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Laufwerk Garrard 501 Evolution

Englands Kronjuwelen

Text von: Cai Brockmann

Eine Handvoll Analog-Enthusiasten. Ein großer Name. Ein ­Plattenspieler wie kein Zweiter.

Einst schwor ich mir: Ich höre sofort mit meinem Job auf, sobald ich das erste Mal konkret von einem HiFi-Gerät alpträume.

Letzte Nacht wäre es beinahe passiert. Ich habe von einem Plattenspieler geträumt, zu­mindest von Teilen davon. Allerdings war es kein Alp-, sondern eher ein sportlicher Traum. Ein Wettrennen.

Ein paar Japaner auf motorisierten Mini­scootern (mit Direktantrieb!) wuselten um meinen Roller herum, wollten mich erst ab­drängen, dann abhängen. Dann kam die lange Steigung. Ich drehte am Endlos-Gasgriff meines Gefährts, drehte immer weiter und weiter. Ich zog locker an den frechen Japanern vorbei und gewann den Horizont. Tja, mein Roller hatte einen verdammt starken Reibradantrieb, und der Gasgriff war ein 10-Gang-Spindeltrimmer …

The Evolution: erkennbar am Tonarmbord aus RDC, das sich schnell wechseln lässt, und einem Diffusor von Acoustic System hinten links auf dem Motorboard; weitere Entwicklungen befinden sich unsichtbar im Inneren

Amüsiert wachte ich auf. So weit kann es also kommen, wenn der Kontakt zu einem besonderen Plattenspieler etwas zu lange dauert und etwas zu eng ist? Gute Güte, es könnte schlimmer sein. Ich bleibe bei meinem Job. Ich bleibe beim Garrard 501 Evolution. Und ich treffe mich erneut mit Martina Schöner.

Martina Schöner ist mein direkter Kontakt zu Garrard. Sie ist „der deutschsprachige Teil“ von Loricraft Audio, ist ein Development Engineer – was ihr Wirken aber nur unzureichend be­schreibt: Eigentlich ist Martina Schöner eine wan­delnde Analog-Überzeugung. Das war schon früher so, als sie etwa für Thorens oder Ortofon tätig war, und hat sich bis heute nicht geändert. Wie sonst könnte sie seit etlichen Jahren eloquente Fürsprecherin des ungewöhnlichen Garrard 501 sein? Dieser Plattenspieler ist so very special, dass er innerhalb des Hobbys „High Fidelity“ nicht nur in der exotischen Spar­te „Laufwerke“ zu finden ist, sondern darin eine Spezialnische ganz allein besetzt, nämlich „Laufwerke mit Reibradantrieb“.

Man darf annehmen, dass jemand, der sich für eine sehr exotische, praktisch ausgestorbene Technik wie den Reibradantrieb begeis­tert, tief im Thema steckt und sich auskennt. Genauso ist es: Martina Schöner weiß auch das kleins­te Detail des 501 mit enormem Fachwissen, reichlich Erfahrungen und persönlichen Anekdoten zu kommentieren. Mühelos. Wenn es sein muss, stundenlang. Almost unstop­pable. Nach ein, zwei informativen Treffen habe ich dann derart viele und ausführliche Informationen rund um den Garrard 501 gesammelt (und un­gefähr zwei Dutzend Personen aus dem erweiterten Umfeld beschrieben bekommen), dass ich mich allmählich in die Lage versetzt fühle, diese Maschine selbst zu bauen.

Doch so einfach ist es natürlich auch wieder nicht. Alles andere als das! Denn auch diese Lektion habe ich begriffen: Das Reibrad-Prinzip ist, so Martina Schöner mit erfrischendem Enthusiasmus und einem verschmitzen Lä­cheln, für einen Plattenspieler der „eigentlich idiotischste“ An­trieb überhaupt. Denn so simpel und schlicht der Reibradantrieb auf den ersten Blick ist, so trickreich und komplex entfaltet er sich, sobald es um die Feinabstimmung geht. Der Hund liegt wieder einmal in der Gesamtkomposition und im Detail begraben – wie immer, wenn’s wirklich gut sein soll, ob Kreiskolbenmotor, Omnidirektionallautsprecher oder Reibrad-Plattenspieler. Doch höchs­ter Auf­wand bei Entwicklung und Herstellung lohnt sich – wenn absolute Überzeugungstäter am Werk sind. Die grundsätzliche Überzeugung meinerseits steht allerdings noch aus, der Praxistest beginnt ja erst.

Spätestens jetzt drängt sich die Frage auf: Warum der ganze Aufwand? Warum muss es ausgerechnet ein Reibrad sein, um die Kraft der Motorspindel an den Plattenteller weiterzu­reichen? Ein vernünftiger Riemenantrieb ist doch bewiesenermaßen sehr viel einfacher und damit billiger herzustellen …

Mechanik pur: Der luftgelagerte Zentrifugenmotor sitzt in einem federgelagerten Motorblock. Direkt nach dem Start zieht sich die aufwendige Einschaltmimik berührungslos zurück. Zu Servicezwecken ist das praktisch unzerstörbare Tellerlager von der Unterseite zugänglich – wenn es denn je nötig sein sollte …

Dreh- und Angelpunkt: Das Präzisionsreibrad überträgt die Antriebskraft der Motorspindel auf die innen liegende Lauffläche des Plattentellers. Die Spindel im 501 Evolution kommt ohne extra Pulley aus

De facto unzerstörbar: Zwischen diesen beiden Tellerachsen liegen gut 50 Jahre Betrieb und zwei Garrard-Generationen. Die Korrosionsspuren auf der 301er-Achse aus den 1950ern (links) befinden sich nicht auf der Lauffläche und haben keinen klanglichen Einfluss

Tellerachsenparade: Der gehärtete Achsstift läuft hydrostatisch in einem Flachlager aus nylonbedämpfter Phosphorbronze. Für einen steten hauchdünnen Trennfilm sorgt ein extrem monomeres Spezialöl

Bedämpfung à la Garrard: Insgesamt sechs Squashbälle entkoppeln die Motorplatte von der Zarge, allerdings nicht über ihre Gummihüllen, sondern über das Luftvolumen. Unser viel gereistes Demo- und Messemodell ist mit etwas lässig geschnittenen Dämpfungsschaumecken bestückt – it’s work in progress. Rechts davon sitzt der Stromanschluss des Motors; vier Löcher im Zargenboden sorgen für ausreichende Frischluftzufuhr

Nun, kann es denn um reine Vernunft gehen? Um Musik zu genießen? Nein, das Reibrad ist heutzutage ein leicht exzentrischer Weg, die Welt mit einer fantastischen Musikmaschine zu bereichern. Und um ein gerüttelt Maß an Exzentrik sinnstiftend in die Praxis umzusetzen, kann es durchaus hilfreich sein, wenn man Brite ist. Oder wenigs­tens anglophile Vinylistin, wie zum Beispiel Martina Schöner. Für Garrard sind immerhin drei Personen unmittelbar am aktuellen 501 beteiligt: Neben Miss Schoener from Freiburg halten zwei waschechte Engländer die Garrard-Fahne hoch: Nigel Pearson und Terry O’Sullivan. Nur diese drei Enthusias­ten scheinen sich den Stress freiwillig anzutun und sind unermüdlich dabei, die alte Reib­rad-Technik mit höchstem Aufwand ganz nach vorn zu bringen. Trotzdem ist es nicht ganz einfach, in puncto Garrard die Übersicht zu behalten. Denn O’Sullivan, Pearson und Schöner halten nicht nur die Garrard-, sondern auch die Loricraft-Fahne hoch. Unter der Firmierung Loricraft Audio fertigt und vertreibt das Trio zahlreiche Produkte, die im umfassendsten Sinne mit Analog- und Vinyl-Kultur zu tun haben, von professionellen Plattenwaschmaschinen bis zu winzigen Weichhaarbürsten. Loricraft Audio erledigt aber beispielsweise auch den Service für ganz bestimmte alte Garrard-Plattenspieler – auf die wir noch zu sprechen kommen – und baut den einzigen ernsthaften Reibrad-Plattenspieler der Welt. Der überall auf der ganzen Welt Garrard 501 heißt – außer in den USA. Dort sind die Namensrechte anderweitig vergeben, also wird der 501 dort ebenfalls als Loricraft angeboten. Und um das alles noch ein kleines bisschen komplizierter zu machen, mischt Martina Schöner auch solis­tisch kräftig am Markt mit, und zwar mit ihren Produkten von L’Art Du Son; über die feinen Pflegestöffchen lesen Sie an anderer Stelle dieser Publikation.

Zurück zum Garrard 501, zu Loricraft und den Überzeugungstätern. Nigel Pearson zum Beispiel liefert als profunder Elektronik- und Stromexperte seit 15 Jahren entscheidende Impulse, um das Herzstück eines Garrards, die Motor/Antriebs-Einheit, in noch ruhigerer Gleichmäßigkeit schlagen zu lassen. Terry O’Sullivan wiederum kann auf eine ebenso enge wie persönliche Bindung zu Garrard zurückblicken; er verkörpert quasi die Verbindung zwischen Garrard alt und Garrard neu.

Die Firmengeschichte von Garrard lässt sich übrigens bis ins Jahr 1721 (!) zurückverfolgen. Damals wurden Garrard & Company offiziell mit der Pflege der Britischen Kronjuwelen samt Königskrone betraut; eine prestigeträchtige und verantwortungsvolle Aufgabe, die beachtliche Materialkenntnis und feinmechanisches Talent voraussetzt. Rund zwei Jahrhunderte zogen ins Land, in denen Garrard auch in­ternational den Ruf eines Spezialisten für an­spruchsvolles Ge­schmeide und erstklassigen Ser­vice erlangte.

Zu Beginn des 1. Weltkriegs erhielt die Firma vom Staat den Auftrag, spezielle Entfernungsmesser für die Artillerie zu bauen. Garrard, Abteilung Kronjuwelen, gründete daraufhin ein eigenes Ingenieurbüro. Nach dem Krieg widmete sich The Garrard Engineering and Manufacturing Company Ltd. dann zivilen Dingen, etwa der Grammophontechnik oder den aufkommenden Plattenspielern, und zwar mit enormem Erfolg. Man entwickelte unter anderem Linear­antriebe, die mit Federkraft und Strom funktionierten, fertigte diverse Plattenwechsler und, extra für die USA, sogar ein Modell, das beide Seiten einer Schallplatte automatisch nacheinander abspielen konnte. 1954, in den frühen Jahren der High Fidelity, brachte Garrard einen stu­diotauglichen Plattenspieler namens 301 heraus; der Nachfolger 401 kam 1965. Mit beiden Modellen gelangte Garrard endgültig zu Ruhm und Ehre, aber auch zu beträchtlichen Stückzahlen, die in die Zigtausende gingen. 301 und 401 besaßen neben dem da­mals üblichen Reib­radantrieb ein extrem präzises und langlebiges Tellerlager, das auch nach 50 Jahren noch zu gebrauchen sein sollte und in seiner Grundform auch im 501 zum Einsatz kommt.

Mit Erscheinen des Modells 301 war auch der junge Terry O’Sullivan – von familiärer Seite schon früh an Feinmechanik herangeführt – von Garrard begeistert. Als er sich seine Träume in Form eines 301, später eines 401 erfüllen konnte, holte er diese direkt aus dem Werk in Swindon ab. Bei diesen Gelegenheiten stellte er bereits erste intensive Kontakte zu entscheidenden Ingenieuren und Fachleuten her – was sich ein paar Jahrzehnte später als äußerst wertvoll herausstellen sollte. In den Siebzigern begann O’Sullivan sogar, eigene Motorplatten für seine Lieblingslaufwerke zu fertigen. Und wie bitter muss es für den 100-prozentigen Fan gewesen sein, als Garrards Bilanzkurve zum Sinkflug ansetzte. Die angeschlagene Firma wurde 1979 schließlich an Gradiente Electronica of Brazil verkauft; das weiterhin in England verbliebene Entwicklungsbüro hielt noch bis 1995 durch.

Hausbesuch Dr. Garrard: Jeder 501 wird penibel vom Fachhändler beim Kunden installiert; hier ein Teil des Justage-Equipments von Miss Schoener. Stroboskop-Lampe und (eine kleinere) Stroboskop-Scheibe sind serienmäßig

Dennoch hat Terry O’Sullivan den guten Kon­­takt zu Garrard-Eigentümern, -Ingenieuren und -Spezialisten immer aufrechterhalten, auch in besonders schlechten Zeiten. Mit seiner Hartnäckigkeit und schier unglaublichem persönlichen Einsatz gelang es O’Sullivan schließlich sogar, den glanzvollen alten Namen von den Brasilianern zurückzukaufen. Er wollte Garrard wieder aufleben lassen: viel kleiner, viel feiner – und mit einem neuen Modell, das wie die berühmten 301 und 401 analoge Maßstäbe setzen sollte. Anstatt das ganze Know-how der alten Meis­ter womöglich für immer verloren zu geben, wollte Terry O’Sullivan deren gesammeltes Können und Wissen zu einem neuen Höhepunkt des Plattenspielerbaus verschmelzen und um neue Materialien, Techniken und Erkenntnisse ergänzen – sofern sich daraus klangliche Vorteile ergeben würden. Der 501 sollte der Plattenspieler werden, den Garrard sich in glanzvollen Zeiten wohl erträumt hätte. Doch kann sich die Realität auch mit den himmelstürmerischen Visionen messen?

In puncto Optik lässt sich darüber trefflich streiten. Oder auch nicht. Denn ein 501 schaut zunächst einmal völlig unspektakulär aus der Zarge. Wie ein klassischer Plattenspieler, direkt den early heydays der High Fidelity entsprungen. Nicht antiquiert, aber auch nicht mo­dern.  Kein hässliches Entlein, aber auch kein ultimatives Designerstück zum Niederknien. Von imposanter Größe, aber nicht protzig. Und unverkennbar britisch – Rolls-Royce oder Bentley hätten das Empire-Outfit kaum typischer hinbekommen können.

Ein 501 verkörpert das Idealbild eines Laufwerks alter Schule: Holzrahmen, Plattenteller, Schalter – fertig. Lackierung und Zargenholz werden nach individueller Bestellung ausgeführt, Tonarm und System nach Wunsch des Kunden montiert …

… und schon sind wir mittendrin in der Erklärung, was den 501 wohl so exorbitant teuer macht. Sie lautet in Kurzform: Jeder 501 ist ein Einzelstück, sorgfältig von Meisterhand gemacht, ein technisches Kunstwerk nach bester alter Tradition. (Nur mit dem strapa­zierten Begriff „retro“ tut man sich bei Garrard außerordentlich schwer – wir werden bald ­erfahren, warum.) Wer einen 501 bestellt, bekommt ein Unikat, exakt auf seine Wünsche zugeschnitten. Die Zarge aus kanadischem Ahorn mit einer Motorplatte in British Racing Green? Zebranoholz mit Zartrosé-Metallic? Kirschbaum und Königsblau? Alles kein Problem. Interessenten sollten nur ein wenig Geduld mitbringen. Denn Unikate entstehen nicht über Nacht. Sie haben Lieferzeiten. Beim Garrard 501 Evolution sind das in der Regel drei Monate, in denen die Zarge reift, der Lack trocknet und nur die allerbes­ten mechanischen Präzisionsteile zueinanderfinden.

Martina Schöner kann glaubhaft versichern, dass man bei Loricraft nichts, aber auch gar nichts unversucht lässt, um die Performance immer weiter zu optimieren. Man stehe höchstpersönlich für das Ergebnis gerade, habe also nicht das geringste Interesse, sich in ir­gendeiner Form zu blamieren. 20 Jahre Garantie sind da schon mal ein brauchbarer Hinweis. (Tatsächlich habe ich noch niemanden in der HiFi-Branche getroffen, der seine Musikmaschine mit noch mehr persönlichem Enthusiasmus vertritt als das Loricraft-Trio.)

Theoretisch stünde sogar das grundsätzliche Konzept mit Reibradantrieb, Plattenteller-Flachlager und elektronisch gesteuertem Aeroflux-Motor zur Diskussion – sofern sich daraus eine Verbesserung der Performance im Gar­rard’schen Sinne ergäbe. Vor diesem wachen, ideologisch überraschend offenen Hintergrund werden auch einigermaßen schrullige Ideen verständlich, mit denen der 501 gespickt ist. Etwa die sechs Squashbälle, die für die perfekte Entkopplung des Motorboards von der Zarge sorgen sollen. Dank gewitzter Positionierung spielt keineswegs das Gummi der Bälle die entscheidende Rolle, sondern ausschließlich deren Luftvolumen. Der 501 besitzt somit eine – zugegeben spezielle – Luftlagerung und reagiert ausgesprochen unempfindlich auf seine Standfläche, sofern die nur stabil genug ist.

Eyecatcher: Schon die Basis des Golden-Gate-Tonarms ist ein echter Hingucker. Zwei seitliche „Wannen“ bedämpfen das Einpunktlager-Design, ein Feingewinde schraubt den breiten Lift in die Höhe

Dennoch haben sich in den letzten Jahren auch bei der Zarge Detailverbesserungen ergeben. So sind die vier Ecken des 501 Evolution mit Schaumdreiecken von Fast Audio be­stückt, die dem Helmholtzresonatoreffekt entgegenwirken. Dass sie im konkreten Fall wie handgeschnitten wirken, hat damit zu tun, dass sie handgeschnitten sind. Bei diesem weit ge­reisten, zigfach auseinander- und wieder zu­sammengeschraubten Demomodell spielt die Optik im Inneren eher eine Nebenrolle – it’s work in progress, you know …

Auf insgesamt drei Ebenen sind Akustik­elemente von Acous­tic System angebracht: ganz unten vier höhenverstellbare Füße, darüber zwei spezielle Elemente, ein Interface innerhalb der Zarge und ein Diffusor offen sichtbar auf der Motorplatte. Letzteres mag den einen oder anderen ein wenig irritieren (zum Beispiel mich), macht sich aber klanglich durchaus positiv bemerkbar, genauso wie das Tonarm­board aus hochdämmendem, entkoppelndem RDC, das ganz nebenbei den Tonarmwechsel beim 501 zu einer Fünf-Minuten-Sache macht.

Die unscheinbare doppellagige Tellermatte schließlich besteht – nein, eben nicht aus Kork, sondern aus einem komplexen, per Hand geschliffenen Kunststoff-Gemenge, das in der Industrie schwere Maschinen vom Hallenboden entkoppelt. Die Matte ist bei Loricraft auch solo als Zubehör erhältlich und soll auch schon so manchen Linn, Thorens und sogar Rega klanglich nach vorn gebracht haben.

Mittlerweile hat Loricraft auch die perfekten Schmierstoffe für Teller- und Motorlager gefunden – in Zusammenarbeit mit ausgewiesenen High­tech-Experten, zu denen man freundschaftlich-professionelle Beziehungen unterhält, von Professoren der Universität Oxford über Forschungslabore der Ölindustrie bis zu Formel-1-Rennställen. Gemeinsam fand man heraus, dass für das langsam drehende Flachlager ein extrem monomeres Öl ohne Zusätze optimal ist, weil dessen Schmierfilm selbst in dieser „kalten“ Umgebung fein genug ist und noch nicht reißt. Eine genaue Bezeichnung ist Loricraft indes nicht zu entlocken: Betriebsgeheimnis … Für den Motor des 501 erklärt man hingegen freimütig das ZX1 Extralube als ideal. Dieser Motoröl-Zusatz enthält nur „Radikale“ und keine Partikel, hat somit kei­nerlei Schmirgeleffekt – und war ursprünglich ein Tipp von „Bob, dem Autotuner“. Der Freund des Hauses verhilft unter anderem auch betagten Wankelmotoren zu irrwitzigen Leis­tungen, was den Verdacht nahelegt, Kreiskolben-Bob kenne sich schon aus diesem Grund mit Hochleistungs-Schmierstoffen aus.

Separat: Netzteil und Motorsteuerung des 501 Evolution. Für einen Test des Golden-Gate-Tonarms von Randolph Hedgebeth reichte leider die Zeit nicht mehr – doch den einzigartigen Anblick wollen wir Ihnen nicht vorenthalten

Alle Anstrengungen in puncto Mechanik und Schmierstoffe sind jedoch nur die Hälfte wert, wenn die elektrische Ansteuerung nicht ebenso perfekt ist; Reibrad und Motor des 501 reagieren unmissverständlich auf jede Art Unsauberkeit, auch elektrische. An dieser elementaren Stelle hat Nigel Pearson Großartiges geschaffen. Das externe Netzteil arbeitet ultrastabil und liefert saubersten Strom, während das externe Steuerteil die drei Geschwindigkeiten (33/45/78 U/min) per Präzisions-Oszillator generiert und sich mittels 10-Gang-Spindeltrimmer traumhaft genau justieren lässt; das serienmäßig mitgelieferte Stroboskop wirkt dann wie festgenagelt. Und wer auch nur spaßeshalber versucht, den laufenden Plattenteller an den beiden außen eingelassenen Gummiringen abzubremsen, wird eigenhändig die Power des Antriebs erleben. Es soll sogar Leute geben, die davon träumen …

Die Verquickung von individuellem Kunstwerk und technischer Meisterleistung durchzieht die Entstehung eines jeden Garrard 501 bis ins allerletzte Schräubchen, bis ins winzigste Detail. Es ist Loricrafts Ringen um Indivi­dualität auf extremem Niveau: Die Qualitäts-Ansprüche sind derart hoch, die Stückzahlen derart niedrig, dass die Idee eines Sonderangebots prinzipiell undenkbar ist. Und doch bietet Loricraft etwas Ähnliches: Den 501 gibt es auch im Set mit einer Loricraft-Plattenwasch­maschine, und zwar im Partner-Outfit – mit gleicher Zarge und gleichem Lack – zum güns­ti­geren Paketpreis. Doch wird kaum die Ersparnis von ein paar Hundert Euro das Ent­­schei­dende sein, sondern vielmehr die Aussicht, dem Plattenspieler für die Ewigkeit eine auch optisch perfekt passende Servicekraft zur Seite zu stellen.

Für meinen Test verzichte ich auf die Profi-Waschmaschine, aber nur aus Platzgründen. Etwas abseits wärmen sich Netzteil und Steuerung in aller Ruhe auf und warten auf Befehle, während der 501 sich neben meinem Well Tempered Reference wichtigmacht und diesen zu einer Art Kinderspielzeug degradiert. Denn ein Garrard 501 ist groß, wirklich imposant groß. Haben Sie schon mal einen Rolls-Royce neben einer Mercedes S-Klasse parken sehen? Genau so ist es.

Ich steige ein. Lege die erste Platte auf und drehe diesen fetten, großen, urmechanischen Einschaltknopf. Innen klackt es dumpfsatt und der einigermaßen schwere Teller (rund 2,5 Kilo) läuft – aber nicht gemütlich hoch, sondern praktisch sofort auf Nenngeschwindigkeit. Ein Profiwerkzeug, unverkennbar.

Den ersten klanglichen Eindruck gewinne ich mit dem Tonarm The Conqueror von Origin Live, an dem ein gut eingespieltes Lyra Helikon montiert ist. Und der erste Eindruck ist: grandios! Keine Spur von beschönigendem, muffigem oder sonstwie zweifelhaftem „Retro“, und nicht einmal ein Hauch irgendwelcher Störgeräusche, einfach Musik – und zwar die volle Ladung! Es ist unmissverständlich ein großes, mächtiges Klangbild, das der 501 mit Lust und Laune entwirft. Dennoch überfährt er einen nicht mit monströser Gewalt, sondern musiziert mit einladender, mitreißender Kraft, wirkt musikalisch höchst involvierend. Klangfarben leuchten wunderbar intensiv. Konturen sind randscharf und mit viel Luft um die Instrumente ausgestattet. Dynamische Attacken entspringen ansatzlos und schwarz, der 501 folgt den Kraftlinien leichtfüßig und doch überaus nachdrücklich. Atmosphärische De­tails und Fundamentalbass, Raumillusion und bühnenhafte Staffelung, Sprachverständlichkeit und Durchhörbarkeit komplexer Strukturen – das ist die ganz hohe Schule, die der große Garrard aus dem Effeff beherrscht. Kurz, der 501 liefert in den klassischen High-End-Disziplinen schlicht­weg das ab, was man zu diesem Preis mit Fug und Recht auch verlangen darf: ein großartiges, allumfassendes Klangerlebnis zum Reinbeißen – ohne Platz für Meckereien.

Doch das ist noch nicht alles. Was mit dem Garrard unmittelbar spürbar wird, ist seine unglaubliche Kraft, die in ihm und somit auch in seiner Musikwiedergabe steckt. Ist das rein physische Erlebnis eines bärenstarken Motors vielleicht auch nicht jedermanns Sache – es fällt schwer, sich diesem innewohnenden verführerischen Drive auf klanglicher Ebene zu entziehen. Dieser nachdrückliche, niemals zur Schau gestellte Schub in jeder musikalischen Situation. Dieser unwiderstehliche Drang nach vorn, ohne jemals auch nur einen Hauch zu hetzen. Dieser Groove, der immer aus der Musik heraus entsteht, der den wahren Rhythmus der Musik offenlegt, ihm absolut mühelos zu folgen in der Lage ist. Diese 100-prozentige Temposicherheit – ich bin begeistert und lege eine Scheibe nach der anderen auf.

Eine knallbunte Mixtur verschiedenster Stile und Press­qualitäten landet auf dem Teller; einerseits um herauszufinden, ob der 501 gewisse musikalische oder produktionstechnische Vorlieben hegt, andererseits für das persönliche Vergnügen. Die äußerst gehaltvolle Mischkost spannt sich von den Rolling Stones (Some Girls, EMI 1C064-61016) bis zu flippigen Sound­collagen der Propellerheads (Decks­anddrumsandrockandroll, Wall Of Sounds LP015) oder den Beastie Boys (Paul’s Boutique, Capitol 7917431), von Carl Maria von Webers Freischütz (Staatskapelle Dresden unter Carlos Kleiber, DGG 2720071) bis zum wütenden Trash­rock Steve Albinis (Shellac At Action Park, Shellac Record #4), von Regatta De Blanc und Synchronicity von The Police (A&M 64792 und 393735-1) bis Careless Love von Madeleine Peyroux (MFSL 1-284), von Bert Kaempferts Four Hits On 45 (image hifi LP 007) bis hin zu zweifelhaft produziertem Hardrock (AC/DC: Dirty Deeds Done Dirt Cheap, ATL50323). Sogar die überzuckerten Weinerlinge von Supertramp krame ich wieder hervor (Crime Of The Century, A&M 393647-1) und inhaliere gleich danach eine Portion schrägen Duo-Jazz mit Saxophon und Kontrabass (Archie Shepp & Niels-Henning Ørsted Pedersen, Looking At Bird, Steeple Chase SCS-1149). Als Dessert? Tom Waits, querbeet. Und weil’s gar so gut schmeckt, hänge ich noch eine komplette 5-LP-Box von Ella Fitzgerald hintendran (E.F. Sings The George & Ira Gershwin Song Book, Verve MG VS-6082-5) – alle zehn Seiten am Stück!

Was macht der 501 mit mir? Er freut sich, so scheint’s, über die abwechslungsreiche Kost und zieht, ohne auch nur die Spur mit dem Reibrad zu zucken, voll durch. Seine vorwärtsdrängende Souveränität steckt an, reißt mit, immer wieder raus aus dem Sofa, hin zum Plattenregal. Das Laufwerk versprüht dabei exemplarische innere Ruhe, ist aber gleichwohl mit einem sportlichen, unmittelbaren Temperament gesegnet, zeigt Muskeln an den richtigen Stellen, öffnet das große Fenster zu jeder Art von Musik, lässt frische Luft und Freiheit hinein. Und ich verstehe: „Retro“ ist anders, völlig anders. Das hier ist allerfeinste Jetztzeit.

Der Garrard 501 bewegt sich außerhalb, nein: oberhalb gängiger High-End-Kriterien. Eine Musikmaschine fürs Leben, ein Juwel klassischer britischer Handwerkskunst – unvergleichlich und teuer, aber jeden Penny wert.

Produktinfo

Laufwerk Garrard 501 Evolution

Funktionsprinzip: Laufwerk mit Reibradantrieb

Geschwindigkeiten: 331/3, 45, 78 U/min

Ausstattung: externes Netzteil, externe Motorsteuerung mit Geschwindigkeits-Feinregulierung; Platten­tellerauflage aus handgeschliffenem Verbundmaterial, Stroboskop-Scheibe und -Lampe, diverse Resonanz­dämpfungen von Fast Audio und Acoustic System ­serienmäßig; Staubschutzhaube optional; Bestückung mit Tonarm und ­Tonab­nehmer nach Kundenwunsch

Ausführungen: individuelle Einzelanfertigung; ­Zarge aus Massivholz, Motorplatte aus lackiertem MDF, Tonarm­board aus RDC, Ausführungen nach Wunsch (Modell 501 Inspiration mit Motor und Motorplatte aus ­Edelstahl)

Besonderheiten: Zentrifugalmotor mit Luftlager; ­Installation des 501 vor Ort durch Garrard/Loricraft ­obligatorisch; Laufwerk im Set mit Plattenwasch­maschine ­Loricraft PRC 4 Deluxe zum Sonderpreis

Maße Laufwerk ohne Tonarm (B/H/T): 56/21/48 cm

Maße Netzteil (B/H/T): 18/11/44 cm

Maße Motorsteuerung (B/H/T): 18/6/24 cm

Gewicht Laufwerk: 22 kg

Gewicht Netzteil + Motorsteuerung: 11 kg

Garantiezeit: 20 Jahre

Preis: ab 14500 Euro ohne Tonarm/Tonabnehmer (Testmodell: Kirschholz mit Lack in Königsblau; bestückt mit Tonarm Origin Live The Conqueror und MC-­System Lyra Helikon: 23000 Euro; mit Golden Gate ­Tonearm und Jan Allaerts MC1B Mk II: 21000 Euro); Mehrpreis für Modell 501 Inspiration: 4000 Euro

Kontakt

www.loricraftaudio.com