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Laufwerk La Nouvelle Platine Verdier

Die Legende geht weiter …

Text von: Roland Kraft

Magie ist, wenn man nicht einmal ahnt, wie etwas geschehen konnte, das Ergebnis aber staunend wie ein Kind zu Kenntnis nehmen muss.

Wenn ich mir das Thema Plattenspieler so über die letzten 20, 25 Jahre angucke, dann wird nur eines völlig klar: Darüber, wie man ein gutes Laufwerk baut, herrscht große Uneinigkeit. Während die einen den Maschinenbau bemühen und zig Kilo schwere Me­tallteile in die Drehbänke schnallen, wuseln die anderen mit Holzbrettchen, Glastellerchen und Gummifüßchen herum. Weitere Fraktionen schwören auf drei bis fünf An­triebe, während andernorts ein Mini-Motörchen schwitzend dicke Teller bewegen soll. Dazwischen spannen sich Gummis, Anglerfäden, Schuhbänder, Schnur, monokristalline Fasern und Mamis Nähgarn. Hie und da wackeln Federungen wie Lämmerschwänze, woanders rammt man Tonnengewichte mit Spikes in die Racks, daneben pusten Kompressoren Sauerstoff in automatische Tariersysteme. Federleichte und superschwere Teller schweben auf Kugeln, Spitzen, Keramikplättchen, Magnetfeldern, Ölblasen oder Luft. Materialtechnisch bewegt man sich zwischen Krupp’schen Stahlöfen und mo­­dern­­s­ten Hightech-Fasern und in Bezug auf die Optik irgendwo zwischen 1850 und 2010, folglich zwischen Schellack und Bienenwachs, Chrom und Platin, RAL-Farben und Filzstiften. Alle wissen genau Bescheid, jeder macht das Gegenteil der Konkurrenz, andere wiederum denken gar nicht und stapeln folglich schlicht Kilos und Inbusschrauben aufeinander, weil’s der Herrgott schon richten wird und eine Materialschlacht so falsch wohl nicht sein kann. Steht das Ganze dann da wie ein Gebirge und dreht sich die Platte, dann klingt’s garantiert gut, weil es ja so teuer ist.

Sie sehen schon: Es bleibt schwierig. Zumal es durchaus grundverschiedene Konzepte gibt, die nach landläufigem Verständnis anständig klingen. Ein Patentrezept ist folglich nicht in Sicht, und es wird munter weitergebastelt. Sicherheitsdenker fassen deshalb meist einen der anerkannten Klassiker ins Auge – es gibt davon vielleicht ein halbes Dutzend. Die unterscheiden sich durchaus in ihrem Klangcharakter, was ja ruhig sein darf, sind Geschmäcker doch verschieden. Eines haben jene Klassiker freilich gemeinsam: Eine Fangemeinde, die sich in Bezug auf die Beurteilung der grundlegenden Qualitäten des jeweiligen Laufwerks einig ist.

Aber selbst unter den Klassikern gibt es hin und wieder Ausnahmeerscheinungen. Eine davon ist die Platine Verdier, immerhin seit 1979 auf dem Markt und bis heute eine Laufwerkslegende. Das ursprüngliche, damals etwas vom schließlich seriengefertigten Laufwerk abweichende Design erschien ja erstmals als Bauanleitung in Publikationen, die das französische HiFi-Kultzentrum „La Maison de L’Audiophile“ begleiteten. Allerdings überstieg das höchst aufwendige Projekt die Möglichkeiten der meisten Interessierten um Längen. Es kam damals aber letztlich doch zu einer Serienfertigung durch den Entwickler Jean Constant Verdier, initiiert durch eine erste Sammelbestellung vom deutschen Vertrieb Auditorium 23. Der Rest dieser Story ist bereits Geschichte, besser gesagt: eine Erfolgsgeschichte, die bis heute andauert. Dass teure Kultobjekte wie die – übrigens mit Ausnahme der von A23 eingeführten Bronzebasen – seit Fertigungsbeginn unveränderte Verdier im Laufe der Zeit Nachahmer und die üblichen Verschlimmverbesserer auf den Plan rufen, ist allerdings normal und aus der Szene leider kaum wegzudenken. Und wie Jean Constant Verdier selbst formulierte: “It is the privilege of originals to be plagiarized.” Richtig am Zeug flicken konnte man einer Verdier sowieso nie, sie nachahmen erst recht nicht, wovon der Autor dieser Zeilen, seit fast 20 Jahren glücklicher Besitzer dieses zuverlässigen Plattenspielers, ein langes Lied singen kann. Standen im Lauf der Jahre doch immer wieder „große“ Konkurrenten zum Vergleich daneben, die das Monument aber nie vom (klanglichen) Thron zu stoßen vermochten. Was an Ort und Stelle blieb, war stets die Platine, obendrein ein absolut unverwüstliches Stück Technik ohne Verschleißteile, bei dem einzig der in den vielen Jahren vom Antriebsstring angegriffene Messingpulley des Motors gewechselt werden musste.

Die neue Verdier in ihrer ganzen Pracht. Hier mit dem EMT-Tonarm plus SPU, also in typischer A23-Version

Viele Jahre Auditorium plus Platine Verdier führten aber auch zu einem Vertrauensverhältnis zwischen Jean Constant Verdier und A23-Chef Keith Aschenbrenner. Und was nur wenige wissen, auch zu einem freundschaftlichen technischen Kreativpool, in dem schließlich Einigkeit darüber herrschte, dass es ein „kleines“, preisgünstigeres Laufwerk geben müsse. Doch was einst als „Petit Pla­tine Verdier“ gedacht war, verselbstständigte sich in einer langen gemeinschaftlichen Entwicklungsphase zu „La Nouvelle Platine Verdier“ – einem eigenständigen Konzept, das inzwischen seinen Platz neben und beileibe nicht unter der ehrwürdigen Platine Verdier eingenommen hat. Im Kern steckt der wichtigste Unterschied zwischen den beiden Laufwerken in der horizontalen Lagerung. Im Gegensatz zu dem bekannten reibungsfreien Magnetlager des alten Laufwerks stützt sich der Teller der „Nouvelle“ sprichwörtlich auf ein völlig anderes Verfahren, das einer – im Nachhinein betrachtet – recht langen Entwicklungs- und Prüfungszeit entsprang, in deren Verlauf mehreren Modifikationen unterlag und, was das Entscheidende ist, herkömmliche Betrachtungsweisen zum Thema völlig infrage stellt. Und genau die müssen wir uns jetzt einmal kurz vor Augen führen, um die Nouvelle Platine Verdier des Jahres 2006 besser zu verstehen.

Die Luft-Federfüße entsprechen im Großen und Ganzen jenen der alten Platine Verdier. Allerdings findet die Höhenverstellung jetzt von unten statt. In der Mitte: der massive bronzene Träger für das Achse/Lager-Ensemble

Üblicherweise und bis dato nur von ganz, ganz wenigen Gegenbeispielen konterkariert, sollte der Plattenteller nach allgemeinem Verständnis ja möglichst reibungsfrei ro­tieren. Lässt man Hartmetallspitzen oder polierte kleine Kugeln auf Keramikplättchen drehen und fügt ein wenig reibungsminderndes Öl hinzu, kommt man den Erfordernissen schon sehr nahe; die meisten Lager sind so oder ähnlich gebaut und laufen, korrekte Ausführung vorausgesetzt, relativ nebengeräuschfrei. Kombiniert mit einem schweren Teller erreicht man dazu noch eine träge reagierende Schwungmasse, die sich Änderungen der Umdrehungszahl meist halbwegs erfolgreich widersetzt. Genau hier beginnen die Meinungen ja auseinanderzudriften und verteilen sich hin zu starken Motoren/leichten Tellern einerseits und schweren Tel­lern/kleinen Motörchen andererseits. Facettenreich kommen ganze Welten von Varianten, Theorien, Konstrukten und Basteleien dazu, die aus dem alten Plattenspieler eine nach wie vor höchst interessante technische Spielwiese werden lassen. Einigkeit besteht aber – meistens – darüber, einen Plattenteller mit einem leichtgängigen Lager auszurüsten.

ein paar weitere Sachen – ganz anders. Dazu gleich mehr, beginnen wir die Schilderung des Laufwerks doch lieber mit dem großen Chassis, das aus Schichtholz besteht. Diese Zarge entspringt wieder der Werkstatt des A23-„Kunst“-Schreiners Norbert Gütte, dessen Verarbeitungsqualität selbst alten Holz­würmern wie mir größten Respekt abnötigt. Genau hier stoßen wir allerdings schon auf einen einer kleinen Serie von Unterschieden zwischen einer deutschen Verdier und einer französischen Verdier; tatsächlich gibt es signifikante technische Differenzen zwischen dem A23-Modell und der von Jean Constant Verdier gelieferten französischen Variante, beginnend mit Zargen aus unterschiedlichem Material.

Unser A23-Modell kommt in einer von drei möglichen Oberflächenvarianten daher und verfügt natürlich auch über die drei schon immer verwendeten, sehr ­aufwendigen Luftfeder-Füße, deren Alumi­nium-Schraubfüße eine Höhenverstellung gestatten (bei der „großen“ Verdier findet diese ja auf der Oberseite durch Stellschrauben statt, die gleichzeitig die Entlüftungsöffnungen enthalten). Im Prinzip kombiniert die Verdier-Federung zwei Systeme, nämlich eine mittels einer Membran nach unten abgeschlossene Luftkammer und die ei­gent­liche Feder, die in genau dieser Luftkammer sitzt. Winzige, auf den ersten Blick kaum erkennbare Bohrungen auf der Oberseite der Zarge übernehmen die Be- und Entlüftung der Lufkammern. Im Gegensatz zur schwe­reren Magnetlager-Verdier mit Magnetlager sind die Federsätze der Nouvelle übrigens deutlich weicher, zudem muss man, was weniger bequem ist, zur Waagerecht-Regulierung nun unter das Laufwerk fassen oder den Plattenspieler sogar leicht anheben.

Mittig unter dem Chassis fällt uns ein gro­ßer runder Block ins Auge – es ist der Lager- oder Achsträger, ausgeführt in schwerer Bronze. Bezüglich der Verwendung dieses an­fangs – wie sollte es anders sein – sehr um­strittenen Materials darf Keith Aschenbrenner von A23 als Vorreiter und Erfinder gelten. Inzwischen gibt es zahlreiche Nachahmer, zahlreiche Verwendungsansätze und natürlich jene, die behaupten, es schon im­mer gewusst zu haben; der Erfinder, der wie kein anderer Audioentwickler in Deutschland gewohnt ist, plagiiert zu werden, trägt es mit Fassung. Dass der schwere Bronzeblock unter dem Lagerkomplex die ganze Ge­schichte ungemein zu „beruhigen“ imstande ist, sollte einleuchten. Diese Eigenschaft der Bronze kommt natürlich auch den Tonarmbasen zugute, die mithilfe einer speziellen Zwischenlage einfach via Klemmschraube und Flügelmutter unverrückbar auf dem Chassis fixiert werden. Miss­trauen unangebracht: Es hält tatsächlich bombenfest. Übrigens sind die Bestandteile der drehbaren Armbasis unlöslich miteinander verpresst und erst im Nachhinein bearbeitet – dies nur, damit Sie später imstande sind, von billigen Nachbauten zu unterscheiden … Bedingt durch die dreh­baren Basen und den halbrunden Ausschnitt der Zarge kann die Verdier prob­lemlos „kurze“ und „lange“ Tonarme tragen; auch die Geometrie ist so wunderbar einfach einzustellen.

Wer dem riesigen, superschweren Aluminium-Plattenteller – ohne Antriebsstring – mal einen kleinen Schubs verpasst, der stößt auf ein erstaunliches Phänomen: Kaum drei oder vier Umdrehungen später steht das massive Teil auch schon wieder. Klar: hier scheint nicht zu unterschätzende Reibung im Spiel zu sein. Richtig: Das Tellerlager der Nouvelle Platine Verdier arbeitet ganz bewusst nicht so reibungsarm wie nur irgend möglich. Im Gegensatz zu den üblichen Konstruktionen laufen hier tragend zwei gut einen Zenti­meter durchmessende Flächen aufeinander, deren genauere Beschaffenheit das Geheimnis ihres Erfinders bleiben soll. Nötig ist zudem ein spezielles Öl, das aus einer Vorratskammer unterhalb der Spindel in die ho­rizontale und vertikale Lagerung einsickert; etwa alle drei Monate, so Keith Aschenbrenner, sollte ein klein wenig Öl durch die hohl gebohrte, mit Dichtschraube gesicherte Spin­del zugegeben werden. Dauerlauf vorausgesetzt, denn ähnlich dem Magnetmodell stoppen Verdier-Benutzer ihren Plattenspieler niemals.

Nicht verschwiegen werden soll, dass sich die Lagertechnik der Verdier seit der ersten Besprechung – die, wenn ich mich nicht irre, vor zehn Jahren stattfand – inzwischen geändert hat. Damals sollte der schwere Teller auf einer unter Druck stehenden Ölblase rotieren, ein Konzept, das so überzeugend wie in seiner Realisierung letztlich doch kompliziert ist. Tatsache ist, ein einziger Schaden während eines damals schon länger währenden Testzeitraums bewog den qualitätsfanatischen A23-Chef, die Sache aufzugeben. Nachdem dann keine einzige Nouvelle Platine Verdier mehr ausgeliefert wurde, musste das neue Lager noch gut zwei Jahre lang in mehreren Testexemplaren seine Standfestigkeit unter Beweis stellen … In der vertikalen Lagerung kommt wieder eine fingerdicke gehärtete und letztlich spiegelnd bearbeitete Achse und natürlich eine Lagerbüchse aus J. C. Verdiers speziellem Metall zum Einsatz, beides in dem großen Laufwerk nunmehr jahrzehntelang bewährt. Achse und Büchse werden zueinander gepaart – der Feinmechaniker sagt: nach Toleranzlage sortiert – und wären daher nur im Paar austauschbar. Aber außer chronischem, über Monate andauerndem Ölmangel gibt es erfahrungsgemäß nichts, was dieses Lager aus seiner sprichwörtlichen Ruhe bringen könnte. Eben solider Maschinenbau, in Gegensatz zu den so häufig zu diagnostizierenden bleistiftdünnen „Achsen“ anderer Laufwerke.

Den Motor und damit natürlich den String­antrieb hat die Nouvelle Platine von ihrer magnetgelagerten Schwester übernommen. Hier baut der Motortrakt etwas niedriger, zudem ruht das schwere metallene Motorgehäuse auf einer furnierten Holzbasis. Geblieben ist es freilich bei einem – zumindest bei jenen, die keine Verdier besitzen – gerne diskutierten Teil, nämlich dem eigentlichen Antrieb. Bei dem handelt es sich, entgegen der Gerüchtelage, schon immer um einen Airpax-Gleichstrommotor aus Hol­land. Auf dessen Achse residiert ein Messingpulley, der für gewöhnlich einen in seinem Querschnitt rechteckigen, dehnbaren Faden, also „String“ antreibt; wie immer obliegt es dem Nutzer, dem mitgelieferten Material erstmal miss­trauisch abzuschwören, diverse Lösungen auszuprobieren und zuletzt reumütig zum serienmäßigen Gummi zu­rückzukehren – so ging es zumindest mir. Mithilfe zweier Potis kann man den Motor – er ist umschaltbar zwischen 33er- und 45er-Geschwindigkeit – fein regulieren, wozu eine Stroboscheibe Sinn macht. Die sollte auf der Platte liegen und die Nadel sollte sich in der Rille befinden, alles andere liefert keine praxisgerechten Ergebnisse. Übrigens offenbart die Nouvelle Verdier dabei ein geradezu magisch stillstehendes Strobobild, ganz im Gegensatz zu jenem feinen Hin- und Herdriften, wie man es von anderen Laufwerken kennt.

Apropos Öl: Das wird mit einer kleinen Plas­tikspritze oben über die Spindel eingefüllt. Eine kleine Schraube plus Dichtring dient dabei als Verschluss. Danach tritt das Öl seinen Weg durchs Lager bis unter das Chassis an, wo es schließlich Tröpfchen für Tröpfchen wieder zum Vorschein kommt. Dieser permanente Ölwechsel entspricht – mit Ausnahme der Ölsorte – exakt jenem der magnetgelagerten Verdier. Der Besitzer stellt folglich flugs ein flaches Wännchen unter und vergisst das Thema bis aufs dreimonat­liche Nachfüllen von etwa einem viertel Ku­bikzentimeter. Gibt es sonst noch etwas zur einleuchtenden Technik der Verdier zu sa­gen? Ja: Sie ist, wie ich finde, obendrein ein Design-Prachtstück in ihrer aufs Wesent­liche, auf das rein Funktionale reduzierten Anmutung.

Ken Shindo lässt es sich nicht nehmen, dem neuen Abtaster sein Emblem zu verpassen. Wir dürfen freilich nicht vergessen: Das eine würde ohne das andere nicht existieren. Und: Beide Abtaster zeigen den meisten – wenn nicht sogar allen – „modernen“ Designs, wo die Latte hängt

Links: Ortofon SPU Classic. Rechts: Ken Shindos SPU-Umbau – praktisch ein neuer Tonabnehmer mit lediglich noch 2,8 Pond Auflagekraft. Das gute alte Classic ist zu Recht ein Klassiker, muss sich vom Shindo-Abtaster aber deklassieren lassen

Bronze-Basis für den EMT mit SME-Anschluss: Der Haltekragen für den Tonarmschaft ist eingepresst. Rechts unter dem Armrohr ist noch die Antiskating-Vorrichtung zu sehen

Auf mich kommt dabei auch eine vielleicht etwas schwierigere Aufgabe zu: nämlich jene, „alte“ und „neue“ Verdier – irgendwie – gegeneinander antreten zu lassen. An sich ein Frevel, sind die erhabenen Fähigkeiten einer magnetgelagerten Platine Verdier doch hinlänglich bekannt und beschrieben. Außerdem kann es nicht darum gehen, einem Denkmal am Sockel zu sägen oder womöglich schon krampfhaft Differenzierungsversuche zu starten. Und ich gehe jetzt einfach mal von mündigen Lesern aus, die sich aus der üblichen Besser/schlechter-Denkweise schon längst lösen konnten, auf Punkt- und Prozent-Unterschiede zwischen A und B nicht mehr angewiesen sind. Tatsache ist, Platine Verdier und La Nouvelle Platine sind durchaus verschieden klingende, in ihrem Charakter nicht unbedingt eng verwandte Laufwerke. Was wegen völlig unterschiedlicher Lagerkonzepte wohl so erstaunlich auch nicht ist. Eines trifft allerdings auf beide zu: Sie spielen auf einem Niveau, angesichts dessen Diskussionen ziemlich sinnlos sind. Und wenn Sie mich speziell nach der Nouvelle fragen: Sie hat meiner Meinung nach preis­unabhängig keine Konkurrenz zu fürchten, falls sie überhaupt – nach meinem Kenntnisstand über Plattenspieler bezweifle ich das zutiefst – Konkurrenz hat. Zumal der Newcomer sogar dem Erstgeborenen hie und da eine lange Nase dreht…

Der sprichwörtliche Dreh- und Angelpunkt des Plattenspielers: das Lager. Bei der Nouvelle Platine Verdier steckt hier unter der dicken Achse, die den Teller trägt, ein kleines Geheimnis: nämlich ein Lager, in dem vermeintlich gültige Prinzipien über den Haufen geworfen werden!

Bis dato noch ein funktionsfähiges Provisorium: die Tonarm-Ablage. Kommen wird eine Halterung mit Lift, die deswegen optimal ist, weil sie mit dem Arm nichts zu tun hat, mit anderen Worten nicht irgendwo am Tonarmschaft befestigt ist. Unter der Basis besitzt der Spezial-EMT jetzt Cinchbuchsen

Für mich erleichternd wurde auf der Nouvelle exakt jener EMT-Tonarm mit SME-An­schluss montiert, den ich schon geraume Zeit verwende (image hifi 6/2005). Und auch der Shindo-Abtaster kam flugs wieder in den Ba­jonettverschluss, ein Tonabnehmer, der fraglos eine eigene Story wert ist und den wir hier nur kurz streifen können. Ken Shindo entwickelte diesen Abtaster auf der Basis des in Japan höchst beliebten Ortofon SPU Classic, wobei man allerdings nicht umhinkommt, von einem Totalumbau zu sprechen. Danach erklingt der Klassiker nicht nur in jeder Beziehung um Hausecken und Stra­ßenzüge besser, sondern läuft jetzt auch nur noch mit 2,8 statt vier bis fünf Pond Auf­la­gekraft. Und – was mir angesichts teurer Ton­abnehmer nur schwer über die Lippen kommt – das Shindo-System ist jeden Euro und jeden Cent wert, den es kostet. Abseits von HiFi-Kriterien beweist es nämlich so stupende Eindringlichkeit und Überzeugungskraft, dass ich ohne rot zu werden von einem Quantensprung sprechen möchte. Wieder hergeben? Niemals: “Only from my cold, dead fingers”, wie Charlton Heston einmal formulierte, freilich mit der Winchester in den gichtgebeutelten Pfoten bei einer Rede vor US-Waffennarren. Da mochte ich den alten Krieger dann schon weniger gut leiden.

Als solides Hartaluminium-Kunstwerk steht der riesige Teller des neuen Laufwerks jenem der alten Platine in nichts nach. Übrigens: der Verdier-Teller besteht absichtlich nicht aus irgendeinem Sandwichaufbau

Um den Antriebsmotor ranken sich jede Menge Legenden, die alle falsch sind. Fakt ist, das Ensemble ist nachgewiesenermaßen in Bezug auf Gleichlauf- und Rumpeleigenschaften derzeit nicht zu toppen

Zurück zur Nouvelle, die so ausgerüstet exakt die „Bestückung“ meiner Platine Verdier aufwies und am gleichen Ort auf Norbert Güttes gefederter „Bank“ zu stehen kam, womit sich die Differenzen mit einiger Sicherheit auf das Laufwerk und nicht auf Arm oder System zurückführen lassen sollten. Was ich normalerweise als Erstes aus dem Giftschrank ziehe, ist ein altes Show­piece: Midnight Sugar von Three Blind Mice (TBM-23). Diese Scheibe, über die man sich musikalisch durchaus streiten darf, beherbergt die gemeinsten, härtesten Klavier­impulse der HiFi-Geschichte (falls Ihr Abtas­ter das nicht schafft, werfen Sie ihn aus dem Fenster). Ich habe Ihnen dieses typische High-End-Vorführ-Dingens deshalb raus­gewühlt, weil die Nouvelle hier gegenüber der alten Verdier noch mal ein paar Prozent Impulskraft, Härte und Ausklingvermögen zulegt. Erstaunlich! Dass man nun auch die Vorechos sogar noch deutlicher hört, ist eine eher unangenehme Geschichte. Die nächste Scheibe, die ich gerne benutze, um einem Laufwerk auf den Zahn zu fühlen, ist mein persönliches Lieblingsstück und ein großer musikalischer Schatz: Vivaldis Vier Jahreszeiten mit dem Stuttgarter Kammerorchester unter Münchinger. Die 1958 erschienene erste Ausgabe der Decca SXL2019 gehört zu den gesuchtesten frühen Stereo-Decca-FFSS und stellt ein kleines Klangwunder für sich dar. Eindringlicher und mit so viel Schmelz und Farbe im Ton habe ich eine Violine via HiFi noch nie gehört. Zumal es das Laufwerk hier schaffen muss, die unvermeidlichen Laufgeräusche einer uralten Scheibe in den Hintergrund zu drängen und den Zuhörer trotzdem so zu vereinnahmen, dass er in Werner Krotzingers Solospiel förmlich „hineinfällt“. Was die Nouvelle auf unnachahmliche, bewundernswerte, intensiv-magische Art und Weise bewerkstelligt. Fernab vom „Drüberwegspielen“ mancher vergleichsweise unbeteiligter Plattenspieler schafft es das Laufwerk, den Zuhörer förmlich zu verzaubern, ihn gefangen zu nehmen und, ja, tief anzurühren.

Hinzu kommt eine ehrfurchtgebietende Sicherheit im Timing. Nein, nicht das hastige Dahinrattern, das schenkelklopfende „Musikalität“ vortäuscht, sondern auch die Sicherheit in der Langsamkeit. Im Ausklingen eines Tones, im Aufbau eines Spannungsbogens, in der Präzision, mit der die Tonhöhe steht, im unzweideutigen Rhythmusaufbau und, na­türlich, letztlich auch in feinsten Dynamikverästelungen, denen zu folgen noch nie so einfach war. Leider hat die große Verdier, so unerschütterlich sie auch dastehen und spielen mag, diesbezüglich nun ihren Meister gefunden. Ist es die vergleichsweise nochmals stoischere Art, die Drehzahl zu halten? Liegt es an der besseren Ableitung durch das feste Lager? Schon die Option der zusätzlichen (Lager-)Kugel, die im Magnetlager meiner alten Verdier nun wenige Prozent des Tellergewichts auf sich nimmt, deutet klanglich in dieselbe Richtung, eine Veränderung, die mir erst vor kurzem schlaflose Nächte, aber zugegeben auf hohem Niveau, bereitete.

Greifen wir zur nächsten Schallplatte. Auf die Gefahr hin, von nicht mehr 30-jährigen Vinylkennern der Langweiligkeit bezichtigt zu werden: Carmel, Red Flame Music 1982. Nur falls Sie gerade mal einen sauber, nachdrücklich und mächtig gezupften Kontrabass brauchen und gerade keinen zur Hand haben. Ein ordentliches Laufwerk liefert hier förmlich ein 3-D-Bild ab, druckvoll, blitzsauber, also keineswegs schlank, dabei aber auch nicht satt triefend. Obendrauf liegt eine Aura feiner Nebengeräusche der Saiten, die nicht zugeschmiert werden dürfen. Auf den Fuß folgte die neue Erkenntnis: Besser habe ich das noch nie gehört, ungeahnt präzise, einen winzigen Tick schlanker als sonst, so, als wären die letzten Schlacken abgekratzt worden. In Sachen Energie, so etwa auch in Sa­chen Tiefton-Autorität, Tiefgang und Druck steht La Nouvelle dem Magnetschwebetechnik-Monument also nicht nach! Dass die diesbezüglich bekanntermaßen podestreif kernige Platine von der deutlich zierlicher gebauten Nouvelle eingeholt wird, ist fürwahr des Nachdenkens wert. Was wir daraus auch lernen: Die schiere Masse allein tut es noch nicht.

Bemerkenswert allerdings, dass sich auch die Raumdarstellung beider Laufwerke voneinander unterscheidet. In Nuancen, die so klein dann doch wieder nicht sind, zumal sowohl alt als auch neu nicht zu jener Plattenspieler-Fraktion zählen, die – irgendwie „audiophil“ falsch verstanden – den Klang scheinbar körper- und meist substanzlos schwebend in ein bis zum Horizont reichendes, verschwommenes Bild einfügt. Was so oft als „räumlich“ verstanden wird, stellt für meinen Geschmack eine sprichwörtlich zu virtuelle Präsentation dar, die mit der Wirklichkeit kaum etwas zu tun hat. Unter tatkräftiger Mithilfe von weit in den unhör­baren Frequenzbereich hineinarbeitenden Hoch­tönern, versteht sich, die, aus einem Fun­dus von Nebengeräuschen und Oberwellen zehrend, einen „Raum“ aus Rauschen aufbauen. Als ganz anders offenbart sich dagegen das Abbildungsvermögen der Nouvelle Platine, die unmittelbarer, direkter und viel körperhafter Klänge zu präsentieren imstande ist, verbunden mit schon unheimlichem Ablösungsvermögen von den Lautsprechern. Die verschwinden ohnehin in einem Bild, das links und rechts meterweit über die Lautsprecherbasis hinausreicht und eine glaubhafte Ausdehnung in der Tiefe aufweist. Beziehungen zwischen den Klangkörpern sind nun viel deutlicher spürbar, wobei der Eindruck einer unmittelbaren, schier greifbaren Körperlichkeit in einem Maßstab be­tont wird, der mir neu ist.

Dass die Nouvelle im Tiefbass eine Spur schlanker, dafür aber einen Tick präziser ist als ihre dicke Schwester, ordnen wir jetzt mal unter Geschmackssache ein. Dieser Unterschied ist gut wahrnehmbar, also nicht mehr unter Geringfügigkeiten einzuordnen. Mir persönlich gefallen diesbezüglich aber beide Bass-Charaktere: die einen Hauch ungestümere alte Verdier ebenso wie die superpräzise, aber keinesfalls zu trockene Nouvelle. Dass beide in Bezug auf Druck und, bei großen Orchestern, grollendes Fundament Anlagen mit Schwabbel-Tieftönern in Schwie­rigkeiten bringen werden, sei hier nur am Rande be­merkt. Oder doch: Plattenspieler vom Range der beiden Verdiers sind durchaus dazu in der Lage, ungeeignete Ketten gleichsam zu „überladen“.

Ein paar Kleinigkeiten habe ich bis jetzt vergessen: Die schwarze Tellermatte ist, wen wunderts, genau jene, die Auditorium 23 schon immer den Verdier-Laufwerken beilegt. Gerüchte behaupten, sie bestünde aus dem Verdeckstoff von Saab-Cabriolets, was Keith Aschenbrenner schmunzelnd unkommentiert lässt. Fakt ist aber, dass das Ding hervorragend funktioniert und genau zu den puren, bewusst nicht in irgendeinem Sandwich-Verfahren aufgebauten Alu-Tellern der Verdier-Laufwerke passt. Eine Plattenklemme, normalerweise unverzichtbares „audiophiles“ Bestandteil jedes Laufwerks, wird nicht beigelegt, und man benötigt sie meiner Meinung nach auch nicht. Schaden tut es aber auch nicht, folglich trifft diese Entscheidung der jeweilige Benutzer.

Ach so: die Kritik. Ja. Eine Kleinigkeit: An­fangs störte etwas Spratzeln, üblicherweise ein deutlicher Fingerzeig darauf, dass sich durch den Abtastvorgang statische Elektrizität aufbaut, die nicht abfließen kann. Diese Geschichte hängt erfahrungsgemäß auch von der Luftfeuchte sowie anderen Umständen ab. Abhilfe brachte eine Erdungsklemme an der Achslager-Zentralschraube plus eine Drahtverbindung zur Erdung am Vorverstärker. In Zukunft, so Keith Aschenbrenner, wird die Nouvelle Platine Verdier einen entsprechenden Anschluss besitzen. Und noch etwas: Es besteht keine Absicht, Sie in Bezug auf Tonabnehmer oder Tonarm irgendwie festzunageln. Dieser Plattenspieler ist offen für Intentionen jeder Art, mit Ausnahme de­rer, die das Federsystem gewichtsmäßig überlasten und damit undefinierbar machen würden.

Zu guter Letzt wollen Sie es natürlich ganz genau wissen. „Butter bei die Fische“, sagen die Nordlichter dazu. Okay. Wohl wissend, dass ich mich jetzt himmelweit aus dem Fenster lehne: Nach meinem Dafürhalten ist die Nouvelle Platine Verdier nicht irgendein guter Plattenspieler. Vielmehr ist es der Plattenspieler. Andere werden sich daran messen lassen müssen.

Produktinfo

Laufwerk La Nouvelle Platine Verdier

Funktionsprinzip: Laufwerk mit Stringantrieb und getrennt stehendem Motor

Ausführungen: Esche natur, Schwarz, Grün

Besonderheiten: 33/45-Umschaltung, Drehzahl-Feinregulierung. Tonarme zwischen 8’’ und 12’’ montierbar, diverse Armbasen aus Bronze

Maße Laufwerk ohne Tonarm (B/H/T): 50/29/43 cm

Gewicht: 25 kg

Garantiezeit: 2 Jahre

Preis: 4500 Euro

(Testmodell mit Tonarm EMT 297/SME-Anschluss: 2400 Euro, Tonabnehmer Shindo: 1950 Euro)

Kontakt

www.auditorium23.de