Tonabnehmer EMT JSD 5 und JSD 6
Eine Tonabnehmerlegende wird zum Geburtstag herausgeputzt
Text von: Dirk Sommer
Es dürfte so gut wie niemanden geben, der noch nie eine von einem EMT reproduzierte Schallplatte gehört hat: Die Tonabnehmer aus Lahr waren der Standard in deutschen Funkhäusern. Zum 66-jährigen Firmenbestehen gibt es nun zwei High-End-Varianten.
Seit 1950 fertigt die Firma EMT Plattenspieler für den Rundfunk. Die ersten Modelle trugen die Bezeichnungen R35 und R80. Ihr Nachfolger war der in Sammlerkreisen noch heute hoch geschätzte – und gehandelte – 927. Dieser wurde ebenso wie der 1956 eingeführte EMT 930 mit dem von Ortofon bezogenen Mono Pickup Type C ausgeliefert. Zum Jahreswechsel 1959/60 begann dann dessen Lizenzfertigung bei EMT, wobei aber gleich einige Detailverbesserungen einflossen, die der Wiedergabe von Mikrorillen-Langspielplatten zugutekamen: Der Frequenzgang wurde erweitert, die Verzerrungen verringert und die Auflagekraft konnte gesenkt werden. Die Baureihe umfasste Systeme mit Saphir- und Diamantnadeln verschiedener Verrundungen und firmierte unter dem Kürzel „OF“. Bis 1988 waren die Generatoren in Kunststoffgehäusen mit einer runden Lupe montiert, danach erhielten sie dieselbe Leichtmetall-Verpackung wie die T-Serie. Die klassischen Mono-Abtaster, die ausschließlich horizontale Auslenkungen (Seitenschrift) auswerten, sind noch heute auf Bestellung lieferbar.

Die Unterschiede zwischen den beiden Systemen offenbaren sich nur unter einem Mikroskop: Bis auf den Nadelschliff – Gyger S oder Super Fineline – sind sie identisch
Die ersten Stereo-„Tondosen“, wie die Systeme EMT-intern genannt werden, bot man 1958 an. Die DST 61 respektive 62 wurden von der Firma Georg Neumann zugekauft. Etwas mehr als ein Jahr nach der Aufnahme der Lizenzproduktion der Mono-Tonabnehmer konnte man dann die erste Eigenentwicklung vorstellen: die Stereo-Tondose TSD 12K. Diese wurde 1965 von der TSD 15 abgelöst, die mit einem völlig neuen Dämpfungssystem, einem vertikalen Spurwinkel von 15 Grad und einer sphärischen Nadel mit einer Verrundung von 15 Mikrometer aufwarten konnte.
Ende 1966, Anfang 1967 verlagerte man die Produktion der Tonabnehmer schließlich in das EMT-Gerätewerk in Lahr. Dort bekam die T-Serie, die inzwischen auch Mono-Abtaster für Mikrorillen- und Schellack-Platten umfasste, ein neues Kleid: das heute noch im Profibereich verwendete Gehäuse aus Aludruckguss mit der großen eckigen Lupe. Der Generator selbst wurde in einen Leichtmetall-Systemkörper montiert, der eine genauere Justage im Gehäuse erlaubte. Bis auf einige Detailverbesserungen sind die aktuellen Rundfunkvarianten mit diesem Urmodell identisch.
Erst ab Mitte der 70er Jahre nahm EMT auch den gehobenen HiFi-Markt ganz vorsichtig ins Visier – wohl eher, weil man sich der starken Nachfrage dieser Klientel nicht länger verschließen konnte, als aufgrund eigener Marketing-Konzepte. Man präsentierte das XSD 15, das dank leichter mechanischer Modifikationen in Tonarmen mit SME-Anschluss eingesetzt werden konnte, und stellte auch für Thorens entsprechende Abtaster her. Den allerbesten Ruf genoss in HiFi-Kreisen Ende der 70er eine Variante: die TSD 15 mit der von Dr. Weintz entwickelten Paroc-Nadel. Ab 1984 setzten die Spezialisten in Lahr den vertikalen Spurwinkel auf 23 Grad herauf und nahmen ein Modell mit Super-Fineline-Diamant ins Lieferprogramm auf. Im Jahre 1992 war es dann endlich so weit: EMT spendierte dem bestens bewährten Generator der TSD 15 mit Super-Fineline-Nadel ein Gehäuse mit der bei Tonarmen üblichen Halbzoll-Befestigung: Der erste EMT-Tonabnehmer speziell für HiFi-Anwendungen kam in die Läden der Fachhändler.
Ich bin ganz gewiss nicht in der Lage, auch nur ansatzweise objektiv über EMT-Systeme zu berichten – dafür sind meine persönlichen Erfahrungen mit dem bassgewaltigen Abtaster einfach viel zu umfangreich – und positiv. Lange bevor ich auch nur im Traum daran dachte, den eigenen Musikgenuss zum Broterwerb zu instrumentalisieren, habe ich mich ganz privat für die Systeme aus Lahr entschieden. Ich suchte einen adäquaten Spielpartner für das in den Semesterferien natürlich in einem HiFi-Laden erarbeitete Audiolabor-Konstant-Laufwerk, konnte mir aber die vom Hersteller favorisierte Breuer-Tonarm/Tonabnehmer-Kombination beim besten Willen nicht auch noch leisten. Was lag da näher, als es einmal mit einem EMT zu versuchen, das ja auch die Ausgangsbasis für die von Breuer gefertigte Pretiose darstellte? Da mich weder ein EMT- noch ein SME-Arm besonders reizten, benötigte ich einen Abstaster mit Standardbefestigung: So folgte ich dem Beispiel vieler kostenbewusster Analogfans und bestellte ein ausgesprochen preiswertes TSD 15, um den Generator daraus auszubauen. Man musste „nur“ die dünne Metallplatte an der Unterseite der Tondose vorsichtig aushebeln, vier Drähte ablöten und zwei kleine Schrauben lösen, und schon hielt man den unverkleideten Generator in Händen. Die beiden Schräubchen, mit denen er in seinem Gehäuse befestigt war, befanden sich bestimmt nicht zufällig in einem Abstand von exakt einem halben Zoll, so dass das „nackte“ System problemlos in einem handelsüblichen Tonarm einzubauen war.
Diese ebenso schweißtreibende wie nervenzehrende Prozedur habe ich so einige Male auf mich genommen, denn von 1981 bis zur Mitte der 90er habe ich fast ausschließlich EMT-Systeme gehört. Selbstverständlich habe ich in der Zeit alle anderen Tonabnehmer, deren ich habhaft werden konnnte, ausprobiert. Aber für mich hatten sie keine Chance gegen die aus den Tondosen ausgebauten Generatoren mit Paroc- und später Van-den-Hul-Nadel oder auch gegen das Roksan Shiraz, bei dem der EMT-Generator mit drei Spikes in einem Minimal-Gehäuse fixiert wird. Erst als ich durch meine Tätigkeit als HiFi-Autor Zugriff auf deutlich teurere Tonabnehmer hatte, ließ ich mich von deren Detailflut und ausladender Raumdarstellung bezaubern. In diesen Disziplinen hatten die Rundfunk-EMTs schon immer leichte Defizite, die dank der kraftvollen Tiefbasswiedergabe, der packenden Dynamik und der Plastizität der Abbildung aber schnell in Vergessenheit gerieten.
Die genannten Stärken und Schwächen machten die Tondosen nicht nur für Herrn Breuer, sondern auch für eine ganze Reihe weiterer Entwickler zum begehrten Objekt: Helmut Brinkmann, Volker Bohlmeier von Tubaphon/Einstein, Touraj Moghaddam von Roksan und allen voran Aalt van den Hul versuchten, dem Arbeitspferd des Rundfunks mehr Auflösung abzuringen. Spulen und Magnete, die für die für einen MC-Tonabnehmer ungewöhnlich hohe Ausgangsspannung von fast einem Millivolt bei einer Schnelle von fünf Zentimetern pro Sekunde sorgen, blieben meist unverändert. Der Schliff der Nadel und ihr Träger, der beim Original aus Aluminium besteht, drängten sich hingegen als Experimentierfeld geradezu auf. Zu Paroc-, Super-Fineline- und den Van-den-Hul-Formen kam später noch die Gyger-S-Variante hinzu. Der Teil des Nadelträgers, auf dem die Spulen sitzen, verblieb in den meisten Fällen an seiner angestammten Stelle. Das Aluminiumröhrchen wurde kurz nach dem Spulenträger abgetrennt und ein Borstäbchen mit der Nadel in die so entstandene Öffnung hineingeschoben. Auch das mehr oder weniger zu Resonanzen neigende Gehäuse wurde vielfach modifiziert.
EMT hat nun das 66-jährige Firmenjubiläum zum Anlass genommen, selbst zwei weitere Varianten des Klassikers zu entwickeln. Man entschied sich für ein halb offenes Gehäuse aus einer speziellen Aluminiumlegierung, das den Blick auf den vergoldeten Generatorblock freilässt. Als Nadelträger dient das gekürzte Aluröhrchen mit eingestecktem Bor-Stäbchen, und bei den Nadeln hat man die Wahl zwischen dem Gyger-S-Schliff im JSD 5 und der Super-Fineline-Form im JSD 6. Statt der charakteristischen Kufen rechts und links des Nadelträgers, die zumindest bei allzu heftigem Kontakt des Abstasters mit der Schallplatte bei der TSD 15 einen gewissen Schutz boten, besitzen die JSDs über dem Nadelträger ein vergoldetes Plättchen, das das zielgenaue Aufsetzen der Nadel erleichtert und außerdem zum eleganten Erscheinungsbild der Jubiläumsmodelle beiträgt. Die schmucklose Plastikbox mit ihrem an eine Wurst-Plombe erinnernden Siegel musste einem ebenso schmucken wie funktionalen Holzkästchen mit Metallbeplankung weichen. EMT hat sich bestens auf die Gepflogenheiten des High-End-Marktes eingestellt.
Schon beim Test des fantastischen Graham-Armes konnte ein spätes Vorserienmodell des JSD 5 meine frühere Begeisterung für EMTs wieder neu entfachen. Dass ich der neuen Variante wohl in einem Anflug von Nostalgie eine „Dampfhammerdynamik“ attestierte, erscheint mir heute, wo das mit den Serienversionen technisch völlig identische System bestens eingespielt ist, nicht mehr ganz fair, klingt in dem Begriff doch zumindest unterschwellig eine gewisse Grobschlächtigkeit an. Und der kann man die Jubiläumsausgabe keinesfalls zeihen: Auch wenn die vererbten Gene zum Glück noch immer deutlich herauszuhören sind, spielt das aktuelle System um einiges differenzierter, filigraner und geschmeidiger – fast möchte ich sagen: eleganter – als seine illustren Vorgänger. Das felsenfeste Bassfundament und der angenehm füllige Grundtonbereich zählen noch immer zum Besten, was in diesen Disziplinen überhaupt zu bekommen ist. Sie sind nicht mehr so dominant wie bei den Standard-EMTs, sondern sehr viel besser in die gesamte tonale Abstimmung integriert.
Was die Dynamik anbelangt, waren die Studio-Tonabnehmer ja noch nie Kinder von Traurigkeit. Daran hat sich erfreulicherweise auch bei den High-End-Versionen nicht das Geringste geändert. Mir fällt auch bei längerem Nachsinnen kein anderer Abtaster – wie teuer er auch immer sein mag – ein, der die JSDs in dieser Disziplin mal eben abhängen könnte. Egal, ob Jonas Hellborgs entfesselter E-Bass auf Elegant Punk, ob Dick Schorys immer wieder packendes Perkussions-Spektakel auf Bang, Baa-room and Harp oder eine der übrigen Testscheiben, die von der Schnelligkeit und dem Druck eines Tonabnehmers leben: Die JSDs machten sie alle zu einem packenden Erlebnis, was aber bei Derivaten der Tondose ja auch nicht anders zu erwarten war.
Eine wirkliche Überraschung stellte hingegen die sehr weitläufige Raumdarstellung der EMTs dar: Sie erzeugten bei den entsprechenden Scheiben die Illusion einer enorm breiten Bühne. In dieser Dimension reichten sie gar an die superben Leistungen eines Clearaudio Goldfingers oder eines Lyra Olympos heran, die lediglich in puncto Tiefenstaffelung ihre Sonderstellung behaupten konnten. Wenn meine Erinnerung mir keinen Streich spielt, habe ich nie eine überzeugendere dreidimensionale Abbildung einer EMT-Variante gehört als die des JSD 5.
Die Numero 5 erwähne ich übrigens nicht nur deshalb häufiger, weil sie deutlich früher bei mir eintraf und ich deshalb über einen längeren Zeitraum mit ihr Erfahrungen sammeln konnte. Schon beim Test des TU-3 von Einstein vor mehr als sechs Jahren hatte ich die Typen mit Super-Fineline- und Gyger-S-Nadel miteinander verglichen und das Modell mit Letzterer eindeutig favorisiert: Der „schärfere“ Schliff entlockte der Platte noch ein paar ganz feine Details und damit auch Rauminformationen mehr. Die minimal geringere Masse erlaubt zudem noch etwas bessere Beschleunigungswerte. Bei neuen oder perfekt gepflegten Scheiben fällt die Entscheidung daher nicht schwer. Wer sich aber vorrangig auf dem Secondhand-Markt bedient, wird in vielen Fällen wohl nicht gar so genau über den Erhaltungszustand der gerade abgespielten Platten informiert werden wollen, wie das JSD 5 es tut. Da ist dann die Nummer 6 mit ihrem „gnädigeren“ Schliff die bessere Wahl. Selbst eine Gegenüberstellung der beiden JSDs in unterschiedlichen, aber in beiden Fällen sehr hochwertigen Tonarmen – ein Brinkmann 12.1 und ein Triplanar 8 – macht schnell klar, dass zwischen den beiden Tonabnehmer-Varianten keine Welten liegen. All die positiven Aussagen über das JSD 5 gelten zu über 90 Prozent auch für das Sechser, das vor allem für historisches Plattenmaterial oder in sehr analytischen Ketten zu bevorzugen ist.
Nun gut, ich muss zugeben einige Abtaster zu kennen, die mit noch etwas satteren Klangfarben oberhalb des Grundtonbereiches, minimal tieferen imaginären Bühnen und dem ein oder anderen zusätzlichen Detail beeindrucken – dafür aber auch ein Mehrfaches des Preises kosten, den man für eines der EMTs zu entrichten hat. Genauso wahr ist aber, dass die JSDs – und nach meinem Dafürhalten ganz besonders die Numero 5 – selbst reichlich verwöhnte Ohren für lange Zeit wunschlos glücklich machen können. Herzlichen Glückwunsch zu diesem Jubiläum.
Produktinfo
Tonabnehmer JSD 5
Funktionsprinzip: Moving Coil (MC)
Nadelschliff: Gyger S
Nadelnachgiebigkeit: 15 mm/N
Ausgangsspannung: 1 mV bei 5 cm/sec
Empfohlener Abschlusswiderstand: >100 Ω
Empfohlene Auflagekraft: 2,2–2,5 mN
Gewicht: 11 g
Garantiezeit: 2 Jahre
Preis: 1950 Euro
Tonabnehmer JSD 6
Funktionsprinzip: Moving Coil (MC)
Nadelschliff: Super Fineline
Nadelnachgiebigkeit: 15 mm/N
Ausgangsspannung: 1 mV bei 5 cm/sec
Empfohlener Abschlusswiderstand: >100 Ω
Empfohlene Auflagekraft: 2,2–2,5 mN
Gewicht: 11 g
Garantiezeit: 2 Jahre
Preis: 1850 Euro
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