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Tonabnehmer Clearaudio Maestro Wood

Das Präzise

Text von: Uwe Heckers

Was geschieht eigentlich, wenn man den gleichen Aufwand in einem MM realisiert, der für gewöhnlich MCs vorbehalten bleibt?

MM-Systeme sind mittlerweile die Stiefkinder der analogen Produktvielfalt. Gerade mal gut genug für Einsteigerplattenspieler im Zusammenspiel mit einem kleinen Vollverstärker, bei denen sich der Hersteller hinreißen ließ, einen Phonozweig einzubauen – vielleicht will der Kunde ja doch mal eine alte, knisternde Schallplatte auflegen – aber für den ernsthaften Musikgenuss taugen sie wenig. So ungefähr könnte man den derzeitigen audiophilen Konsens beschreiben.

Das war aber nicht immer so. Bis Anfang der achtziger Jahre war das Prinzip des bewegten Magneten absolut dominierend. Dann kamen die CD und Tonabnehmer nach dem Prinzip der bewegten Spule in Mode. Der umfassende Markterfolg der CD und der damit einher­gehende Niedergang des Vinyls verhinderte letztlich eine Wiederkehr der großen MMs wie eines Audio Technica AT-24 oder eines Shure Ultra 500.

Doch einige Kenner dieser großen MMs ­vergangener Tage lassen sich nicht beirren und suchen ständig in Internet-Auktionshäusern nach funktionstüchtigen Systemen oder Ersatznadeln. Eine bisweilen frustrierende Angelegenheit, weil beileibe nicht jedes Angebot dem versprochenen fast neuwertigen Zustand entspricht. Auch werden die Systeme nicht jünger. Dämpfungsgummis werden härter (oder weicher – je nachdem), Lötstellen brechen und so weiter. Kurz, die meisten alten Schätzchen sind häufig alles andere als „mint“.

Peter Suchy, der Chef von Clearaudio, lässt die Liebhaber von Röhrenverstärkern, die sich die Kosten für einen Übertrager sparen wollen, nicht im Regen stehen und hat seinem MM-Spitzenmodell Maestro alles angedeihen lassen, was er auch seinen MC-Systemen gönnt. Wie auch das Melody aus gleichem Haus hat das Maestro Wood ein Gehäuse aus dem Tropenholz Satiné. Alternativ kann man das Maestro auch in einem Edelstahlgewand bestellen; dann wiegt es allerdings stolze zwölf Gramm und könnte den ein oder anderen Tonarm überfordern. Das sieben Gramm schwere Wood ist hingegen unproblematisch. Unproblematisch scheint es auch auf die Wahl des Tonarms zu reagieren. Sowohl im Vivid Two als auch im Dynavector DV-505 und im Micro Seiki MA-505 zeigte es seine Qualitäten.

Neben dem schönen Holzgehäuse, das bei der Justage hilfreiche Gewinde in den Halbzollbohrungen hat, kommt ein Nadelträger aus Bor zum Einsatz, an dessen Spitze ein nackter Diamant mit einem Clearaudio-eigenen Schliff namens „High Dynamic“ sitzt. Die aufwendige Politur des Diamanten ist nicht nur ein Garant für ein nebengeräuscharmes Gleiten durch die Rillen, sondern auch für eine lange Standzeit. So empfiehlt der Hersteller, das System nach ungefähr 2000 (!) Stunden überprüfen zu lassen. Der empfindliche Nadelträger ragt allerdings recht vorwitzig aus dem Gehäuse hervor, was Anlass zu Befürchtungen gibt, dass er bei unvorsichtigem Staubwischen schnell mal abbrechen könnte. Sollte das Unsägliche geschehen, kommt man mit 264 Euro für eine Ersatznadel und neuer Garantie recht glimpflich weg.

Ein weiterer Service von Clearaudio ist ebenfalls bemerkenswert: Man kann sein Maestro (oder jedes andere Clearaudio) einschicken und eine Vakuumreinigung sowie eine messtechnische Überprüfung des Systems für 50 Eu­ro durchführen lassen. Wenn allent­halben von der Servicewüste Deutschland geredet wird, kann die Firma Clearaudio also nicht gemeint sein.

Sieht so ein typisches MM aus? Holzgehäuse, Nadelträger aus Bor sowie ein aufwendig geschliffener und polierter Diamant sind eher die Zutaten für ein nicht ganz billiges MC

Wenn man sich das Maestro Wood zum ersten Mal anhört, kommt man nicht auf die Idee, ein „schnödes“ MM-System vor sich zu haben. Es hört sich eher so an, als ob das ­Maestro ein Moving Coil für deutlich mehr als die aufgerufenen 620 Euro wäre. Die Artikulationsfähigkeit dieses Systems ist schlichtweg hervorragend und lässt einen deutlich höheren Preis vermuten.

Das Maestro gehört zu den geradlinig klingenden Systemen. Man kann ihm tonal keine Schwäche nachweisen, und seine grob- wie feindynamischen Fähigkeiten sind auf einem sehr hohem Niveau angesiedelt. Es zeichnet den Konzertsaal in glaubwürdigen Proportionen nach, wobei Solisten bei entsprechenden Aufnahmen nicht übergroß vor dem Orches­ter dargestellt werden. Das kann man an Joaquín Rodrigos Concerto de Aranjuez (Göran Sölscher, Deutsche Grammophon) gut nachvollziehen. Es zeigt einem verblüffend viele Details, in denen man sich genussvoll verlieren kann. Der virtuelle Konzertsaal wird ein Stück weit hinter den Lautsprechern aufgebaut und scheinbar bis in den hintersten Winkel durchleuchtet.

Wenn man etwas kritisch anmerken wollte, dann dass das Maestro vielleicht für den einen oder anderen etwas zu wenig von der Wärme hat, die für viele MMs typisch ist. Andererseits hat eine Joan Baez auf Diamonds & Rust es gar nicht nötig, dass ihr ein Tonabnehmer zusätzlichen warmen Schmelz ver­passt. Joan ist durchaus in der Lage, allein kraft ihres Könnens den Zuhörer in ihren Bann zu ziehen. Und genau das zeigt das Ma­estro mit seiner wunderbaren Artikulationsfähigkeit.

Machen wir es kurz: Mit dem Maestro Wood wird ein erstklassiges Moving Magnet angeboten, das auch verwöhnte Ohren zufriedenstellen wird. Und berücksichtigt man weiterhin den exzellenten Service von Clearaudio, dann gibt es eigentlich keinen Grund mehr, sich auf die Suche nach längst vergangenen Tonab­nehmer-Schätzchen zu machen, über deren Gesundheitszustand man doch nur spekulieren kann.

Produktinfo

Tonabnehmer Clearaudio Maestro Wood

Funktionsprinzip: Moving Magnet (MM)

Nadelschliff: High Dynamic (HD)

Nadelnachgiebigkeit: 15 µm/mN

Ausgangsspannung: 3,6 mV

Empfohlener Abschlusswiderstand: 47 kΩ

Empfohlene Auflagekraft: 20–25 mN (22 mN)

Besonderheiten: nicht wechselbarer Nadelträger aus Bor

Gewicht: 7 g

Garantiezeit: 2 Jahre

Preis: 620 Euro (Nadeltausch 264 Euro)

Kontakt

www.clearaudio.de