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Tonabnehmer Ortofon Vinyl Master Silver

Das Neutrale

Text von: Uwe Heckers

Ortofon gilt eher als Spezialist für MC-Systeme. Doch neben der alt­bekannten OM-Serie gibt es bereits seit einiger Zeit die höher ambitionierte Vinyl-Master-Serie.

MM- oder allgemeiner: High-Output-Systeme haben eine Menge Vorteile, die von Anhängern schwachbrüstiger MCs scheinbar geflissentlich ignoriert werden. Denn mit der deutlich größeren Ausgangsspannung von Moving Magnets und Moving Irons entstehen die Probleme erst gar nicht, für deren Lösung die Besitzer von Moving Coils teuer bezahlen müssen. Da wird neben dem eigentlichen Tonabnehmer auch gleich eine aufwendigere (weil höher verstärkende und rauschfreiere) Phonostufe und/oder ein teurer Übertrager fällig. Letzteres trifft vor allem Anhänger der immer größer werdenden Röhrengemeinde, die keinen Transistor in ihrer Kette leiden können. Deshalb werden einige Freunde der klingenden Glühlampe auch niemals so ganz glücklich mit der ewigen Suche nach dem besten Übertrager zum Beispiel für ihr Denon DL-103.

Apropos DL-103: Dieses oft von „Experten“ für Einsteiger empfohlene System macht auch klanglich nicht alle glücklich. Und schon gar nicht, wenn man einen leichten bis mittelschweren Arm sein Eigen nennt. Doch welches vergleichbar preiswerte System kann man guten Gewissens empfehlen?

Das Schöne an Systemen von Ortofon ist, dass man sich auf sie verlassen kann. Es ist schon erstaunlich, wie viele ältere, aber pfleglich behandelte Oldies, die zum Teil zwanzig Jahre und mehr auf dem Buckel haben, noch in Betrieb sind, ohne Anlass zur Klage zu geben. Ob das auch für die Mitglieder der Vinyl-Master-Serie gelten wird, werden wir sehen, denn so lange sind sie noch nicht auf dem Markt.

Das Ortofon Vinyl Master Silver empfiehlt sich für leichte bis mittelschwere Arme

Die VM-Serie besteht aus insgesamt vier Modellen, die auf einem Generator und vier verschiedenen Nadeleinschüben beruht. Die wiederum unterscheiden sich bezüglich der verwendeten Diamanten und der Nadelnachgiebigkeit. Der Nadelnachgiebigkeit kommt hier eine besondere Bedeutung zu, da sie bei allen Modellen darauf schließen lässt, dass sie auch für leichte Arme in Betracht kommen. Da der Nadeleinschub wechselbar ist, kann man beispielsweise mit einem VM Red (elliptisch) einsteigen und beizeiten auf ein VM Blue (Fine Line) oder Silver (FG II) aufrüsten.

Das solide Kunststoffgehäuse wurde au­genscheinlich von den sich schon länger auf dem Markt befindlichen High-Output-Systemen übernommen und ähnelt in ihrem grundsätzlichen Aussehen dem Rohmann. Es bietet aufgrund der rechteckigen Bauform den Vorteil, dass man es leicht justieren kann. Das ist auch gerade beim VM Silver notwendig, da der recht scharfe FG-II-Schliff nach einer sorgfältigen Justage verlangt. Elegant ist der Nadelschutz gelöst, der hochgeklappt praktisch mit dem System verschmilzt. Trotzdem werden Klangperfektionisten ihn wahrscheinlich als potenzielle Resonanzquelle entlarven und demontieren wollen. Dazu gibt es aber gar keinen Grund. Nichts an dem System klappert oder scheppert. Selbst der Nadeleinschub sitzt so fest, dass man ihn mit einem kleinen Schraubenzieher vorsichtig aufhebeln muss, wenn man die Nadel wechseln möchte.

Das VM Silver liefert mit seiner ehrlichen, detailreichen und geradlinigen Spielweise nichts anderes als ein professionelles Ergebnis ab. Etwas anderes war von so einem renommierten Hersteller wie Ortofon auch nicht zu erwarten. Doch Neutralität und Detailfülle sind nicht alles – es weiß durchaus die einzelnen Aspekte einer Aufnahme zu einem musikalischen Ganzen zu verbinden. Nun ist „Musikalität“ einer der schwammigs­ten Gesichtspunkte, nach denen man Produkte der Unterhaltungselektronik (zumindest halbwegs) objektiv beurteilen kann, denn jeder Hörer versteht etwas völlig anderes darunter. Und nicht selten (aber auch nicht immer) zeichnen sich als „musikalisch“ bezeichnete Komponenten durch vorlaute Mitten, tendenziell weiche Basslagen und eine eher zurückhaltende Hochtonwiedergabe aus.

Derartige Nichtlinearitäten kommen eben beim VM Silver nicht vor. Es zeichnet gewissenhaft die einzelnen Frequenzbereiche nach, ohne dabei einen Bereich zu bevorzugen oder zu vernachlässigen. Es ist einfach in sich stimmig. Ebenso im Gleichgewicht befinden sich grob- und feindynamische Fähigkeiten, mit denen es zum Beispiel die Gitarre von Peder af Ugglas (Autumn Shuffle, Opus 3) plausibel darstellen kann. Im letzten Stück auf der zweiten Seite („A Hymn“) spielt Matthias Wagner die Orgel der Hedvig-Eleonoras-Kirche in Stockholm, und auch dieses mächtige Instrument wird innerhalb einer ordentlichen, aber nicht ausladenden Raumabbildung durchaus mit der ihm eigenen Autorität dargestellt. Ausladend wäre in diesem Fall wohl auch eine Übertreibung, und zu Übertreibungen neigt das Silver nun mal nicht.

Darüber hinaus besitzt es recht gute All­round-Eigenschaften. Große sinfonische Wer­ke wie Franz Liszts Les préludes (Solti, Decca SXL 6863) werden differenziert und glaubwürdig wiedergegeben, man braucht sich einfach nur auf die Musik einzulassen.

Natürlich geht jenseits des Preises eines VM Silver noch was. Keine Frage. Aber auch mit einem Denon DL-103 ist man noch lange nicht auf dem Gipfel der Tonkunst angekommen. Trotzdem kann man das VM Silver guten Gewissens nicht nur seinem Kumpel mit dem alten Dual empfehlen, sondern es durchaus für die eigene High-End-Anlage in Betracht ziehen, da es neben seiner neutralen, sachlichen Art auch musikalisch genügend zu bieten hat.

Produktinfo

Tonabnehmer Ortofon Vinyl Master Silver

Funktionsprinzip: Moving Magnet (MM)

Nadelschliff: FG II

Nadelnachgiebigkeit: 30 µm/mN

Ausgangsspannung: 3,0 mV

Empfohlener Abschlusswiderstand: 47 kΩ

Empfohlene Abschlusskapazität: 200–400 pF

Empfohlene Auflagekraft: 12,5–17,5 mN (15,0 mN)

Besonderheiten: wechselbarer Nadelträger

Gewicht: 5 g

Garantiezeit: 2 Jahre

Preis: 230 Euro

Kontakt

www.ortofon.com