke, Top-Tonarme und technisch interessante Plattenspieler sind gebraucht ziemlich rar, die Nachfrage ist dagegen extrem hoch und generiert teils absurde Preise. Dazu nur zwei Beispiele: Große Micro-Seiki-Laufwerke in gutem Zustand erzielen heutzutage ihren damaligen DM-Verkaufspreis in Euro. Und nicht allzu häufig anzutreffende Tonarme, beispielsweise von Fidelity Research – hier insbesondere FR64S und FR66S – lassen jede andere Anlagemöglichkeit uralt aussehen … Ob der ganze Hype klanglich in jedem Fall gerechtfertigt ist, bleibt dahingestellt. Aber klar ist, dass auch dieses Marktsegment von einer Retro-Welle heimgesucht wird, in der es sprichwörtlich zum guten Ton zählt, sich beispielsweise ein EMT- oder Garrard-Laufwerk zuzulegen, an japanischen Holztonarmen zu schrauben oder MC-Übertrager zu sammeln. Nebeneffekt: Die wenigen Adressen, bei denen alte Tonabnehmer repariert – oder neudeutsch: „retipped“ – werden können, verdienen derzeit gutes Geld.

Unter der inneren Befestigungsmutter des typischen SME-Schlittens klemmt normalerweise der Haltedraht für das Antiskating-Gewicht. Bei sehr hohen Auflagekräften sagt die Theorie freilich klar, dass Antiskating-Vorrichtungen unnötig sind

Das schwarze Kunststoffteil zwischen Schneidenlager und Gegengewicht ermöglicht eine Querverschiebung des gesamten Gegengewichttrakts. Das Gegengewicht ist übrigens zweiteilig, kann folglich auf weniger schwere Abtaster angepasst werden
Aber zurück zu unserem eigentlichen Thema. Und gleich zu einer schonungslosen Klarstellung: Wer sich für einen 3012 interessiert, der sollte sich ehrlich vor Augen führen, dass der englische Klassiker für die Mehrzahl „moderner“ Abtaster nicht der optimale Partner ist. Kein Wunder vor dem geschichtlichen Hintergrund, der den langen SME-Arm und den vom Ursprung her noch älteren, ebenfalls zwölfzölligen Ortofon-Arm 309 im Teamwork mit wenigen „harten“ MC-Abtastern sah. So galt etwa die dicke SPU-Tondose – die so genannte G-Shell – als hifideler Standard Nummer eins, und entsprechend waren diese Tonarme ausgelegt. Die Auflagekraft-Skala des 3012 reicht deshalb von null bis fünf Pond, wobei meine persönliche Meinung ist, dass sich der schwere Tonarm unterhalb von zwei Pond Auflagekraft ohnehin nicht wohlfühlt. Falls Sie also einen passenden Abtaster suchen, dann sollte der keinesfalls leichtgewichtig und vielleicht sogar ein gutes Stück oberhalb von zwei Gramm Auflagekraft angesiedelt sein. Ich selbst sehe das Ganze sogar noch enger und verwende den 3012 bevorzugt mit dem allseits bekannten Denon 103 (das „echte“ 103, nicht die „R“-Variante) und dem SPU Classic in der G-Shell nebst den zu beiden Abtastern gehörigen Varianten. Hier ergeben sich offenkundige Synergieeffekte, die das Endergebnis zu deutlich mehr als nur der Summe seiner Bestandteile werden lassen.
Über den 3012 R ist im Laufe der Zeit – unter anderem vom Autor dieser Zeilen – so viel publiziert worden, dass dem eigentlich nichts hinzuzufügen wäre. Ich gehe deshalb jetzt ohne schlechtes Gewissen mal davon aus, dass Ihnen der horizontal schneidengelagerte 3012 in seinem grundlegenden Aufbau bekannt ist und dass wir uns auf das beschränken können, was eben nicht in der Bedienungsanleitung steht. Zunächst: Wichtig ist ein Detail am Lager, das sich klanglich extrem auswirkt: Beim früheren R-Typ wurde ein spezieller Kunststoff für die das Armrohr von oben umfassenden Schneiden- oder Messerlager verwendet, der zwar technisch einleuchtend gewesen sein mag, die Performance des Arms allerdings – milde ausgedrückt – nicht verbesserte. Nach einigem Geschrei kamen die Stahlschneiden als Variante und als Nachrüstteil zurück, der Wechsel ist einfach und beschränkt sich auf das Abschrauben der oberen Lagerbrücke plus das Losschrauben des Lagerteils vom Armrohr. Die beiden Stahlschneiden bestehen aus einem Werkstück und sind schwarz eingefärbt. Verwenden Sie bitte Feinschraubendreher und nicht das Werkzeug vom Dorfschmied; außerdem sind die kleinen, in bester SME-Tradition verchromten Schräubchen nur schwach anzuziehen – der Fachmann nennt das „handfest“. Und: Trauen Sie sich die Aktion ruhig zu, falls sie überhaupt nötig ist, normalerweise waren die letzten Jahre des 3012 von der Variante „Stahl“ geprägt.

Hier steht das Schiebegewicht für die Auflagekraft auf null. Wie man unschwer erkennt, reicht die Skalierung bis hin zu fünf Pond Auflagekraft

Das Stahl-Schneidenlager ist mit zwei Schrauben am Armrohr befestigt. Ein Wechsel wäre einfach, dann aber bitte auf die darunter herausgeführten Kabel achten!
Bei der Montage gilt: Benutzen Sie die beigelegten Schablonen. Wer ein gebrauchtes Exemplar ohne Zubehör ergattert, bittet beispielsweise im Internet-Forum der Analogue Audio Association um maßhaltige Kopien.
Apropos Schablonen: Entgegen anders lautenden Aussagen ist die mögliche Geometrie eines Drehtonarms definierter effektiver Länge keine Auslegungssache, sondern eine glasklare Angelegenheit. Der Hersteller eines Arms weiß im Optimalfall genau, auf welche Länge (Abstand Nadelspitze/vertikaler Lagerpunkt) und auf welchen Montageabstand (Plattenspielerspindel/vertikaler Lagerpunkt) und damit auf welche Nulldurchgänge er seinen Arm ausgelegt hat. Genau eine solche Schablone liegt auch dem 3012 R bei, und man sollte sie deshalb beherzigen. Die Verwendung anderer Schablonen führt womöglich zu verdreht eingebauten Tonabnehmern, was ich für ausgemachten Blödsinn halte. Der Spurfehlwinkel null beim SME 3012 wird bei zwei Plattenradien, nämlich bei 66 und 121 Millimetern erreicht (für 3012er vor dem Baujahr 1972 gelten 70 respektive 123 Millimeter). Die effektive Länge eines 3012 R beträgt 307,34 Millimeter, woraus sich eine Distanz Lagerdrehpunkt/Tellerspindel von 294,07 Millimetern ergibt, resultierend in einem Überhang von 13,27 Millimetern. Und noch was: Die zweite Stelle hinter dem Komma ist rechnerisch, sonst nix. Zum Zwecke einwandfreier Abtastung einer Schallplatte lassen wir die Kirche im Dorf und vergessen Hundertstelmillimeter ganz schnell, während wir an die Zehntel eine augenzwinkernde Annäherung anstreben (Schablonen mit Zehntelmillimeter-Einteilung wurden Gott sei Dank noch nicht gesichtet. Und falls Ihr Super-High-End-Arm über eine Höhenverstellung via Mikrometerschraube verfügt, dann dürfen Sie sich gerne damit beschäftigen, während ich ein Bier trinken gehe).
Hartnäckig legte SME dem 3012 jahrzehntelang vier winzige Holzschrauben plus offenbar dazugehörige vier Gummitüllen bei. Das Set diente offensichtlich der Montage auf der Zarge oder Grundplatte und stellt einen netten Gag dar. Wir benutzen stattdessen a) keine Gummitüllen und b) je nach Ausführung der Basisplatte vier 3er-Holz- oder, viel besser, M3-Gewindeschrauben aus Stahl. Wer mag, kann in die entsprechenden Vertiefungen der Tonarm-Grundplatte vier M3-Unterlegscheiben einlegen, um das Material zu schützen. Nach erfolgreicher geometrischer Justage dürfen wir dann die beiden mit Schlitz versehenen Feststellschrauben des Schlittens auf der Basisplatte robust festziehen (falls Sie zwei Meter groß sind, 110 Kilo wiegen und viel Zeit im Fitnessclub verbringen, lassen Sie solche Arbeiten bitte von Ihrer Frau vornehmen).
Bevor man nun an die weitere Justage des Tonarms geht, muss natürlich der Tonabnehmer eingebaut werden. Genau hier stößt man manchmal auf Probleme, die letztlich auch mit der serienmäßigen Headshell – die übrigens nicht so schlecht ist, wie gerne behauptet wird – und dem Bajonettanschluss zusammenhängen. Da es keinerlei Normung in Bezug auf Tonabnehmergehäuse gibt, sind auch die Bauhöhen der Abtaster recht unterschiedlich. Damit taucht keineswegs selten die Problematik auf, dass bei aufgelegtem Tonabnehmer der untere Rand des 3012-Bajonettverschlusses gefährlich nahe an die Schallplattenoberfläche heranreicht. In diesen Fällen ist man gezwungen, entweder eine Distanzplatte zwischen Tonabnehmer und Headshell einzubauen oder eine andere Headshell zu verwenden. Bei einigen Headshell/Tonabnehmer-Kombis taucht das Problem freilich immer wieder auf. Innerhalb dieses Problemkreises spielt natürlich auch die Tonarmhöhe eine Rolle: Ausgehend von der normalerweise als Ausgangsposition angesehenen Parallelstellung zwischen Armrohr und Schallplatte (beim seitlichen Draufgucken) beeinflusst die Tonarm-Höhenverstellung logischerweise auch den Abstand zwischen der Überwurfmutter des Bajonettverschlusses und dem Vinyl. Über die klanglichen Qualitäten von diversen Headshells diskutieren wir jetzt lieber nicht; im 3012 laufen übrigens Exemplare von Orsonic und Suchy ganz brauchbar (Headshells sind rar geworden, gucken Sie bei Bedarf auch mal auf eBay oder klappern Sie auf Analog spezialisierte HiFi-Händler ab). Keine Probleme gibt’s natürlich bei den direkt eingesteckten „Tonköpfen“ von Ortofon, im 3012 vorgesehen ist die lange SPU-G-Shell. Mit einem Distanzstück („Bajonett-auf-Bajonett-Verlängerung“) geht auch die geometrisch ansonsten zu kurz bauende A-Shell, was für meinen Geschmack sogar besser aussieht und nicht ganz so schwer ist. Und noch einmal zur Tonarmhöhe: Ein zur Schallplatte parallel verlaufendes Armrohr ist die Ausgangsposition. Ich selbst stelle von dort aus nur nach oben; mehr zu diesem Thema finden Sie in einem Extra-Artikel zur Tonabnehmerjustage.

Im Lieferumfang befanden sich immer zwei Sorten Befestigungsschrauben für Tonabnehmer. Zur Wahl stehen Nylon und Metall. Außerdem lagen vier kleine Holzschrauben bei, um den Arm auf einer Holzzarge zu befestigen

Die Montageschablone zeigt den erwünschten Abstand zur Mittelspindel des Laufwerks sowie die nötigen Bohrungen auf

Die zweite beiliegende Schablone dient der korrekten Geometrie beim Einbau des Tonabnehmers. Keine gute Idee ist jedoch, bei den beiden Zentralpunkten Löchlein in die Pappe zu stechen – viel zu gefährlich für die Nadel!

Die serienmäßige Headshell. Käbelchen wurden immer mitgeliefert. Den vergoldeten Kontaktstiften hat eine vorsichtige Reinigung gutgetanDie serienmäßige Headshell. Käbelchen wurden immer mitgeliefert. Den vergoldeten Kontaktstiften hat eine vorsichtige Reinigung gutgetan
Der J-förmige Verlauf unseres SME-Armes führt zu einer einseitigen Belastung des inneren Schneidenlagers. Im Extremfall könnte die äußere Lagerschneide vielleicht sogar abheben und so die Performance des 3012 zunichtemachen. Zwar wird die durch die Kröpfung und das Abtastergewicht verursachte Gewichtsungleichheit teils schon durch das seitlich angeordnete Auflagegewicht ansatzweise kompensiert, aber die echte Feineinstellung besorgt die Justage der Lateralbalance. Dazu koppelte SME – eine gute Idee – den gesamten Gegengewichtstrakt des Tonarmes verschiebbar an das Armrohr. Mithilfe eines kleinen Inbusschlüssels kann der stolze Besitzer nun Gegengewicht und Auflagegewicht quer in beide Richtungen verschieben. In der Bedienungsanleitung – ein deutschsprachiges Exemplar habe ich nie gesehen, soll es aber geben – widmeten die Engländer diesem Thema eine etwas missverständliche und knappe Beschreibung. Zudem gibt es verschiedene Wege, diese meiner Meinung nach essenziell wichtige Justage des Arms vorzunehmen. Sie findet grundlegend bei null Pond Auflagekraft, also gerade ausbalanciertem Arm statt. Zur Sicherheit wird der 3012 dabei einmal mit Nadelschutz ausbalanciert, die leichte Gewichtsdifferenz spielt für die Lateralbalance eine untergeordnete Rolle. Bekanntermaßen wirkt das Schneidenlager beim Ausbalancieren irgendwie träge, was in Wirklichkeit nicht der Fall ist, die präzise Einstellung aber erschwert; erfahrungsgemäß tendiert der 3012 dazu, scheinbar ganz nach oben oder nach unten geneigt hängen zu bleiben. Die beste Methode ist nun, den Arm immer wieder zart anzublasen, damit er sich einpendelt, dabei ist die Nulllage – also sauber horizontales „Schweben“ – letztlich doch gut erkenn- und einstellbar.
In der Anleitung wird davon ausgegangen, dass ein schwebend ausbalancierter Arm dann keine Tendenz zum horizontalen Wegdrehen nach innen oder außen aufweist, wenn die beiden Lagerschneiden gleichmäßig belastet sind. Dummerweise ist das System ein wenig zu träge, um das einwandfrei aufzuzeigen, falls man nicht ein wenig nachhilft. Wieder nutzt uns zartes Anblasen oder – noch besser, aber nicht bei allen Laufwerken möglich – den ganzen Plattenspieler beherzt mal ein kleines Stück nach hinten und nach vorne zu kippen. Zeigt der 3012 dabei Tendenz zum seitlichen Wegdrehen, muss der Gegengewichtstrakt in Gegenrichtung weiter verstellt werden. Ein bisschen Fummelei, zugegeben, aber der SME dankt es mit einem Performance-Sprung, der den Unterschied zwischen einem guten und einem sehr guten Arm ausmacht. Ich behaupte in diesem Zusammenhang frech, dass ein guter Teil der 3012-Besitzer noch keine Ahnung davon hat, wie dieser große Brocken aus der HiFi-Urzeit überhaupt klingen kann – vorausgesetzt, man verwendet einen gut angepassten „harten“ Abtaster. Wenn Sie mich persönlich fragen: Probieren Sie ruhig das bezahlbare SPU Classic, von dem ich hoffe, dass man sich bei Ortofon einsichtig zeigt und den alten Dauerbrenner noch lange produziert. Und zwar ruhig mit den nun nötigen vier bis knapp fünf Pond Auflagekraft, die beim vorliegenden Nadelschliff allerdings kein Problem darstellen. Einige Analogfans benutzen das Team SME/SPU übrigens auch als „entspannende“ Zweitkombi.
Ach ja: Erst nach dem Einstellen der Lateralbalance justieren wir den SME weiter wie üblich fertig und balancieren ihn vorher nun ohne den Nadelschutz wieder richtig ein, bevor die Auflagekraft mithilfe einer Testplatte gänzlich zugestellt wird. Da der Realitätsbezug der Auflagekraft-Skalierung von der Präzision des Ausbalancierens abhängt – 100-prozentig genau wird es meiner Erfahrung nach nur selten –, ist eine gute Tonarmwaage dabei unerlässlich!
Antiskating-Vorrichtung? Äh – ja. Hat er. Die einfachsten Lösungen sind oft die besten, was auch hier gilt. Das Faden/Gewichts-Prinzip arbeitet gut, wenn Sie zum Einstellen eine Testplatte verwenden. Ich selbst lasse das Ganze oberhalb von drei Pond Auflagekraft bei einfachen Nadelschliffen schlicht weg. Aber das ist Geschmackssache. Ich kann nur sagen: Bitte experimentieren und anhören … Kommen wir lieber noch zu einer kleinen feinmechanischen Problemzone am SME, die ich vorhin vergessen habe. Am serienmäßigen Headshell sollten hinten am Schaft zwei kleine Stifte auffallen. Der zusätzliche untere Stift plus eine gute Passung zwischen Schaftdurchmesser und Bajonettverschluss bewirken, dass die Headshell beim Festziehen der Überwurfmutter nicht schwach nach oben weggezogen wird. Genau das passiert gerne mit Headshells, deren Schaft einen zu geringen Durchmesser aufweist und die außerdem nur über den oberen Haltestift verfügen. Ergebnis: Die ganze Headshell wird nach oben verzogen, weist also einen Winkel zum Armrohr auf. Dieser unangenehme Effekt tritt häufig beim Bajonettverschluss auf und ist optisch wie technisch einfach nur ärgerlich. Bei der Beschaffung von Headshells sollte man folglich vorher ausprobieren, ob’s passt, zudem Exemplare mit zwei Haltestiften bevorzugen. Ach ja: Einige Headshells, die mir in letzter Zeit begegneten, waren auffallend kurz, würden folglich im SME die Geometrie verfehlen. Entspricht die Länge grob dem Serienteil, ist alles in Ordnung.
Kommen wir zu guter Letzt noch zu einer – wie ich finde – zu Recht umstrittenen Einstellung, dem so genannten Azimut. Durch das Verdrehen der Headshell lässt sich so – von vorne betrachtet – die Nadel senkrecht einrichten beziehungsweise verdrehen. Auch der 3012 bietet, freilich nicht auf Anhieb sichtbar, diese Möglichkeit. Dazu versteckt sich eine winzige Schraube unter dem Armrohr hinter dem Bajonettverschluss. Nach dem Öffnen lässt sich die Headshell samt Bajonett in gewissen Grenzen verdrehen. Die Theorie besagt, dass so etwaige Schiefstände der Abtastnadel respektive Ungenauigkeiten beim Aufbringen des Schliffs ausgleichen lassen, wozu man eine Testplatte mit einem Track zur Prüfung der Übersprechdämpfung benutzt. Wie gesagt: theoretisch. Ich selbst halte von einem dann schräg eingebauten Abtaster wenig (mehr dazu im Artikel zur Justage) und würde die kleine Schraube am SME unangetastet lassen oder sie nur zur präzise waagerechten Ausrichtung des Headshells nutzen. Zudem macht die Mechanik des Arms genau hier ausnahmsweise keinen völlig vertrauenerweckenden Eindruck, das Schräubchen also bitte mit Gefühl behandeln!
Damit sind wir am Ende unserer kleinen Hommage an den SME 3012. Es ist alles gesagt. Und kein Grund zum Trauern: Dieser Tonarm wird zum edlen Sammlerstück werden, aber seine Zeit hoffentlich nicht in der Vitrine absitzen. Und er wird von Jahr zu Jahr an Wert zulegen. Wenn Sie mich fragen: Er ist nicht tot, sondern so lebendig, so modern und so gut wie eh und je.
Produktinfo
Tonarm SME 3012 R
Funktionsprinzip: klassischer 12-Zoll-Arm
Ausstattung: Skating-Kompensation mit Faden/Gewicht, Gegengewicht teilbar, Cinchbuchsen, Erdungsanschluss, Headshell mit Bajonettverschluss, Lateralbalance verstellbar, Befestigungsschrauben mit 3 mm Durchmesser, Montage/Justage-Schablonen im Lieferumfang. Auch geeignet für Ortofon SPU Classic in der G-Shell
Besonderheiten: benötigt Montage-Tiefe von 50 mm unterhalb der Bettungsplatte
Optional: Silikon-Dämpfungseinrichtung SME FD.II-R
Effektive Länge: 307,34 mm (Drehpunkt bis Nadel)
Montageabstand: 294,1 mm (Drehpunkt bis Spindel)
Nulldurchgänge: 66/121 mm
Empfohlene Auflagekraft: 1,25–5 Pond
Tonabnehmergewicht: 1,5–26 g, Tonköpfe bis 33,5 g
Preis: Gebrauchtpreise schwanken derzeit zwischen 500 und 1000 Euro
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