Tonabnehmer AEC London C91 Black
Das Rasante
Text von: Uwe Heckers
Sind Sie bereit für ein Decca? Denn dieser altehrwürdige Generator versteckt sich hinter dem aktuellen, etwas kryptischen Namen.
Jeder Vinyl-Fan kennt grandiose Aufnahmen, die unter dem Label Decca entstanden. Nur wenige haben auch wahrgenommen, dass sich die Decca nicht nur um die Software, sondern auch um die Hardware verdient gemacht hat. Und wäre John Wright nicht gewesen, gäbe es heute nicht mal mehr diese bemerkenswerten Tonabnehmer zu erstehen. Denn Mr. Wright hat 1989 als ehemaliger Mitarbeiter die vor der Auflösung stehende Special-Products-Abteilung von der Decca gekauft und produziert weiterhin – allerdings unter dem Label London – die klassischen fünfeckigen Blech-Tondosen. Unermüdlich hat er an der Verbesserung der Systeme gearbeitet und mit dem London Jubilee und dem London Reference sehr edle und sehr kostspielige Varianten dieses uralten Generators entwickelt. Um den weltweiten Vertrieb kümmert er sich indes nicht. Das macht die Firma Presence Audio, von der auch der deutsche Vertrieb Audio Int'l die Systeme bezieht. Eigenwilligerweise werden sie in Deutschland aber nicht unter dem Label London, sondern unter dem Kürzel „AEC“ angeboten, teilweise umlackiert und auch umbenannt. So kommt es, dass das kleinste „Decca“ – das London Maroon – in Deutschland (und auch nur hier) „AEC London C91 Black“ genannt wird. Nun ja, die Fußball-Weltmeisterschaft heißt jetzt ja auch FIFA-WM …
Die Decca-Systeme sind technisch etwas Besonderes. Ähnlich den Tonabnehmern von Grado funktionieren sie nach dem Prinzip des bewegten Weicheisenteilchens (Moving Iron, MI). Anstelle der bei MMs üblichen Magnete befinden sich Eisenstückchen oder -bleche am Ende eines Nadelträgers, die sich innerhalb eines starren Arrangements von Magneten und Spulen bewegen. Durch die Bewegung des Eisens wird eine Veränderung der magnetischen Flussdichte erzeugt, die wiederum eine Spannung in den Spulen induziert. Da die Spulen nahezu beliebig groß gemacht werden können – sie müssen ja nicht wie bei den MCs bewegt werden –, kann man auch die Spannung leicht auf ein hohes Niveau anheben. Ein aktuelles Black bringt es dabei auf beachtliche fünf Millivolt bei einer Schnelle von fünf Zentimetern pro Sekunde.
Wenn auch das Prinzip ähnlich einem Grado-Tonabnehmer ist, so ist die konstruktive Umsetzung eine ganz andere. Am ehesten lässt es sich mit dem exotischen Ikeda vergleichen, das ebenfalls auf einen Nadelträger verzichtet. Der Diamant sitzt am kurzen Ende eines L-förmig gebogenen Blechstreifens, der fast senkrecht aus der Unterseite des fünfeckigen Systemkörpers ragt. Auf dem Weg nach oben passiert der magnetische Blechstreifen die erste Magnetspulenanordnung, die für die horizontalen Bewegungsanteile der modulierten Rille zuständig ist. Direkt anschließend knickt der Blechstreifen nach hinten weg und verläuft zwischen zwei weiteren Magnetspulenanordnungen, die die vertikalen Bewegungsanteile aufnehmen. Damit das Blech samt Diamant nicht mit der sich drehenden Schallplatte mitgerissen wird und immer im richtigen Winkel zur Plattenoberfläche steht, hält ein gespannter Faden den Diamant in Position.
Der eigentliche Generator ist in einem fünfeckigen Blechgehäuse untergebracht, das mittels eines roten Kunststoffhalters an die Headshell des Tonarms montiert wird. Dieser Halter, „Bracket“ genannt, hat zwei mit Gewinden ausgestattete Halbzoll-Bohrungen und kann erstmal ohne das eigentliche System am Tonarm montiert werden. Der Generator wird anschließend von unten auf das Bracket aufgeschoben. Die Justage ist etwas knifflig, da der Diamant allenfalls nur etwas mehr als einen Millimeter unterhalb des Systemkörpers hervorragt und man daher etwas Mühe hat, den Tonabnehmer korrekt auszurichten.

Auch der technisch zwingend notwendige Spannfaden kann dieses System nicht wirklich bändigen, trägt jedoch zur fesselnden Dynamik des AEC London C91 Black bei
Die schnell austauschbaren Generatoren haben einen interessanten Vorteil. Es wird nämlich von AEC London auch ein Monosystem angeboten, das genauso schwer ist und die gleiche Auflagekraft benötigt. Deshalb kann man es blitzschnell wechseln, wenn man eine Monoaufnahme mono hören will.
Normalerweise bin ich äußerst skeptisch, wenn irgendwelche Konstruktionsprinzipien als Alleinstellungsmerkmal herangezogen werden, um die angebliche Überlegenheit eines Produktes zu untermauern. Im Fall des Generatorprinzips der Deccas und hier speziell beim praktisch nicht vorhandenen Nadelträger mache ich eine Ausnahme. Die ultrakurze Nadelaufhängung sorgt für eine Impulstreue, die es dem System gestattet, gröbste wie feinste Dynamiksprünge mit einer Präzision abzutasten, wie sie so wirklich kein anderes mir bekanntes Tonabnehmersystem zu bieten hat. Man kann das sehr gut mit Kraftwerks „Die Roboter“ (Die Mensch-Maschine, EMI) nachvollziehen. Fast abartig, mit welchem Druck und Elan die staubtrockenen Bässe und elektronischen Impulse reproduziert werden.
Aber auch subtilere Musikrichtungen sowie klassische Musik bekommen durch die pfeilschnelle Dynamik eine Ausdruckskraft, die so oder so ähnlich nur wenige Konkurrenten hinbekommen. Zusammen mit der bemerkenswerten Unverfärbtheit des Blacks gelingt es zum Beispiel Kate Bush mit ihren dahingehauchten Passagen in „A Coral Room“ (Aerial, EMI) auf eine Art die Seele zu berühren, dass sich bei einem fast schon zwangsläufig eine Gänsehaut einstellt. Für mich nach wie vor ein untrügliches Zeichen, dass irgendetwas musikalisch betrachtet richtig läuft. Und muss ich wirklich erwähnen, was in der heimischen Hörkemenate los ist, wenn man Edvard Griegs „In der Halle des Bergkönigs“ (Peer Gynt, Decca SXL 2012) auflegt?
Durch die Dynamik stellt sich ein Live-Charakter ein, der so unmittelbar und direkt ist, als würde man den Interpreten gegenübersitzen. Genau diese Unmittelbarkeit könnte vielleicht dem einen oder anderen des Guten zu viel sein. Auch ist natürlich der Auflösung des Blacks – bedingt durch seinen sphärischen Diamanten – eine gewisse Grenze gesetzt. Die fällt allerdings nur dann auf, wenn man weiß, dass es hie und da noch detailreicher zur Sache gehen könnte.
Wer mehr Auflösung wünscht und trotzdem auf die lebendige Direktheit nicht verzichten möchte, der greife zum AEC London C91 Silver (elliptisch) oder gar zum Gold (Extended Line Contact). Mehr „Livehaftigkeit“ gibt es nämlich nirgends.
Produktinfo
Tonabnehmer AEC London C91 Black
Funktionsprinzip: Moving Iron (MI)
Nadelschliff: sphärisch
Nadelnachgiebigkeit: 15 µm/mN lateral, 7,5 µm/mN vertikal
Ausgangsspannung: 5,0 mV
Empfohlener Abschlusswiderstand: 47 kΩ
Empfohlene Auflagekraft: 15–20 mN (18 mN)
Besonderheiten: kein wechselbarer Nadelträger, spezielle Halterung (Bracket), die einen schnellen Wechsel von Stereo- und Mono-Systemen ermöglicht
Garantiezeit: 1 Jahr
Preis: 685 Euro
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