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Emil und die Alternative

Text von: Cai Brockmann

1589 versucht der italienische Physiker Porta, einen uralten Menschheitstraum umzusetzen: Er will gesprochene Worte in einem Behälter aufbewahren, den Behälter wieder öffnen und die Worte hören.

1777: In den Wunderbaren Reisen des Freiherrn von Münch­hausen fabuliert Gottfried August Bürger von einem Posthorn, das in der warmen Stube zuvor eingefrorene Töne – vom Postillon in eisiger Kälte hineingeblasen – wieder erklingen lässt.

Ganz handfest beschreibt 1807 der englische Gelehrte Thomas Young, wie er Töne als Kurvenschrieb auf einem Zylinder zumindest sichtbar machen will. 50 Jahre später gelingt Édouard-Léon Scott de Martin­ville dieses Vorhaben tatsächlich. Allerdings: Für die hörbare Wiedergabe der aufgezeichneten Schwingungen ist auch dieses Prinzip nicht geeignet.

Charles Cros hätte es fast geschafft. Der französische Autor und Erfinder formuliert im April 1877 ein Verfahren, um Schallwellen aufzuzeichnen und wiederzugeben. In seinen Ausführungen nimmt er wesentliche Konstruktionsmerkmale von Phonograph und Grammophon vorweg. Charles Cros reicht sein Papier bei der Naturwissenschaftlichen Akademie in Paris ein und setzt seine Suche nach Sponsoren und talentierten Feinmechanikern fort. Vergeblich.

Denn bevor Monsieur Cros seine Theorie in die Praxis umsetzen kann, sagt jemand „hello“. Genauer: Ein ge­wisser Thomas Alva Edison brüllt „Hello!“ in einen Trichter, die Schallwellen werden auf einer rotierenden Walze mechanisch konserviert und können wieder abgespielt werden. Am 18. Juli 1877 ist Edison der erste Mensch, der eine Schallaufzeichnung seiner eigenen Stimme hört. Kurz darauf erhält er für seinen Phonographen das Patent – eins von über 1000 des erfindungsreichen, aber auch äußerst geschäfts­tüchtigen Mannes. Zum ganz großen kommerziellen Hit wird der sensationelle Phonograph allerdings nicht; Kopien eines Tonträgers lassen sich zunächst überhaupt nicht, später nur mit irrwitzigem Aufwand anfertigen.

Ein Deutscher bringt die Sache 1888 auf den Punkt, bringt den Schall auf die Scheibe: Emil Berliner. Der pfiffige Mann aus Hannover entwickelt in den USA einen Apparat, der Edisons Phonographen nicht unähnlich ist. Doch als Tonträger für sein Grammophon setzt Emil Berliner statt einer Walze eine Scheibe ein, die sich – so ahnt er zumindest – viel einfacher duplizieren lässt. Um einen patentrechtlichen Konflikt mit dem pro­zessfreu­digen Edison zu vermeiden, ändert Berliner zudem den Winkel der schreibenden Nadel um 90 Grad, womit er die so genannte Seitenschrift (Berliner-Schrift) erfindet, eine Art Zickzack-Rille.

Berliners frühe Scheiben sind zwölf Zentimeter groß und laufen mit ungefähr 150 Umdrehungen pro Minute. Obwohl das schon ein wenig nach „compact disc“ riecht, kommt es der CD ein knappes Jahrhundert zuvor. Selbstverständlich funktionieren das Grammophon und diese neuartigen Schellackplatten so analog, wie es zu dieser Zeit nur analog funktionieren kann: rein mechanisch, mit Handkurbel oder Federaufzug, mit Stahlnadel und Trichter. Fortan schmettert Enrico Caruso, der junge Tenor, seine Arien in der guten Stube, und in jedem Haushalt, der auf sich hält, lauscht Berliners Reklame-Hündchen Nipper – pikanterweise von Edison abgelehnt – seinem Herrn. Die schwarzen Scheiben samt der passenden Abspielgeräte erobern weltweit die Herzen der Musikliebhaber.

Heute noch gebräuchliche Formate etablieren sich über Jahrzehnte hinweg: 30-Zentimeter-Platten werden 1904 vorgestellt, ebenso die beidseitige Bespielung. Die frühen dreißiger Jahre bringen 331/3 U/min und erste Stereoversuche. Mit der Vinyl-Schallplatte (erfunden 1948, käuflich ab 1952) macht der nunmehr fast unzerbrechliche Tonträger einen Riesensprung in punc­to Klangpotenzial und Praxistauglichkeit. 1958 ­er­scheint die erste Stereoschallplatte. „High Fidelity“ ist da längst ein geflügeltes Wort, und etliche Maschinen drängen auf den Markt, die heute – oft zu Recht – Kultstatus besitzen.

Von den tollen Musikmaschinen der Vergangenheit ist an manchen Stellen in diesem Buch auch zu lesen. Vorrangig aber stellen wir Ihnen faszinierende aktuelle Musikmaschinen vor, die im Hier und Heute bereit­stehen. Gerätschaften, die der Plattenspieler-Fan beim guten Fachhändler erleben kann. Vielleicht nicht gerade beim Elektrohöker um die Ecke, dafür aber bei den engagierten Analog-Spezialisten, die mit uns die Leidenschaft teilen für schwarzes Gold, feine Mechanik und traumhafte Materialkompositionen. Kurz: bei Enthusiasten, die auch selbst verdammt gut Musik hören wollen und keineswegs der Meinung sind, dazu gehöre in jedem Fall etwas Digitales. Im Gegenteil.

Unsere Auswahl umfasst einen gehörigen Teil dieser materialisierten Träume. Nicht alles hat Platz gefunden, denn das Angebot an Leckerbissen der Analogtechnik ist derzeit so groß und verführerisch wie noch nie – wohlgemerkt: ein Vierteljahrhundert nach Einführung der perfekten CD, rund zehn Jahre nach der Premiere noch viel perfekterer Hochbit-Formate sowie eines über­genialen Zerhäxlerprogramms namens MP3 …

Die Sehnsucht nach hochwertigen und im besten Sinne begreifbaren Produkten, nach „anständiger“ und „einsichtiger“ Technik also, ist seit einiger Zeit spübar größer geworden. Ein richtig guter Plattenspieler – bestückt mit einem richtig guten Tonarm, einem richtig guten Tonabnehmer und einer Lieblingsplatte – bietet geradezu ideale Voraussetzungen, diese Sehnsucht zu wecken, zu verstärken, zu stillen, zu pflegen.

Unser ausführlicher Streifzug durch die Analog­gemeinde stellt Ihnen Kunstwerke verschiedenster „Denkschulen“ vor. Gleich drei davon stammen von der Insel – zwei aus England, eines aus Schottland – und dürfen als Ikonen ihrer Spezies gelten. Der Linn LP12 als meistverkaufter, meistdiskutierter und meistmiss­verstandener High-End-Plattenspieler der Neuzeit. Der Rega P3 mit serienmäßiger Nichtausstattung, minimalisiert bis aufs vermeintlich nackte Basisbrett, ein Pfundskerl nicht nur auf der Waage. Und dann der Garrard 501, dieses fein gestimmte Musik­instrument aus längst vergangenen Reibrad-Zeiten, groß wie ein Rolls-Royce.

Dass beileibe nicht nur Briten feine Plattenspieler bauen können, beweist die deutsch-französische Koproduktion, aus der die Nouvelle Platine Verdier hervorging, ein zeitloses, innovatives, kraftvolles No-Nonsense-Design. Unwiderstehliche Hingucker sind zwei Dreher aus einheimischer Produktion, obwohl bei Transrotor und Brinkmann die Modelle ZET 3 und Balance noch lange nicht die Spitze des Machbaren darstellen. Dass man kleine Geschwister nie unterschätzen sollte, beweist der Pro-Ject Xperience. Er entstammt einer jungen, gleichwohl weit verzweigten Analog-Dynastie und glänzt mit moderaten Kosten, tadellosem Auftritt und dezenter Aufmerksamkeit – hier wird am Ende der Plattenseite berührungslos endabgeschaltet, das schont Mensch und Material.

Apropos: Für die Pflege eines kostbaren Kulturguts sollte uns nichts zu teuer sein. Gleichwohl liegen zwischen den Plattenwaschmaschinen von Loricraft und Okki Nokki sowohl ein paar Dezibel Geräuschentwicklung als auch ein paar große Scheine – die Sie womöglich erst einmal in unverzichtbares Werkzeug stecken, um die analogen Hardware-Träume perfekt einzustellen. Dieses Buch hält Tipps für alle Eventualitäten parat, vom schlauen Helferlein übers sagenumwobene System bis hin zum idealen Tonarm, der vielleicht sogar ge­braucht ist und SME 3012 R heißt. Lesen Sie außerdem, wie wahnsinnig kompliziert, gefährlich und verwirrend der korrekte Einbau von Tonarm und System ist – und wie viel Spaß dabei herauskommen kann. Schlendern Sie mit uns durch ein liebevoll gepflegtes Museum, das sich der Analoglegende Thorens widmet. Und schauen Sie mit uns hinter die Kulissen, um zu erfahren, wie heutzutage eine gute Schallplatte entsteht. Es ist immer noch eine faszinierende und aufregende Sache, diese Analogtechnik – 120 Jahre nach Emil.

Schallplattenproduktion

Pro-Ject

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Garrard

Verdier

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AEC