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Reportage: Deutsch-Schweizer Analoglegenden

Zu Besuch im Thorens-Archiv

Text von: Michael Vrzal

Das Christkind wohnt im Nachbarort: in Engelskirchen im Oberbergischen Land – sagt jedenfalls die Post. Aber auch im nahe gelegenen ­Remerscheid sorgt jemand für leuchtende Augen.

Gerhard Weichler, von 1986 bis 1999 Produktmanager bei Thorens, hütet das Erbe seines alten Arbeitgebers. Im heimischen Keller bewahrt er ein einzigartiges Thorens-Archiv: Spieldosen, Kurbelgrammophone, moderne High-End-Dreher, limitierte, zum Teil sogar einmalige Sondermodelle, Prototypen – ein gutes Jahrhundert Thorens-Historie zum Anfassen, dokumentiert seit kurzem in einem 180 Seiten umfassenden Buch. Ein Besuch im hügeligen Bergischen, wo der Wald hinter dem Gartenzaun beginnt und die Luft duftet, als wär’s im Schwarzwald, am alten Thorens-Sitz Lahr.

Herr Weichler, wie ist das Ansehen von Thorens in der Welt?

Sensationell. Sie gehen nach Amerika, in irgendeinen HiFi-Laden, und sagen das Wort „Thorens“: Da strahlen alle Leute. Thorens war mal in den 30er, 40er Jahren in Amerika fast die Nummer eins!

Mit welchen Geräten?

Die habe ich unten stehen. Das sind uralte Schellack-Geräte. Edison und His Master’s Voice und was weiß ich, wie sie alle hießen – denen hat Thorens ordentlich Konkurrenz gemacht. Weil man technisch um Längen besser war. Allerdings auch sehr, sehr teuer. Wie alle Schweizer Produkte damals.

Damals war Thorens eine rein schweizerische Angelegenheit …

Ja, 100 Prozent Schweiz. Das war eine große Firma. Die haben irrsinnige Mengen verkauft damals.

Wie sind denn die Deutschen bei Thorens eingestiegen?

Dazu muss ich ein bisschen Vorgeschichte erzählen. Die Schweizer haben eigentlich bis in die 50er Jahre gut leben können. Sie haben aber immer damit gekämpft, dass sie zu wenig Arbeitskräfte hatten, weil die Schweiz kaum ausländische Arbeitskräfte zugelassen hat. Thorens war auf Expansionskurs, vor allem dank des TD 124, der 1957 gekommen ist. Das war das absolute Nonplusultra-Gerät, so was hat die Welt noch nie gesehen. Die Bestellungen, die dann kamen, konnten die Schweizer aber nicht erfüllen. So gab’s Lieferschwierigkeiten, dann sprangen Kunden ab, weil nicht produziert werden konnte, und dann kam Paillard. Der Hersteller der Bolex-Filmkameras, in den 60er Jahren die besten der Welt, die Kamera schlechthin! Die waren im gleichen Ort, hatten einen riesigen modernen Bau und haben Thorens einfach aufgekauft. Aber nicht, weil Thorens so toll war oder sie die Firma unbedingt haben wollten. Nein: Die hatten die gleichen Probleme wie Thorens. Die brauchten die Arbeitskräfte. Also haben sie Thorens aufgekauft, haben offiziell Thorens weiter produziert, aber 90 Prozent der Mannschaft musste Kameras bauen. Und damit war das alte Problem wieder auf dem Tisch, weil ja keine Plattenspieler gebaut wurden. Da hat sich die Familie Thorens gesagt: „Mit Schweizer Firmen können wir nicht zusammenarbeiten, die klauen uns nur unsere Arbeitskräfte. Wir müssen aus der Schweiz raus.“ Dann ergab sich die Fügung mit Wilhelm Franz und EMT. Franz hatte ja in Lahr schon eine Produktion für Messgeräte. Und er wollte auch in die Plattenspielerbranche, um Profi-Plattenspieler zu bauen. Das passte natürlich wie die Faust aufs Auge. So ist das Gerätewerk Lahr entstanden. Dort wurden dann HiFi-Plattenspieler gebaut und die professionellen EMT-Laufwerke.

Haben sich Thorens und EMT auch Baugruppen geteilt?

Das ist jetzt die Frage, wer denn nun was gemacht hatte. Franz hatte ja auch schon etwas entwickelt, aber die Hauptideen, wie auch der Vorläufer des EMT-Armes, die sind von Schweizer Ingenieuren entwickelt worden.

Gab es da bei Thorens eine Entwicklerpersönlichkeit, die die Marschrichtung bestimmte?

Ja, aber das war alles vor meiner Zeit. Danach war da eigentlich nur noch der Herr Schmidt, der hat den TP-90-Tonarm entwickelt und den TP 50. Bei den Laufwerken waren das andere. Den TD 124 hat ein Schweizer entwickelt. In der Zeit, als solche Highlights wie der Reference oder der Pres­tige entwickelt wurden, da gab es einen Namen … Klapproth hieß der! Der ist auch der Erfinder des Rumpelmesskopplers, um den Geräuschspannungsabstand ohne Platte messen zu können. Der hat die meisten Innovationen eingeführt.

Die größten Erfindungen sind aber in den 20er, 30er Jahren gemacht worden. Direkt­antrieb, Magnetsystem: Das ist alles von Thorens. Diese Kristallsysteme mit Wendekopf – alles Thorens-Erfindungen.

Thorens hat ja allerlei ausprobiert. Ein Reib­radlaufwerk, dann die Riemenlaufwerke, und einen Direkttriebler hat Thorens auch gebaut …

Das war der TD 535. Und zwar wollten wir auch in die Disco-Szene, weil wir damals Stanton im Vertrieb hatten. Mit Disco-Systemen wurde das meiste Geld verdient, und da wollten wir natürlich auch einen Plattenspieler haben. Und es gab ja schon den 524. Der war Top über allem, das Größte überhaupt als Disco-Laufwerk, nur mit knapp 6000 Mark überhaupt nicht erschwinglich. Der hatte einen EMT-Direktantrieb. Wir wollten etwas als Gegenspieler für den Technics 1200 haben, und das haben wir dann mit unserem Schwingchassis versucht. Das musste aber härter sein, weil man sonst nicht scratchen konnte, und weiß der Geier, was sonst noch alles – es war eine Krücke, auf Deutsch gesagt. Der kam beileibe nicht an den 1200 dran, das war unmöglich.

Wenn man nach einer Thorens-Philosophie suchen würde, dann wäre das am ehesten „Thorens steht für Riemen“ …

… für Riemenantriebe – Thorens stand für den Flachriemen. Ab dem TD 150 wurde der gleiche Flachriemen verwendet, bis zum letzten Gerät. Also von 1965 bis 2000. Das ist eigentlich eine logische Überlegung: Der Abstand Motor-Innenteller steht fest, warum sollte man den Riemen wechseln? Was sich einmal bewährt hat, warum soll man das ändern?

Gerhard Weichler im Eingang zum Thorens-Paradies. Zu seiner Sammlung gehören nicht nur zahlreiche Plattenspieler mit Zubehör, sondern auch originale Druckwerke wie Prospekte und Bedienungsanleitungen

Kurz nach dem reibradgetriebenen mechanischen Meisterwerk TD 124 kam dessen Automatikvariante TD 184 auf den Markt. Die drei gängigen Plattendurchmesser (30, 25 und 17 cm) konnten über einen der Telefonenwählscheibe ähnlichen Schalter bestimmt werden. Der TD 184 steckte auch im Koffergerät „Les Gémeaux“ („Die Zwillinge“ – eine Anspielung an die beiden Stereolautsprecher). Die mit einem Röhrenverstärker ausgerüstete Kompaktanlage bediente man kanalgetrennt, da Tandempotis in der Stereo-Frühzeit noch nicht lieferbar waren

Bestückt mit MC-Tonabnehmern von EMT, bot Thorens Tonarmrohre für verschiedene eigene Tonarme sowie für bestimmte Modelle von EMT und SME an. Das hier abgebildete Tonarmrohr MCH 63 besaß einen Diamanten mit Van-den-Hul-Schliff. Es wurde mit individuellem Frequenzschrieb und Plattenreinigungsbesen in einer samtausgeschlagenen Holzschatulle geliefert

Das Glanzstück von Weichlers Sammlung: die Plattenschneidemaschine R 26 PV. Sie ist ein Dokument der Nachkriegszeit, hergestellt von Thorens im Auftrag der Schweizer PTT („Post, Telefon, Telegrafie“). Damit konnten Aufnahmen auf Plattenmaterial aller Art angefertigt werden – aus Kunstharz oder aus mit Celluloselack oder Gelatine überzogenem Metall oder Glas

1983 feierte Thorens das 100-jährige Bestehen mit Sondermodellen von Serienplattenspielern. Der TD 147 Jubilee und der TD 126 Centennial wurden optisch mit exklusiven Edelholzzargen, Messing abdeckungen und einer Sonderanfertigung des Tonarmes TP 16 Mk III veredelt. Urmuster und Topmodell der limitierten Sonderauflagen war der TD 128 Centennial. Dieses mit der Elektronik des Prestige und einem besonders aufwendigen Schwingchassis ausgestattete Laufwerk erwies sich allerdings als zu teuer, so dass es bei einem Prototyp blieb

Eine weitere Entwicklung auf Basis des TD 124 war der vollautomatische Wechsler TDW 224. Ein Schwenkarm nimmt die Platten von einem Stapel auf und legt sie nach dem Abspielen auf einer eigenen Halterung ab, so dass immer nur eine einzige Platte auf dem Spielteller liegt. Der ebenfalls vollautomatische Tonarm BTD-12S sollte der Vorläufer der EMT-Tonarme werden

Eines der optisch aufregendsten Thorens-Geräte ist der zum beidseitigen Abspielen von Schellackplatten fähige CD 50. Das in diesem Gerät versammelte, zum Teil patentierte Know-how beinhaltet ein automatisches Drehsystem des Tonabnehmerkopfes, der bei Über-Kopf-Spiel von einer Feder in die Rille gedrückt wurde, außerdem die Ausstattung mit zwei Motoren für die unterschiedlichen Drehrichtungen der Plattenteller, die bei dieser Wechsler-Machart vonnöten waren

Der TD 125 erschien 1968 und hatte gar nichts mehr mit dem elf Jahre lang gebauten TD 124 gemeinsam: ein sieben Kilogramm schweres Guss-Subchassis, Federentkopplung, elektronische Motorsteuerung. Letztere war die Kernbaugruppe des Laufwerks und Gegenstand weiterer Verfeinerung, woraus schon bald die Mk-II-Version des TD 125 resultierte. Hier ein besonders attraktives Exemplar: ein TD 125 Mk II mit Nussbaum-Tonarm von Grado Labs

Der elegante Tangential-Tonarm, zu Beginn der 60er Jahre von Ing. Bajulaz für Thorens entwickelt, kam nicht über das Prototypenstadium hinaus. Zwar ließ die Reibungsfreiheit dank des Einsatzes von Uhrmacherlagern nichts zu wünschen übrig, doch die Belastung für die Nadel während des Abtastvorgangs erwies sich als zu hoch und zu ungleichmäßig

2500 DM musste 1986 der Kunde für die Acryl-Version des TD 320 (hier ein Zargendetail mit abgenommenem Teller) ausgeben. Dafür bekam er ein nicht nur optisch außergewöhnliches, sondern auch extrem rares Analoglaufwerk: Gebaut wurden nur an die 80 Stück. Klanglich soll der „Phantasie“ benannte Acryl-Spieler seinen Holzgeschwistern sogar überlegen gewesen sein

Der 500 000. Thorens-Plattenspieler wurde 1975 gebaut – es war ein TD 160, der sich zur Feier mit einer goldlackierten Zarge schmücken durfte. Dieses Modell und seine direkten Nachfolger, Erben des von Acoustic Research ersonnenen Subchassisprinzips mit Kegelfedern, wurden wiederum selbst zu Bestsellern

Das Gehäuse ist leer. Dabei wäre dieser Prototyp eines Thorens-CD-Players von 1991 mit seinem holzfurnierten Retro-Design aus heutiger Sicht ein sicherer Verkaufsschlager. Wäre er doch schon Mitte der 80er Jahre zur Einführung der CD erschienen!

Selbst heute noch wäre eine solche integrierte Anlage nicht zu verachten, 1966 war sie der pure Luxus: Das Preisschild zeigte 3800 Schweizer Franken an. In der Spezialzarge des TD 124 Mk II steckte ein Vorverstärker mit Eingangswahltasten, der ein Paar Aktivboxen ansteuerte. Zum Set gehörte eine Kabelfernbedienung; ein passender von Sennheiser übernommener UKW-Stereo-Tuner war optional im Angebot

Mit dem 150er hat Thorens damals ein relativ revolutionäres Gerät auf die Beine gestellt. Beziehungsweise adaptiert von Acoustic Re­search.

Richtig. AR hat diese Grundidee gehabt, und die Schweizer Ingenieure haben, als ihre letzte Tat, dieses gekreuzte Chassis erfunden. Das Chassis, die schwingende Aufhängung, der Sonceboz-Motor da drin und der Flachriemen, das ist noch von den Schweizern. Und alles, was danach kam, wurde in Deutschland entwickelt.

Warum ist Thorens nicht bei der Konstruktion mit Kegelfedern geblieben? Was hat man sich von den Blattfedern versprochen, die Mitte der 80er Jahre eingeführt wurden?

Das große Problem der Kegelfedern war, dass sie völlig unsymmetrisch waren und sich je nach Temperatur und Witterungseinfluss unterschiedlich verhalten haben. Das Problem hatte Linn, das hatten wir genauso. Wenn ein Linn toll eingestellt war, dann klang er super. Nur: Machte man das Fenster auf, und die Temperatur veränderte sich, dann fing er wieder an zu taumeln, und dann war es vorbei. Das ist eben die Eigenart dieser Federn. Man kann Federn nicht so herstellen, dass sie sich absolut homogen verhalten. So hat man gesagt: Wir müssen etwas anderes machen. Und dann ist einer auf die tolle Idee gekommen: Wir nehmen einfach eine Blattfeder und hängen sie an ein Stahlseil. Damit waren die Temperatur und die Klimabedingungen völlig außen vor. Die Entkopplung war die gleiche, oder sogar teilweise besser, weil man sie so abstimmen konnte, dass das Chassis wirklich kolbenförmig schwingen konnte. Der 2001, wenn er richtig eingestellt war, ging wie ein Kolben rauf und runter. Und das auch nach zwei, drei Jahren. Ohne dass man irgendwas dran gemacht hat. Und das war, fand ich, ein Riesenvorteil.

Was war der wichtigste Markt für Thorens?

Bei den größeren Geräten war das sicher Japan, Korea, Hongkong. Der asiatische Raum war für große Geräte ein sehr wichtiger Markt. Und ansonsten: Amerika kleckerte so vor sich hin. Der europäische Markt war immer sehr gut.

Die CD kam ja 1982. Noch Ende der 80er ging’s mit Plattenspielern steil bergauf, dann kam in Deutschland die Öffnung der Grenze, und da machte es noch mal einen Sprung. Die neuen Bundesländer kamen, und obwohl die natürlich die neue Technik, die CD haben wollten, ist Analog trotzdem noch mal angestiegen.

Danach, 1994, 1995, gab’s leichte Einbrüche. Das war aber überall so. Räke hatte mit Transrotor 1995 sein schlechtestes Jahr. Da wollte er den Laden zumachen. Hat er aber nicht gemacht. Und siehe da, ab 1996 ging es wieder langsam bergauf. Und ab 2000: Analog ohne Ende. Bis zum heutigen Tag geht es wirklich linear bergauf.

Welches Gerät war denn eigentlich am erfolgreichsten?

Der TD 160. Die 100er-Baureihe. Was weiß ich, wie viel Stück davon gebaut wurden – eine Million bestimmt.

Weil sie unverwüstlich waren?

Ja. Das passiert doch heute noch. Da ist einer am Telefon und sagt: „Ich habe da vom Vater einen alten 166 gefunden. Jetzt raten Sie mal, was passiert ist!“ „Ja“, sage ich, „ich weiß, der läuft immer noch.“ „Genau! Den habe ich in die Steckdose gesteckt, eingeschaltet, der lief! Ich hab ihm dann einen neuen Riemen spendiert, und jetzt ist wieder alles in Ordnung.“

Das waren unverwüstliche Geräte. Das lag an diesem Stahlchassis. Das wurde in St. Georgen auf einer riesengroßen Presse gemacht, von wo auch Dual Zulieferteile herkriegte. 1000-Tonnen-Pressen …

Und diese Chassis waren irrsinnig stabil, weil sie gerippt, umgeknickt und gefalzt waren. Der 166er konnte auch mal vom Tisch fallen, das machte überhaupt nichts. Dann war die Holzzarge kaputt, aber der Plattenspieler ging immer noch.

Gab es auch mal einen Flop?

Der Flop war der TD 535. Dieser Direktangetriebene.

Weil der so teuer war?

Ja.

Und konstruktiv?

Nein. Der spielte, da war ein TP-90-Tonarm drauf, der war in Ordnung. Aber das ganze restliche Gerät – dadurch, dass die Dämpfung immer weiter zurückgenommen wurde, damit alles hart aufgehängt ist und man scratchen konnte, war das uninteressant.

Wer war der größte Konkurrent?

Linn. Linn war immer mit Abstand der größte Konkurrent.

Kam es für Thorens nie in Frage, das Schwing-chassis-Prinzip gegen Masse zu tauschen?

Nein. Das hätte ich auch nicht gewollt. Das Thorens-Schwingchassis war ein Markenzeichen. Deshalb hatten ja auch alle Masselaufwerke, die wir hatten, sowohl der Reference als auch der Prestige, ein Schwingchassis. Zwar mit einem Zentner Masse, aber es war ein Schwing­chassis. Einen Thorens rauszubringen, der kein Schwingchassis hat – das ist kein Thorens.

Sind die modernen Thorense deswegen keine „richtigen“ Thorense?

Die haben ja kein Schwingchassis. Der neue TD 350 ist wieder der Erste, den man Thorens nennen kann.

Hat man auch bei den Kernbaugruppen, dem Tellerlager oder dem Motor, eine bestimmte Philosophie verfolgt? Den TD 126 zum Beispiel gab es mit verschiedenen Motorvarianten.

Der Gleichstrommotor wurde verbaut, als diese Ultra-low-Mass-Sache kam. Als auch die Tonarme nur fünf Gramm effektive Masse hatten. Damals hieß es: Der Motor darf auf keinen Fall den Plattenteller bestimmen! Diese Idee wurde im TD 126 Mk III verwirklicht. Da war ein ganz kleiner Valvo-Motor drin, ein Gleichstrommotor mit einer Regelung, winzigklein – der brauchte dann auch acht oder zehn Sekunden, um den schweren Plattenteller hochzudrehen. Aber das war ja die Idee: Dieser Motor kann den Teller nicht beeinflussen, der soll ihn nur in Schwung bringen. Der Teller hat ja ein riesiges Drehmoment, und das braucht er nur zu erhalten. Aber gut, dieses Motörchen war auch nicht der Weisheit letzter Schluss. Die nächste Generation hatte wieder einen stärkeren Sonceboz-Motor. Das sind auch die Motoren, die in der 100er-Serie überall drin waren.

Das waren Motoren! Schussfest. Für die Ewigkeit. Und in den anderen Geräten, den Holzgeräten, dem TD 320, dem TD 2001, waren Berger-Motoren drin. Die allerdings hatten den Nachteil, dass sie Geräusche machten ohne Ende. Da Berger aber in Lahr war, konnte man ihn ein bisschen beeinflussen. Man hat beim Motor das Magnetfeld verringert und ist nicht mit 50 Hertz draufgegangen, sondern mit einer niedrigeren Frequenz, damit er langsamer lief, man hat das Pulley größer gemacht, so dass der Motor einigermaßen ruhig wurde. Es wurden auch spezielle Lager ausgesucht. Im Endeffekt haben sie ihm sogar noch die Messgeräte hingestellt, da wurden dann die Motoren draufgespannt, laufen gelassen, und dann hat das Mess­gerät angezeigt: kann man für das Gerät nehmen, kann man nicht nehmen. Diese aufwendige Auslese war riesig teuer, es war wahnsinnig viel Ausschuss dabei.

Gab es in Ihrer Zeit bei Thorens Ideen, die Sie gerne verwirklicht hätten, aber mangels Geld oder wegen zu großem Aufwand nicht verwirklichen konnten?

Das mit dem Ambiance-Laufwerk und dem RDC-Material war ja schon ein sehr schöner Ansatz. Ich hätte mir nur gewünscht, dass man ein ganz anderes Chassis nimmt. Denn das basierte wieder auf dem TD 2001. Ich hätte gerne eine völlig neue Aufhängung, ein völlig neues Chassis gehabt.

Wie hätte das dann ausgesehen?

Die Idee war da, sie wurde aber im Keim erstickt, und dann habe ich es aufgegeben, noch weiter darüber nachzudenken. In der Zeit wurde für Plattenspieler kein Geld mehr ausgegeben. Obwohl, doch, einmal habe ich darüber nachgedacht – über ein Masselaufwerk. Ohne Schwingchassis! Aber da das eben nicht in die Philosophie hineinpasste, habe ich das ganz schnell wieder vergessen.

Firmengeschichte

Die Geschichte der Firma Thorens beginnt mit der ­Firmengründung durch Hermann Thorens in Sainte-Croix, Schweiz, im Jahr 1883. Erste Produkte waren Musikdosen und Musikwerke, die Hinzunahme von Walzen-Phonographen 1898 und Grammophonen 1906 stellte die Weichen für die Spezialisierung auf analoge Musikwiedergabe. Immer wieder bereicherten auch Radios (30er Jahre), Verstärker und Lautsprecher (beide erstmals 1959) die Produktpalette. Als Kuriosität erlangte der Thorens-Rasierapparat Riviera (1954–1960) einen gewissen Kultstatus, aber auch Mundharmonikas, Uhren und Skier zierte das Thorens-Logo.

Nach dem Umzug der Fertigung ins badische Lahr 1966 kamen in den 90er Jahren größere Turbulenzen auf das Unternehmen zu. Teile der Produktion wurden ausgelagert, erst nach Tschechien, später nach Polen, aber auch nach Ostdeutschland. Im Jahr 2000 mussten Thorens in Lahr und der für die Entwicklung von Verstärker- und Digitalelektronik zuständige Berliner Unternehmenszweig Konkurs anmelden. Die Namensrechte erwarb mit Heinz Rohrer wieder ein Schweizer. Dieser fand mit dem im badischen Iffezheim angesiedelten Vertrieb Sintron einen Kooperationspartner für die Wiederbelebung der Marke. Heute produziert die Thorens Engineering GmbH wieder Plattenspieler und Verstär­kerelektronik unter dem traditionsreichen Namen.

Kontakt

www.thorens-legende.de